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Wurm, der an seinem Herzen zu nagen anfing, durch die wildesten Genüsse zu betäuben suchte. Er sah, wie jeder schwarze Streich, den er erlebte, sein Herz mehr vergällte und sein verblendeter Geist sich immer mehr überzeugte, dass alles das, was er sah und hörte, in der natur des Menschen gegründet sei und man sich ebenso wenig über diese Greuel zu verwundern habe als darüber, dass der Wolf ein Räuber sei, der alles ohne Schonung zerreisse, seinen Heisshunger zu stillen. Der Teufel unterstützte dies mit den Sophismen, die spätere Philosophen in Systeme gebracht haben, leerte die Schätze der Erde, schleppte Kleinodien zusammen, und Faust wütete unter den Jungfrauen und Matronen Roms, zerstörte tausend moralische und glückliche Verhältnisse der Familien und glaubte nicht genug an dem Menschengeschlecht verderben zu können, das, wie er meinte, der Verwüstung geweiht sei. Der Unterricht der Lucretia hatte längst seine Sinne vergiftet, und die Wollust seine dämmernde gute Gefühle so vernichtet, dass sich bald zu Menschenhass Menschenverachtung gesellte, welche Empfindung, wie der Teufel ihn versicherte, die einzige ist, die den Mann von Verstand von dem Dummkopf unterscheidet. Die Bande der sanften Menschheit zogen sich in seinem Herzen zusammen, und er glaubte in der Leitung des himmels die Hand eines Despoten zu entdecken, die, unbekümmert auf das einzelne, nur für den gang und die Erhaltung des Ganzen wache. Die Welt kam ihm nun wie ein stürmisches Meer vor, auf welches das Menschengeschlecht geworfen ist, von dem Winde hin und her getrieben, der diesen an einem Felsen zerschmettert, den andern in den Hafen bläst, und wo der Verunglückte noch dafür verantworten muss, dass er sein Steuer nicht besser geführt, ob man ihm gleich eines aus so schwachem Stoff gegeben, das sich an jeder daherrauschenden Welle zerbricht.

15.

Alexander hatte eine Lustjagd in Ostia veranstalten lassen. Es begleitete ihn daher ein grosses Gefolge von Kardinälen, Bischöfen, Damen und Nonnen, welche letztere man wegen besondrer Verdienste aus den Klöstern gezogen, um die Gelagen reizender zu machen. Der Teufel war beständig auf der Seite des Papsts, und Faust war von der Lucretia unzertrennlich. Jeder überliess sich in Ostia dem Zug seiner tierischen natur, und man beging in den wenigen Tagen Ausschweifungen, wobei ein Tiber und Nero noch etwas hätte lernen können. Faust hatte nun gelegenheit, den Menschen, nach dem Ausdruck des Teufels, in seiner scheusslichen Nackteit zu beobachten; aber was waren alle diese Szenen der Üppigkeit gegen die Anschläge, die der Papst, um sich von der Ermattung der Lust zu erholen, mit seinen Bastarden in Gegenwart Fausts und des Teufels fasste? Hier ward beschlossen, den Alfonso von Aragonien, den Gemahl der Lucretia, zu ermorden, um dem König von Frankreich einen Beweis zu geben, dass man willens sei, mit dem König von Neapel gänzlich zu brechen und ihm zur Eroberung der Krone Siziliens beizustehen. Ludwig der Zwölfte war schon durch Alexanders Vermittlung in Italien eingebrochen, und die Borgias sahen dadurch alle ihre Anschläge reifen. Lucretia übertrug diese blutige Tat ihrem Bruder und sah sich schon als Witwe an. Hierauf ward der Plan zu dem folgenden Feldzug entworfen, sich aller Städte, Kastelle und Herrschaften der Grossen Italiens zu bemächtigen, jeden ihrer Besitzer mit seiner Nachkommenschaft zu ermorden, damit keiner am Leben bliebe, der einen Anspruch darauf zu machen hätte und ihnen durch künftige Verschwörungen beschwerlich sein könnte. Um das Heer zu unterhalten, diktierten Alexander und Cäsar der Lucretia eine Liste der reichen Kardinäle und Prälaten, die man nach und nach vergiften wollte, um sie vermöge des Rechts des päpstlichen Stuhls zu beerben.

Nach dieser geheimen Beratschlagung begab man sich zu dem Abendessen. Der Papst war mit seinen Entwürfen und ihrer nahen Erfüllung so zufrieden, dass er sich der ausschweifendsten Laune überliess und den Ton zu einem Bacchanal angab, wozu man die Züge im Petron und Sueton suchen mag; doch er vergass dabei der sorge für den Staat nicht ganz und fragte in der Glut des Weins die Anwesenden, wie er es anfangen müsste, die Einkünfte des päpstlichen Stuhls zu erhöhen, um das grosse Heer einige Feldzüge durch zu unterhalten. Nach vielen Projekten schlug Ferara von Modena, Bischof von Patria, der würdige Minister Alexanders, durch welchen er die Ämter der Kirche an den Meistbietenden verkaufen liess, vor, Indulgenzen unter dem Vorwand eines bevorstehenden Türkenkriegs durch Europa zu predigen, und setzte als wahrer päpstlicher Finanzier hinzu, der törichte Wahn der Menschen, ihre Sünden durch Gold abzukaufen, sei die sicherste Quelle des Reichtums eines Papstes.

Lucretia, die in dem Schoss ihres Vaters lag und mit Fausts blonden Locken spielte, sagte lächelnd:

"Die Rolle der Indulgenzen entält solche abgeschmackte, veraltete und alberne Sünden, dass damit nicht viel zu gewinnen ist. Man hat sie in dummen und barbarischen zeiten entworfen, und es ist einmal Zeit, einen neuen Sündentarif zu machen, wozu Rom selbst die besten Artikel liefern kann."

Die von Wein und Wollust begeisterte Gesellschaft freute sich des glücklichen Einfalls, und der Papst forderte einen jeden auf, neue Sünden vorzuschlagen, zu taxieren, die zu wählen, die am meisten im Gange wären und folglich am meisten eintrügen.

BORGIA: Heiliger Vater, überlasst dies den Kardinälen und Prälaten, sie sind am besten damit bekannt.

Ferara von Modena, Bischof von Patria, setzte sich als Sekretär nieder.

EIN KARDINAL: Nun dann, so will ich beginnen, die Quelle des Reichtums zu öffnen. Schreibe, Ferara