und abwarten, bis Glück oder Zufall etwas für die tun wollen, die es nicht wagen, sich zu ihrem Herrn und Meister zu machen? denkst du, ein Leben, das ich im Konsistorium und der Kirche hinschmachte, sei für einen Geist wie der meine gemacht? Bin ich für diese Pfaffereien geboren? Hätte die natur, ich weiss nicht warum, meinen Bruder Francisco nicht vor mir in die Welt gestossen, würden nicht alle die Ehrenstellen, wodurch man allein grosse Aussichten befördern kann, auf mich gefallen sein? Würdest du, braver Michellotto, noch das sein, was du bist? Weiss mein Bruder die Vorteile zu nutzen, die ihm der Papst und das Glück darbieten? Lass mich an seine Stelle treten, und mein Name soll bald durch ganz Europa erschallen! Mich stempelte die natur zum Helden und ihn, den Sanftern, zum pfaffen. Wir müssen also den verhassten Streich zu verbessern suchen, den uns der Zufall gespielt hat, wenn wir das erfüllen wollen, wozu wir geboren sind. Sieh uns beide an! wer kann sagen, wir seien von einem Vater? Und was liegt nun daran, dass er mein Bruder ist? Wer sich über andre erheben will, muss alle Hindernisse seines Emporsteigens mit Füssen treten und die weichlichen, schwachen Bande der natur, Zärtlichkeit und Verwandtschaft vergessen; ja, wenn er ein Mann ist, auch wohl seine hände in das Blut derer tauchen, die seinem unternehmenden Geist durch ihr Dasein Fesseln sind. So taten alle grosse Männer, so handelte der Stifter des unsterblichen Roms. Damit Rom werde, was er in ahndungsvollem geist sah, musste sein Bruder fallen, damit Cäsar Borgia gross werde, muss sein Bruder bluten. Rom soll von neuem durch mich der Sitz eines mächtigen Königs werden, mein Vater soll mir die Leiter zu meinem Emporsteigen halten, und dann will ich unter ihm den Stuhl Petri zerschlagen, den Betrug geheiligt hat, dieses Volk von dem schimpflichen Joche der Priester befreien und wiederum zu Männern und Helden machen. So sterbe der, der mir ein Hindernis ist, dass wir wachsen und der Welt zeigen können, was wir sind. Ob ich ihn nun gleich in der Dunkelheit der Nacht ohne allen Verdacht ermorden könnte, so will ich doch dir diese Tat überlassen, damit du ein noch stärkeres Recht erhaltest, meine künftige Grösse und mein Glück mit mir zu teilen. Ich reise morgen nach Neapel, um als Legat der Krönung des Königs beizuwohnen. Meine Mutter Vanosa, die es, unter uns, müde ist, ihren unternehmenden Cäsar als Kardinal zu sehen, und früh den Helden in mir entdeckt und angefeuert hat, gibt mir, meinem Bruder und unsern Freunden heute ein Abendessen. – Mein Bruder wird spät in der Nacht zu einer uns gemeinschaftlichen Buhlerin schleichen, und ich müsste Michellotto schlecht kennen, wenn er den Weg zu seinem Palast zurück fände. Ich heisse Cäsar und will alles oder nichts sein."
Michellotto fasste des Kardinals Hand, dankte ihm für sein Zutrauen, berief sich auf die Beweise seiner Treue und Ergebenheit und entfernte sich, um einige seiner Gesellen auf die Tat vorzubereiten.
Faust und der Teufel wurden zu dieser Abendmahlzeit gleichfalls eingeladen. Die Gäste waren sehr munter. Francisco überhäufte seinen Bruder mit Zärtlichkeit, ohne dessen Entschluss zu erschüttern. Nach dem Essen nahm Cäsar Abschied von seiner Mutter, um sich zu dem Papst zu begeben, seine letzten Befehle abzuholen; sein Bruder erbot sich, ihn eine Strecke weges zu begleiten, um das Vergnügen seiner Gesellschaft noch einige Augenblicke länger zu geniessen. Faust und der Teufel folgten ihnen. Francisco trennte sich bald von dem Kardinal, nachdem er ihm vorher in das Ohr gelispelt, wohin er sich begäbe. Der Kardinal wünschte ihm lachend Glück, umarmte ihn und nahm Abschied von ihm. Er eilte nach dem Vatikan, endigte sein Geschäft, suchte die Meuchelmörder am bestimmten Orte auf und erteilte seine Befehle. Faust war bei der Schwester eines Principe abgestiegen, und der Teufel, der das schwarze Drama seiner Entwicklung nah sah, lenkte es so ein, dass er sich mit Fausten in dem Augenblick an der Tiber befand, als Dom Michellotto den Leichnam des ermordeten Herzogs in den Fluss versenken liess. Faust wollte auf die Mörder zusprengen, der Teufel hielt ihn zurück und sagte:
"Nahe nicht und halte dich still, dass dich keiner entdecke, ihrer sind Tausende in Rom, und du bist in dem Vatikan selbst an meiner Seite deines Lebens nicht sicher, wenn sie gewahr werden, dass du sie beobachtest. Der Ermordete, den sie nun versenken, ist Francisco Borgia, sein Mörder ist sein Bruder, und das, was du nun siehest, ist das Vorspiel von Taten, die einst der Hölle selbst Erstaunen abzwingen werden."
Hierauf entüllte er ihm das ganze finstre Gewebe und wiederholte ihm die Rede des Kardinals an Michellotto. Faust antwortete kälter, als der Teufel es erwartete:
"Ich fasse denn ihre Taten leichter als die Hölle, und was kann man wohl von einer Familie anders erwarten, wo der Vater und die Brüder blutschänderisch mit der Tochter und der Schwester leben? Der Papst nennt sich den Stattalter Gottes, die Menschen erkennen ihn dafür, und der, der ihn an seine Stelle gesetzt hat, scheint mit seinem Regimente zufrieden, was soll Faust dazu sagen, von dem die Kirche fordert, dass er ihn anbete; aber, Teufel, wer mir einer noch etwas Gutes von den Menschen sagt, den