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dem ersten blick von dem Wunsche durchglüht fühlte, den Becher der Freude aus der Hand derjenigen zu empfangen, die ihn so schäumend darreichte.

11.

Faust und der Teufel waren in wenigen Tagen mit der päpstlichen Familie auf dem Fuss der Vertraulichkeit. Eines Abends wurden sie zu einem Schauspiel ins Vatikan eingeladen, welches Fausten mehr in Erstaunen setzte als alles, was er bisher am päpstlichen hof gesehen hatte. Man spielte die Mandragola. Der edle Machiavell hatte dieses Schauspiel geschrieben, um durch die Zügellosigkeit desselben dem römischen hof ein auffallendes Gemälde von den schlechten Sitten der Klerisei vorzustellen und ihm zu beweisen, dass sie die Quelle der Verderbnis der Laien sei. Er betrog sich hier in seinem edlen Zwecke, wie er sich später betrog, da er in seinem Fürsten die Greuel der Tyrannei der Welt aufdeckte. Die Tyrannen und ihre Stützen, die Mönche, verschrien den als Lehrer der Tyrannei, der sie ärger als ein Sterblicher hasste, ihr durch sein Werk einen tötlichen Streich beizubringen suchte, und das verblendete Volk liess sich von ihren Betrügern so betäuben, dass sie ihren Arzt als einen Vergifter ansahen. So ging es auch hier; die Mandragola wurde beklatscht, ergötzte viele Abende den päpstlichen Hof, und keiner ausser dem Teufel und Faust merkte, dass die Satire Machiavells durch den Beifall des Papsts und der ganzen Klerisei um so giftiger wurde. Faust hörte von dem Papst, den Kardinälen, Nonnen und Damen Dinge beklatschen und preisen, die nach seiner Meinung selbst die üppigen römischen Kaiser nicht auf der Bühne würden geduldet haben. Aber dieses Staunen wurde bald von lebhaftern Szenen verdrängt, und er merkte, dass die Taten Alexanders und seiner Bastarde alles übertrafen, was die geschichte zur Schande der Menschheit aufgezeichnet hat. Lucretia, welcher ihn seine reiche Geschenke noch mehr als sein kraftvolles Ansehen empfahlen, weihte ihn kurz darauf in die Geheimnisse der Wollust ein, und er fühlte in ihren Armen, dass der päpstliche Hof im Besitz von Geheimnissen sei, wovon die übrige blödsinnige christliche Welt nichts ahndete. Durch diese innige Verbindung entdeckte er ihr blutschändrisches Verhältnis mit ihren beiden Brüdern, dem Kardinal und dem Herzog, und da er sie eines tages mit dem Papst, ihrem Vater, überraschte, zu dem er und der Teufel geheimen Zutritt hatten, so fand er, dass er sie nicht allein mit den Brüdern, sondern auch mit Seiner Heiligkeit teilte. Der einzige Misshandelte war Alfonso, der die Ehre hatte, sich ihren Gemahl zu nennen. Nun sah Faust die Ursache des bittern Hasses des Kardinals gegen seinen Bruder ein, dessen Grund Eifersucht über die Gunstbezeigungen der Schwester war. Er hatte ihn oft schwören hören, er würde sich noch an ihm auf die blutigste Art rächen.

Wenn sich Faust den Tag über am hof und in der Stadt in allen Lüsten herumgewälzt hatte, so pflegte er gewöhnlich dem Teufel abends die Ohren über die Laster der Menschen zu ermüden. Ihr Anblick empörte ihn, ob er gleich weder Kraft noch Willen hatte, einer seiner Neigungen zu widerstehen. gewöhnlich endigte er mit dem Ausruf: "Wie ist es möglich, dass ein solches Ungeheuer Papst werden konnte."

Der Teufel, der genau wusste, wie es bei seiner Wahl zugegangen (denn einer der Fürsten der Hölle war damals im Konklave), erzählte ihm:

Wie Alexander als Vizekanzler des päpstlichen Stuhls die Stimmen der Kardinäle gekauft und wie er diese, nachdem er seinen Zweck erhalten und sie ihn an die Erfüllung seines Versprechens erinnert, teils verjagt, teils unter verschiednem Vorwand auf die grausamste Art habe hinrichten lassen.

FAUST: Dass sie schlecht genug waren, ihn zum Papst zu machen, begreife ich, aber wie sie ihn ertragen, dies geht über meine Fassung.

TEUFEL: Die Römer sind sehr wohl mit ihm zufrieden. Er sorgt für den Pöbel, mordet, plündert die Grossen und wird durch seine Verbrechen den päpstlichen Stuhl mehr in die Höhe bringen als alle seine Vorgänger. Können sie wohl einen bessern Papst wünschen als einen, der ihre Laster durch sein eigenes Beispiel heiligt? der ihnen noch über die Indulgenzen durch seine Taten beweist, dass der Mensch vor keiner Sünde erschrecken muss?

12.

Der Papst hatte seinen ältesten Bastard Francisco in einem Konsistorium zum General des heiligen Stuhls gemacht, und der Kardinal fasste in demselben Augenblick den Entschluss, seinen Bruder auf die Seite zu schaffen, um seinem Ehrgeiz ein weiteres Feld zu eröffnen. Seine Mutter Vanosa hatte ihm vertraut, die Absicht des Papsts sei, dem Herzoge auf den Ruinen der Fürsten Italiens einen Tron zu errichten und durch ihn als den Erstgebornen alle die Anschläge zur Vergrösserung seiner Familie auszuführen. Der Kardinal, der die Meuchelmörder zu Hunderten in seinem Solde hatte, liess seinen getreuen Dom Michellotto aufsuchen und hielt folgende Rede an ihn:

"Wackrer Michellotto, es sind nun schon fünf Jahre, dass mein Vater auf dem päpstlichen Stuhl sitzt, und noch bin ich das nicht, was ich sein könnte, wenn wir unsre Geschäfte etwas klüger betrieben hätten. Er hat mich zum Erzbischof, endlich zum Kardinal gemacht; aber was ist dieses für einen nach Taten und Ruhm strebenden Geist? Kaum reichen meine Einkünfte zu dem Nötigen hin, und ich bin unvermögend, Freunde, die mir wesentliche Dienste tun, nach dem Wunsche meines Herzens zu belohnen. Bist du, Michellotto, nicht selbst ein Beweis davon? Sage, hab ich etwas von der grossen Schuld abtragen können, die deine Dienste an mich einfordern können? Sollen wir denn immer nur stillesitzen