1791_Klinger_059_61.txt

er seiner Schwester gegeben hatte. Alphonso von Aragonien ward an der Schwelle des Palasts des Gonfaloniere ermordet, als er sich eben zu ihm begeben wollte, einer Maskerade beizuwohnen, wozu alle Grossen Roms eingeladen waren, die Vorstellung der Siege Cäsars anzusehen, die Borgia als Vorbedeutung der seinigen aufführen liess. Bald darauf setzte er sich mit seinem Heere in Marsch, und nach einigen Monaten stahl der Teufel dem Papst folgenden Brief aus der tasche, den er Fausten zu lesen übergab:

Heiliger Vater!

Ich küsse Ew. Heiligkeit Füsse. Sieg und Glück haben mich begleitet, und ich ziehe sie hinter mir her wie meine Sklaven. Ich hoffe, Cäsar ist nun seines Namens würdig, denn auch ich kann sagen: ich kam, sah und siegte. Der Herzog von Urbino ist in die Schlinge gefallen, die ich ihm gelegt habe. Vermöge des Breves Ew. Heiligkeit bat ich ihn um seine Artillerie unter dem Vorwand, Eure Feinde zu bekriegen. Von allen den Gunstbezeigungen, womit wir ihm geschmeichelt haben, verblendet, schickte er mir durch einen Edelmann seine Einwilligung schriftlich zu. Unter dieser Maske sandte ich einige Tausende nach Urbino, die sich auf meinen Befehl der Stadt und des ganzen Landes bemächtigten. Leider ist er auf das Gerücht hiervon selbst entflohen, aber die mächtige und gefährliche Familie Montefeltro hat bezahlen müssen, und ich habe die ganze Brut vernichten lassen. Hierauf stiess der betörte Vitellozzo mit seinen Völkern bei Camerino zu mir. Ich liess den Cäsar von Varano im Wahn, ihn mit guten Bedingungen aus Camerino abziehen zu lassen, und überfiel die Stadt in dem Augenblick, da er beschäftigt war, die Artikel der Übergabe niederzuschreiben. Ich hoffte der ganzen Familie durch einen Streich ein Ende zu machen, aber leider ist mir der Vater entwischt, seine beiden Söhne liess ich erdrosseln und schmeichle mir, der Gram soll ihnen den Alten nachsenden. Bald darauf zog ich von Camerino aus und beorderte Paul Orsino, Vitellozzo und Oliverotto mit ihren Völkern nach Sinigaglia, das sie nach meiner Anweisung bestürmten, um ihr künftiges Grab mit eigner Hand zu bereiten. Nun sah ich alle unsre Feinde in dem fein gesponnenen Netze, schickte meinen treuen Michellotto mit seinen Gesellen voraus, mit dem Bedeuten, dass jeder auf meinen Wink einen von unsern Feinden ergreifen sollte. Ich setzte mich in Marsch, die Betörten kamen mir entgegen, mir ihre achtung zu bezeigen, und liessen nach meinem Wunsche ihre Mannschaft zurück. Ich führte sie unter Liebkosungen in die Stadt, und in dem Augenblick, als meine Völker ihre verlassnen Haufen überfielen, fasste Michellotto mit seinen Angehörigen jeder seinen Mann. So machte ich mich zum Herrn der Länder und Schlösser derer, die wir mit der Hoffnung von Eroberungen über ihre Feinde betört haben. Die folgende Nacht liess ich sie im Kerker erwürgen. Michellotto, dem ich dieses Geschäft übertragen, hat mir mit vielem lachen erzählt, Vitellozzo habe um weiter nichts gebeten, als dass man ihn doch nicht ermorden möchte, bis er die Absolution seiner Sünde von Ew. Heiligkeit erhalten könnte. Man sage mir noch einmal, es gehöre Kunst dazu, sich zum Herrn der Menschen zu machen! Sobald Ew. Heiligkeit die Orsinis und die übrigen wird eingezogen haben, will ich ihnen den Pagola, den Herzog von Gravina und die andern gleichfalls ohne Eure Absolution nachsenden. Ich hoffe, Ew. Heiligkeit wird sich aus meinem Bericht überzeugen, dass ich der Krone wert bin, die ich mit Mut und Verstand zu erwerben weiss. Vorher hatte ich Faenza mit seinem Herrn Astor, einem überaus schönen Knaben von zehen Jahren, genommen. Er soll leben, solange er zu meinem Vergnügen dient, denn wahrlich, nie hat ein Sieger einen reizendern Ganymed zur Beute erhalten, und herrschte der lüsterne Jupiter noch, so würde ich den gefährlichen und mächtigen Nebenbuhler fürchten. Sollte Carraccioli, der General der Venetianer, dessen schöne Frau ich auf ihrer Reise aufheben liess und die mir nun mit Astor die Arbeit würzt, nach Rom kommen, so empfehlt ihn dem Bruder meines Michellottos. Ich höre, dass er viel Lärmens macht, und da er ein hitziger Kopf ist, so muss man seiner Rache zuvorkommen. Die Venetianer verstehen ihren Vorteil zu gut, als dass sie sich um seinetwillen mit uns überwerfen sollten. Das Geräusch der Waffen hat mich der Angelegenheiten meiner Schwester nicht vergessen machen. Der Abgesandte des ältesten Sohns des Herzogs von Este ist auf dem Wege, die Vermählung in seinem Namen mit ihr zu vollziehen, und ich hoffe ihr noch beizuwohnen. Wir sind nun der Kolonne, der Orsinis, Salviatis, Vitellozzos und all unsrer gefährlichen Feinde los! Lasst uns noch das Haus Este und Medicis vertilgen, Ludwig den Zwölften sich wie sein Vorgänger in Italien aufreiben, wer wird es dann noch wagen, gegen die Borgias aufzustehen? Ich küsse Ew. Heiligkeit die Füsse etc.

Cäsar Borgia. Gonfalonier.

Faust sah nach Lesung dieses briefes finster gegen Himmel und rief: "Er ist dein Stattalter, nennt sich nach dir, dein Volk betet ihn an, und deine Gläubigen flehen ihn um Absolution ihrer Sünde in dem Augenblick, da er sie erwürgen lässt! Ein blutschändrischer Meuchelmörder vertritt deine Stelle auf Erden, Tyrannen geisseln und erwürgen deine Völker, du schläfst, und sie nennen dich ihren Vater! Ist alles Feuer in den Eingeweiden der Erde verloschen? hast du es ausgeblasen? vermag es nicht mehr durch die dicke Kruste der verfluchten Erde zu brechen, um die wahnsinnigen, die scheusslichen Verbrecher