gewiss aus seinem scholastischen Jahrhundert in unser hell philosophisches hinüber gesprungen, wenn ihm der Teufel Zeit dazu gelassen hätte.
Wenigstens war er auf dem Wege, ein Philosoph wie Voltaire9 zu werden, der nur überall das Böse sah, es hämisch hervorzog und alles Gute verzerrte, wo er es fand. Oder mit einem edlern Philosophen zu reden: der überall den Teufel sah, ohne an ihn zu glauben.
2.
Faust lag in einem süssen Morgenschlummer auf der Grenze Italiens, als sich ein sehr bedeutender Traum vor seinem Geist mit lebhaften Farben malte, den eine schaudervolle Erscheinung beschloss. Er sah den Genius der Menschheit, der ihm einst erschienen, auf einer grossen blühenden Insel, die ein stürmisches Meer umfloss, unruhig auf und nieder wandern und sehr ängstlich nach den empörten Fluten blicken. Das tobende Meer war mit unzähligen Kähnen bedeckt, in welchen Greise, Männer, Jünglinge, Knaben, Kinder, Weiber und Jungfrauen von allen Völkern der Erde sassen, die mit allen Kräften gegen den Sturm arbeiteten, um die Insel zu erreichen. Sowie die Glücklichen nach und nach landeten, luden sie verschiedne Baumaterialien aus, die sie in verworrnen Haufen hinwarfen. Nachdem eine unzählbare Menge das Land betreten hatte, entwarf der Genius auf der erhabensten Stelle der Insel den Grundriss zu einem grossen Bau, und jeder der Menge, alt und jung, schwach und stark, nahm von den verworrnen Haufen ein schickliches Stück und trug es nach der Anweisung derer, die der Genius erlesen hatte, an den gehörigen Ort. Alles arbeitete mit Freuden, Mut und Unverdrossenheit, und schon erhub sich das Gebäude hoch über der Erde, als sie auf einmal von grossen Scharen überfallen wurden, die aus einem dunklen Hinterhalt in drei Haufen auf sie drangen. An der Spitze eines jeden stunde ein besonderer Heerführer. Der erste trug eine schimmernde Krone auf seinem haupt, auf seinem ehernen Schilde glänzte das Wort Gewalt, in seiner Rechten hielt er einen Zepter, der wie der Stab Merkurs mit einer Schlange und einer Geissel umwunden war. Vor ihm her ging eine Hyäne, die ein Buch im blutigen Rachen trug, auf dessen rücken geschrieben stunde: Mein Wille! Sein Heer war mit Schwertern, Speeren und andern zerstörenden Werkzeugen des Krieges bewaffnet. Der zweite Heerführer war eine erhabene Matrone, deren sanfte Züge und edle Gestalt unter einem Priestergewand versteckt waren. Auf ihrer Rechten ging ein hagres Gespenst mit blitzenden Augen, der Aberglauben, mit einem Bogen, der aus Knochen der Toten gebildet und zusammengesetzt war, und mit einem Köcher voll giftiger Pfeile bewaffnet. Auf ihrer Linken schwebte eine wilde, phantastisch gekleidete Gestalt, die Schwärmerei, die eine brennende Fackel führte; beide drohten unter scheusslichen Verzerrungen des Gesichts und führten als gefangne Sklavin die edle Matrone an Ketten. Vor ihnen her ging die Herrschsucht, auf ihrem haupt eine dreifache Krone, in der Hand einen Bischofsstab, und auf ihrer Brust schimmerten die Worte: Religion! Der Aberglauben und die Schwärmerei erwarteten mit Ungeduld das Zeichen von dieser, dem Drang ihrer Wut, die sie kaum halten konnten, folgen zu dürfen. Ihr Heer war ein verworrner, tobender, bunt gekleideter Haufen, und jeder desselben führte einen Dolch und eine brennende Fackel. Der dritte Heerführer ging mit stolzen und kühnen Schritten einher, er war in das bescheidne Gewand des Weisen gekleidet und hielt, wie jeder seines Haufens, einen Becher in der Hand, der mit einem schwindelnden und berauschenden Getränke gefüllt war. Diese zwei letzten Haufen tobten und schrien so entsetzlich, dass das Tosen und Gebrause der Wellen, das Geheul des Sturms nicht mehr zu hören war.
Als sie den Arbeitern nah waren, mischten sich die drei Haufen auf Befehl ihrer Führer untereinander und fielen diese mit ihren zerstörenden Waffen in grimmiger Wut an. Die Mutigsten der Arbeiter warfen ihre Werkzeuge weg, griffen zu den Schwertern, mit denen sie begürtet waren, um die Feinde zurückzuschlagen. Die andern verdoppelten indessen ihren Eifer, das angefangne Werk zu vollenden. Der Genius deckte seine mutige Streiter und fleissige Arbeiter mit einem grossen glänzenden Schilde, den ihm eine Hand aus den Wolken reichte; er konnte aber die unzählbare Menge nicht bergen. Mit tiefem Schmerze sah er viele Tausende der Seinigen unter den vergifteten Pfeilen und den mördrischen Waffen hinsinken. Viele liessen sich von den Vorspieglungen und Lockungen derer betören, die ihnen die bezauberten Becher als Erquickung darreichten, taumelten dann in wildem Rausche herum und zerstörten die mühsame Arbeit ihrer hände. Die mit den fackeln Bewaffneten machten sich mit ihren Dolchen einen Weg, warfen ihre fackeln in das angefangne Gebäude, schon loderte die Flamme und drohte das herrliche Werk in die Asche zu legen. Der Genius sah mit schmerzvollem blick auf die Gefallnen und Verirrten, sprach den übrigen Mut zu, flösste ihnen durch seine Standhaftigkeit und Erhabenheit Kraft, Geduld und Ausharren ein. Sie löschten die Flammen, stellten das Zerrüttete her und arbeiteten unter Verfolgung und Tod mit solchem Eifer, dass trotz der Wut und dem Hass ihrer Feinde ein grosser, herrlicher, edler Tempel emporstieg. Der Sturm legte sich, und helle sanfte Heiterkeit ergoss sich über die ganze Insel. Hierauf heilte der Genius die Verwundeten, tröstete die Müden, pries die tapfern Streiter und führte sie unter Siegesgesängen in den Tempel ein. Ihre Feinde stunden betäubt vor dem Riesenwerk und zogen sich, nachdem sie vergebens versucht hatten, dessen Feste zu erschüttern, ergrimmt zurück. Faust befand sich nun selbst auf der Insel. Das Feld um den erhabenen Tempel war mit Leichen