1791_Klinger_059_66.txt

der Erschlagenen von allen Altern, beider Geschlechter bedeckt, und diejenigen, die aus den Zauberbechern getrunken hatten, gingen kalt unter den Toten herum, vernünftelten, spotteten und kritisierten über die Bauart des Tempels, massen seine Höhe und Breite, um seine Verhältnisse zu berechnen, und bestimmten sie um so zuverlässiger, je weiter sie von der Wahrheit entfernt waren. Faust ging an ihnen vorüber, und als er dem Tempel nahte, las er über seinem Eingang folgende Worte: Sterblicher! wenn du tapfer gestritten, treu ausgehalten hast, so tritt herein und lerne deine edle Bestimmung kennen!

Sein Herz glühte bei diesen Worten, und er hoffte auf einmal das ihn quälende Dunkel zu durchbrechen. Kühn drang er nach dem Tempel, stieg die hohen Stufen hinauf, sah, wie eine schimmernde, rosenfarbene Dämmerung ihn füllte, hörte die sanfte stimme des Genius, er wollte hineintreten, die eherne Pforte fuhr mit einem dumpfen Schall vor ihm zu, und er bebte zurück. Nun dünkte ihn, dass der Tempel, der vorher auf ebenem Boden gestanden, auf drei grossen Säulen ruhte, woran er die Symbole der Geduld, Hoffnung und des Glaubens erkannte. Seine Begierde, in die Geheimnisse des Tempels zu dringen, nahm durch die Unmöglichkeit noch mehr zu; auf einmal fühlte er sich Flügel, erhub sich und fuhr mit solchem Ungestüme gegen die eherne Pforte, dass er zurückgeschleudert in den tiefsten Abgrund sank und in dem Augenblick zitternd aus dem Schlaf auffuhr, als er den Boden zu berühren glaubte. Er schlug betäubt die Augen auf, eine blasse, in ein weisses Totentuch gehüllte Gestalt, in der er seinen Vater erkannte, riss die Bettvorhänge auseinander und sprach mit klagender stimme:

"Faust! Faust! Nie hat ein Vater einen unglücklichern Sohn gezeugt, in diesem Gefühl bin ich nun eben gestorben. Ewig, ach ewig liegt die Kluft der Verdammnis zwischen mir und dir!"

3.

Dieses bedeutende Gesicht und die schaudervolle Erscheinung durchbebten die Seele Fausts, er sprang auf, öffnete das Fenster, um freie Luft zu atmen, die ungeheuren Alpen lagen vor ihm, die aufgehende Sonne vergoldete nun eben ihre Spitzen, und dieses Bild schien ihm eine Dolmetschung seines Gefühls. Er versank in tiefe Betrachtungen, das Luftgebäude seines Stolzes fiel zusammen, und die schlummernden Empfindungen seiner Jugend schossen hervor, um seine Qual zu vermehren. Der Gedanke, sein Leben dem Wahn geopfert, die Kraft seines Geists nicht genützt, in dem Strudel der Wollust, in dem Geräusche der Welt verbraust zu haben, drang durch seine Seele. Er bebte vor der Entüllung des nächtlichen Gesichts zurück, schon arbeitete sein Geist an der Deutung der Bilder, als sein Herz ihn ins Dunkel zurücktrieb:

"Woher kamen nun diese Ungeheuer, die die fleissigen Arbeiter überfielen? Wer berechtigte sie zu dem Frevel, sie in ihrer Arbeit zu stören und sie unter ihrem edlen Tagwerk zu ermorden? Wer liess es zu? Wollte, konnte er's nicht hindern, der es zuliess? Wenn ich die Bilder des Gesichts recht verstehe, so deuten sie auf die Grundstützen der in Gesellschaft gesammelten Menschen, und jede derselben behauptet ihren Ursprung vom Himmel. Ist ihr Vorgeben Betrug, warum leidet der schmähliche Strafe, welcher sie antastet? deuten sie auf Missbrauchwie dann? So ist alles Missbrauch unter der Sonne, so soll es so sein, und mein Unwille ist gerecht. Ist es nicht das Werk eines Höhern, den wir nicht befragen können, der uns nichts entüllt hat? Warum erlagen so viele Tausende der Wut dieser Ungeheuer? Konnte, wollte sie der Genius nicht alle bergen? Sind einige vorherbestimmt, als Opfer für die andern zu fallen? Wer steht mir dafür, dass ich nicht einer von denen bin und sein muss, den das Los der Verwerfung bei der Entstehung getroffen? Mussten es diese mit ihrem Leben erkaufen, damit jene im Triumph einzögen und der Ruhe genössen? Was haben die Unglücklichen verschuldet? Was die verschuldet, die lechzend nach dem Becher griffen, ihren glühenden Durst zu stillen?"

So trieb er sich lange auf dem Meere der Zweifel herum, als ihm durch die Erscheinung seines Vaters seine seit so langer Zeit vergessne Familie einfiel. Er fasste den Entschluss, zu den Verlassnen zurückzukehren, in die bürgerliche Ordnung wiederum einzutreten, sein Gewerbe zu treiben und sich von der lästigen Gesellschaft des Teufels zu befreien. So machte er sich nun auf den Weg zu seiner Heimat, wie viele, die unbestimmtes jugendliches Brausen für Genie halten, mit grossen Ansprüchen in die Welt treten, das wenige Feuer ihrer Seele schnell verdampfen und mit den schalen Überbleibseln sich nach kurzem auf eben dem Punkte befinden, von dem sie ausgelaufen, sich und der Welt zur Last. Faust kochte dieses alles im stillen aus, er ritt stumm, düster und mürrisch an der Seite des Teufels. Dieser überliess ihn gerne seinen Betrachtungen, lachte seines Entschlusses und verkürzte sich die Zeit mit der süssen Hoffnung, bald wieder den süssen Dampf der Hölle zu riechen. Er freute sich schon im voraus darauf, wie er des Satans spotten wollte, der ihm Fausten als einen Kerl besondrer Kraft empfohlen hätte, den er doch vor der Entwicklung seines Schicksals so mürbe sah. Er stellte sich den Kühnen in dem Augenblick vor, da er ihm zum erstenmal erscheinen musste, und nun sah er ihn gebeugt wie einen büssenden Mönch neben sich her reiten. Sein Hass gegen ihn nahm zu, und er jauchzte in seinem schwarzen