1791_Klinger_059_67.txt

Inneren, als er Worms in der Ebene vor sich liegen sah.

4.

Sie ritten beide die Landstrasse hinan, und als sie noch einige Steinwürfe von der Stadt entfernt waren, sahen sie einen Galgen nah an derselben, an welchem ein schlanker, wohlgestalteter Jüngling hing. Faust blickte hinauf. Der frische Abendwind, der durch seine blonde, über sein Gesicht gefallene Haare blies und ihn hin und her schaukelte, entdeckte Fausten seine jugendliche Bildung. Er brach bei diesem Anblick in Tränen aus und rief mit bebender stimme:

"Armer Jüngling, in der ersten Blüte des Lebens schon hier am verfluchten Holze? Was kannst du verbrochen haben, dass dich das Gericht der Menschen so früh verurteilt hat?"

TEUFEL mit ernstem und feierlichem Tone: Faust, dieses ist dein Werk!

FAUST: Mein Werk?

TEUFEL: Dein Werk! Sieh ihn genau anes ist dein ältester Sohn!

Faust blickte hinauf, erkannte ihn und sank vom Pferde.

TEUFEL: Schon jetzt vernichtet? So wirst du mich bald um die Früchte meiner Mühe bringen, die ich nur in deinem Jammer ernten kann. Winsle und stöhne, die Stunde naht, worin ich dir den dicken Schleier von den Augen reissen muss. Höre! ich will mit einem Atemzug das verworrne Labyrint weghauchen, in welchem du dich nicht finden konntest, dir Licht über die Wege der moralischen Welt geben und dir zeigen, wie gewaltsam du sie durchkreuzt hast. Ich, ein Teufel, will dir zeigen, mit welchem Rechte und Gewinn ein Wurm wie du sich zum Richter und Rächer des Bösen aufwirft und in die Räder dieser so ungeheuren und fest gestimmten Maschine greift. Langsam will ich dir alles zuzählen, damit das Gewicht eines jeden deines Frevels, einer jeden deiner Torheiten schwer auf deine Seele falle. Erinnerst du dich des Jünglings, den ich auf deinen Befehl bei unserm Auszug aus Mainz vom Ersaufen erretten musste? Ich warnte dich, du wolltest dem Zug deines Herzens gehorchen, vernimm nun die Folgen. Hättest du jenen Bösewicht ertrinken lassen, so würde dein Sohn nicht an diesem schändlichen Holze sein Leben verloren haben. Er, um deswillen du durch die Führung des Schicksals verwegen griffst, nahte sich bald nach deiner Entfernung deinem jungen verlassnen weib. Der Glanz des Goldes, das wir ihr so reichlich hinterlassen hatten, reizte ihn mehr als ihre Jugend und Schönheit. Es war ihm ein leichtes, das Herz der von dir Vernachlässigten zu gewinnen, und er machte sich in kurzem so zum Meister davon, dass sie ihm ihre Führung und alles, was sie besass, überliess. Dein Vater wollte sich seiner Wirtschaft widersetzen, der junge Mann schlug und misshandelte ihn, er suchte seine Zuflucht in dem Hospitale der Armen, wo er vor einigen Tagen vor Kummer über dich und deine Familie gestorben ist. Da ihn dein Sohn darauf mit heftigen Vorwürfen anfiel und ihm drohte, trieb er auch ihn aus dem haus. Dieser irrte in der Wildnis herum, schämte sich zu betteln, kämpfte lange mit dem Hunger, stahl endlich in einer Kirche dieser Stadt einige Groschen von einem Opferteller, ihn zu stillen, tat es aber so unvorsichtig, dass man ihn bemerkte, und der hochweise Magistrat liess ihn aus Rücksicht seiner Jugend nur hängen, ob er ihnen gleich unter Tränen sagte, er habe in vier Tagen nichts als Gras verschlungen. Deine Tochter ist in Frankfurt, nährt sich mit Prostituierung ihrer Jugend jedem, der sie dazu auffordert; dein zweiter Sohn dient bei einem Prälaten, der die Jünglinge dazu braucht, wozu mich der Papst einst brauchen wollte und wofür er eine so billige Taxe im Sündentarif festsetzte. Der junge, von mir gerettete Mann raubte endlich deinem weib das letzte; dein Freund, den wir vom Bettelstab retteten, versagte deinem alten Vater seine hülfe, stiess deine Kinder, die zu ihm flüchteten und um Brot flehten, weg, und nun will ich dir deine Familie zeigen, damit du mit Augen siehst, was du aus ihnen gemacht hast. Dann will ich dich wieder hierher reissen, Rechnung mit dir halten, und du sollst eines Todes sterben, wie ihn kein Sterblicher gelitten hat. Ich will deine bebende Seele herumzerren, bis du dastehest, ein erstarrtes Bild der Verzweiflung.

5.

Der Teufel ergriff den Jammernden, flog mit ihm nach Mainz, zeigte ihm sein Weib und seine zwei jüngsten Kinder, mit Lumpen bedeckt, vor dem Franziskanerkloster sitzen, um die ekelhaften Überbleibsel des Nachtessens dieser Mönche abzuwarten. Als die Mutter Fausten erblickte, schrie sie: "Ach Gott, Faust, euer Vater!" deckte ihre Augen mit ihren Händen zu und sank in Ohnmacht. Die Kinder liefen zu ihm, hingen sich an ihn und schrien um Brot.

FAUST: Teufel, gebiete über mein Schicksal, lass es schrecklicher sein, als es das Herz des Menschen tragen und fassen kann, nur gib diesen Elenden und errette sie vor Schande und Hunger!

TEUFEL: Ich habe für dich die Schätze der Erde geplündert, du hast sie der Wollust und dem Vergnügen aufgeopfert, ohne dieser Elenden zu gedenken. Fühle nun deine Torheit, dieses ist dein Werk; du hast das Gewebe zu ihrem Schicksal gesponnen, und deine hungrige, bettlerische und elende Brut wird den von dir ausgesäten Jammer durch Kinder und Kindeskinder fortpflanzen. Du zeugtest Kinder, warum wolltest du nicht ihr Vater sein? Warum hast du da das Glück gesucht, wo es nie ein Sterblicher gefunden hat? Blikke sie noch einmal an