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und fragte mit teutscher Ehrlichkeit, ob sich die zwei Herren wohl um die schöngeschmückte Ziege schlügen. Er hatte bemerkt, dass die zwei Champions bei jeder Pause mit vieler Zärtlichkeit nach der Ziege blickten und sie nach Rittergebrauch um Beistand bei der Gefahr anzuflehen schienen. Der Italiener antwortete ihm kalt: "Allerdings, und ich hoffe, unser General wird ihn dafür zur Hölle schicken, dass er, ein unter seinem Befehl stehender Ritter, es gewagt hat, die schönste Ziege der Welt aus seinem Zelte zu entführen, während er herumritt, das Lager des Feinds zu erkennen." Faust trat zurück, schüttelte den Kopf und wusste nicht, ob er wachte oder träumte. Der Teufel liess ihn einige Augenblicke in dieser Verwirrung, endlich sagte er ihm was ins Ohr, wobei Faust errötete und das das Papier besudeln würde. Der Zweikampf ging mittlerweile immer hitzig fort, bis das Schwert des päpstlichen Generals eine Öffnung in dem Panzer des Ritters fand und ihn in seinem Blut auf den Boden streckte. Er blies seine Seele unter Flüchen weg und nahm mit seinem letzten blick zärtlich von der Ziege Abschied. Der General ward von den Anwesenden frohlockend empfangen, der Schildknappe führte ihm die Ziege zu, er nannte sie seine Kamilla und streichelte sie unter süssen Liebkosungen.

Faust entfernte sich von dem Kampfplatz und wankte zwischen dem Kitzel zu lachen und dem Gefühl des Unwillens, als der Teufel ihm folgendes hinwarf:

"Faust, dieser lustige Zweikampf hat dich mit dem päpstlichen General bekannt gemacht; aber der gegen ihm über stehende ist nicht weniger merkwürdig. Dieser schlug sich auf Gefahr seines Lebens um eine weisse Ziege, und der andre hat schon zwei seiner Weiber, aus den besten Häusern Italiens, vergiftet und mit eigner Hand erdrosselt, um schnell von ihnen zu erben. Er freit wirklich um die dritte, und wenn er auf den Füssen bleibt, so wird sie vermutlich ein gleiches Schicksal haben. Beide sind übrigens sehr religiöse Männer, halten Prozessionen, widmen dem Himmel Gelübde und flehen ihn um Sieg an; für welchen glaubst du, dass er sich erklären müsste?"

Faust machte dem Teufel ein wildes Gesicht und liess die hämische Frage unbeantwortet; der Teufel aber, der sich an seiner Prahlerei über den moralischen Wert des Menschen rächen wollte, unterliess nicht, noch einige bittre Glossen über die Liebhaberei des päpstlichen Generals und über die Schlechtigkeit des Menschen überhaupt zu machen, worauf Faust, der ihn eben auf der äussersten ertappte, noch weniger zu antworten fand.

10.

Der Anblick Roms und seiner grossen Ruinen, auf welchen noch der mächtige Geist der alten Römer zu schweben schien, überraschte Fausten, und da er mit ihrer geschichte ziemlich bekannt war, so erhub sich seine Seele bei der lebhaften Erinnerung und Vorstellung dieses einzigen volkes der Erde; aber die neuen Bewohner der ehemaligen Königin der Welt füllten sie bald mit andern und niedrigern Gegenständen. Auf des Teufels Rat kündigten sie sich als teutsche Edelleute an, die die Herrlichkeit Roms nach Italien gezogen, ihr Staat, Gefolge und Aufwand aber liess mehr hinter ihnen vermuten. Die Äbte, Mönche, Matronen, Kuppler, Kupplerinnen, Scharlatane und Pantalons drängten sich zu ihnen und trugen ihnen ihre Dienste in dem Augenblick an, als das Gerücht ihrer Ankunft durch alle die Zünfte derer erscholl, die das bequeme Handwerk ergriffen haben, von den Lastern und Torheiten der Menschen zu leben. Sie trugen ihnen ihre Schwestern, Töchter, ihre Weiber und Verwandten an, malten ihre Reize und Vorzüge mit so feuriger Beredsamkeit, dass der von allen Seiten bestürmte Faust nicht wusste, wo er angreifen sollte. Da diese Kuppelei auf die possierlichste Art mit dem Gewand der zügellosen Üppigkeit und der strengen Religion zugleich bekleidet war, so dünkte es Fausten, dieses Volk brauche die Religion zu nichts anderm, als durch sie den Zuruf der inneren empörten menschlichen natur bei ihren Schandtaten und Greueln zu stillen und zu beruhigen.

Den Tag nach ihrer Ankunft erhielten sie eine Einladung von dem Kardinal Cäsar Borgia, einem der vielen Bastarde des Papsts; er empfing sie auf das prächtigste und nahm es über sich, sie Seiner Heiligkeit dem Papst vorzustellen. Sie ritten mit ihrem Gefolge in dem grössten Staat nach dem Vatikan, und der Teufel küsste mit Fausten den Pantoffel Seiner Heiligkeit. Faust verrichtete dieses in dem Glauben eines wahren katolischen Christen, der den Papst für das hält, wofür er sich ausgibt, und der Teufel dachte bei sich: wenn mich Alexander kennte, ich würde ihn vielleicht zu meinen Füssen sehen. Nachdem die äussere Zeremonie vorüber war, liess sie der Papst in seine innere Zimmer einladen, wo er sich freier mit ihnen besprach. Hier wurden sie mit seinen übrigen Bastarden, der berühmten Lucretia und Francisco Borgia, dem Herzog von Gandia, bekannt etc.

Der Papst fand die Gesellschaft des schönen und gewandten Teufels Leviatans so sehr nach seinem Geschmacke, dass er von dem ersten Augenblick eine besondre Gunst gegen ihn äusserte, die, wie wir sehen werden, bald bis zu der äussersten Vertraulichkeit stieg. Faust hielt sich an den Kardinal Borgia, der ihm von den Genüssen und Freuden Roms ein so lüsternes Gemälde entwarf, dass er nicht wusste, ob er sich im Vatikan oder in einem Tempel der irdischen Venus befände. Dieser machte ihn mit seiner Schwester Lucretia, der jetzigen Gemahlin Alfonsos von Arragonien, genauer bekannt. Sie stellte die sinnliche Wollust in den gefährlichsten Reizen verkörpert vor und nahm Fausten auf eine Art auf, dass er wie bezaubert vor ihr stunde und sich bei