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im Glanz des Hofes und der herrschaft erscheinen zu können, ob sie gleich durch die empörten Grossen des Reichs mit ihrem künftigen Rächer, dem Grafen Reichmond, in gleiche Verbindung getreten war. Dieses brachte Fausten so auf, dass ihn selbst die Reize der schönen Engländerinnen nicht länger in dieser Insel fesseln konnten, er verliess sie im finstern Groll, denn so kalt und ohne allen Schleier hatte er noch nicht Verbrechen begehen sehen. Er war noch nicht in Rom gewesen. Als sie im Begriff waren, sich einzuschiffen, sagte der Teufel zu ihm:

"Dieses Volk, Faust, wird eine Zeitlang unter dem Joche des Despotismus seufzen, dann einen seiner Könige auf dem Blutgerüste der Freiheit opfern, um sie seinen Nachfolgern für Gold und Titel zu verkaufen. übrigens ein wackres Volk im Laster und ein guter Rekrutierungsplatz für die Hölle."

Hierauf führte er ihn nach Mailand, wo sie den Herzog Galeas Sforza am heiligen Stephanstage in der Domkirche ermorden sahen. Faust hörte die Meuchelmörder mit lauter stimme den heiligen Stephan und heiligen Ambrosius anrufen, ihnen zu ihrem edlen Vorhaben den gehörigen Mut zu verleihen.

In Florenz, dem Sitz der Musen, sahen sie den Neffen des grossen Kosmus, des Vaters des Vaterlands, in der Kirche Santa reparata in dem Augenblick an dem Altar ermorden, da der Priester den Leib des Herrn emporhub; dieses war das Zeichen zum Mord, welches den Mördern der Erzbischof von Florenz, Salviati, gegeben hatte. Der Papst hatte ihn zu dieser Tat durch seinen Neffen anwerben lassen, die Mediceer zu vertilgen, um in Italien zu herrschen; doch dieses gehört zur spätern geschichte der Kirche.

Im Norden sahen sie wilde Barbaren und Trunkenbolde ebenso morden und verwüsten wie die übrigen aufgeklärteren Europäer. In Spanien fanden sie den Betrug und die Heuchelei unter der Maske der Religion auf dem Trone, sahen in einem Autodafé dem milden Gott der Christen Menschen durch die Flamme opfern und hörten den Grossinquisitor Torquemada gegen die heuchlerische Isabella und den trugvollen Fernando sich rühmen, dass das heilige Gericht bereits achtzigtausend verdächtigen Personen den Prozess gemacht und sechstausend Ketzer wirklich lebendig verbrannt hätte. Als Faust das erstemal die Damen und Kavaliere auf dem grossen Platz in all ihrem Glanz versammelt sah, schmeichelte er sich, einem Freudenfest beizuwohnen, da er aber die Elenden unter der Prozession der Gott lobenden Priester heulen und wehklagen hörte, überzeugte er sich bald, dass der Missbrauch der Religion den Menschen zu dem abscheulichsten Ungeheuer der Erde macht. Er genoss indessen unter Verwünschung des ganzen menschlichen Geschlechts noch immer der Freuden des Lebens und der schönen Weiber in Engelland, Florenz und Spanien, fing endlich an zu glauben, alle diese Greuel gehörten notwendig zu der natur des Menschen, der ein Tier sei, das entweder zerreissen oder zerrissen werden müsste.

9.

Der Teufel, der Fausten durch alle diese Szenen wund und durchglüht sah und bemerkte, dass sein moralischer Sinn durch das Beschauen dieser Schandtaten immer mehr in Rauch aufging, beschloss, ihn nun zum Nachtisch an den päpstlichen Hof zu führen. Diesen sah er als die reiche Quelle der Laster, als die grösste Schule der Verbrechen an, woraus sie, von dem Oberhaupte der Religion und dem Stattalter Gottes gleichsam geheiligt, zu den andern Völkern Europas flössen. Er sagte zu Faust:

"Du hast nun gesehen, wie alle Höfe Europas sich gleichen und wie die Menschen regiert werden, lass uns jetzt nach Rom ziehen, um zu sehen, ob es mit der Kirche und der geistlichen Regierung besser steht."

Der Listige schmeichelte sich, Alexander der Sechste, der damals die dreifache Krone trug und die Schlüssel zu dem Himmel und der Hölle in seiner Gewalt hatte, sollte seinem finstern Plan gegen Fausten den Schwung geben und seine eigne Rückkehr in die Hölle befördern. Längst war er des Aufentalts auf Erden müde, denn da er seit Jahrtausenden schon so vielmal dieselbe durchzogen hatte, so sah er doch, so sehr ihn auch die schwarzen Taten der Menschen ergötzten, nur immer das Alte. Das Einerlei ist so ermüdend, dass ein Teufel leicht das Dunkel dem Licht vorziehen kann, ihm zu entfliehen, da die Menschen aus dieser Ursache wenigstens die Hälfte ihrer Torheiten begehen, die sich nur zu oft mit Verbrechen enden.

Auf dem Wege nach Rom stiessen sie auf zwei gegeneinander gelagerte Heere. Das eine kommandierte Malatesta von Rimini, das andre ein päpstlicher General. Die tückische Politik Alexanders, die den jungen König aus Frankreich nach Italien gelockt und dann zurückgetrieben hatte, arbeitete nun durch heimlichen Gift, Meuchelmord und offne Fehde, alle die Grossen zu berauben, um aus ihren Herrschaften und Kastellen Fürstentümer für seine Bastarde zusammenzusetzen. Er fing zuerst mit den Schwächsten an und hatte dies kleine Heer ausgeschickt, dem Malatesta Rimini zu entreissen. Als Faust und der Teufel die Landstrasse hinaufritten, sahen sie auf einer Anhöhe, unweit des päpstlichen Lagers, zwei stattliche Männer in einen sehr hitzigen Zweikampf verwickelt. Die Neugierde trieb Fausten näher, der Teufel folgte ihm, und sie merkten bald, dass sich die zwei erhitzten Kämpfer nicht zu trennen gedächten, bis einer dem Schwerte des andern erläge. Das aber, was Fausten am sonderbarsten vorkam, war eine schneeweisse Ziege, mit bunten Bändern geschmückt, die ein Schildknappe als den Preis des Sieges zu halten schien und mit welcher er ganz kalt neben den zwei Wütenden stunde. Viele Ritter hatten sich auf der Anhöhe versammelt, um Zeugen des Ausgangs zu sein, den sie mit vieler Gleichgültigkeit abwarteten. Faust nahte sich einem von ihnen