Feuer glühend machen liessen, das Geschrei des geplagten Menschen das Brüllen eines Ochsen ganz genau nachahmen würde, welches Seiner Majestät viel Vergnügen machen könnte. Phalaris antwortete: Wackrer Perillus, es ist billig, dass der Künstler sein Werk selber probe! Hierauf musste der Künstler in den Ochsen kriechen, es ward Feuer darunter gelegt, er brüllte wie ein Ochs, und so spielte vor tausend Jahren Phalaris die geschichte, die der allerchristlichste König mit Euch, ehrwürdiger Bischof von Verden, nur wiederholt hat.
BISCHOF: O hätt ich doch dieses Beispiel früher gewusst, es sollte mir zur Warnung gedient haben.
FAUST: Da seht Ihr, Ehrwürden, dass zuzeiten die geschichte auch einem Bischof nutzen kann. Lasst Euch die Zeit nicht lang werden; über das Schicksal dieser Unglücklichen weint man, und über das Eure lacht man.
7.
Faust wollte nun diesen König sehen, dessen scheussliche Taten seine Einbildungskraft so erhitzt hatten, dass er sich ihn kaum unter einer menschlichen Gestalt vorstellen konnte. Der Teufel stellte ihm die Unmöglichkeit vor, in das Schloss Plessis du Parc, worin Feigheit und Furcht den Tyrannen gefangen hielten, in ihrer wahren Gestalt zu dringen, und setzte hinzu, dass ausser den nötigen Dienern, seinem Quäler, dem Arzt, seinem Beichtvater und seinem Freund, dem Henker, nebst einigen Astrologen kein Mensch ohne besondere Erlaubnis eingelassen würde.
FAUST: So lass uns andre Gestalten annehmen.
TEUFEL: Gut, ich will zwei seiner Trabanten entfernen, und wir wollen ihren Dienst unter ihrer Gestalt verrichten, um diesen König und sein Glück in der Nähe zu beobachten. Der Augenblick, den Elenden zu sehen, ist trefflich. Die Furcht vor dem tod rächt schon vor der Hölle seine Taten an seinem feigen Herzen, und in dieser Marter sinnt er Tag und Nacht, wie er ihn entfernen möchte, zieht ihn dadurch immer näher, und sieht ihn jede Sekunde scheusslicher. Komm, ich will dich zum Zeugen seines Jammers machen.
Der Teufel führte seinen Vorschlag aus, und sie stunden beide als Trabanten im Inneren des Schlosses, wo die Stille des Grabes wohnte und die schaudervollen Schrecken des Todes herumschwebten. Hierher hatte sich der verbannt, vor dem Millionen bebten, um der Rache der Verwandten der Ermordeten, der Furcht vor seinem Sohn, in dem er den Rächer seines Vaters zu sehen glaubte, auszuweichen. Dem Auge seiner Untertanen konnte er in dieser peinlichen Gefangenschaft entfliehen, aber ihm folgte die Qual seines Herzens, das Leiden seines Körpers, umsonst ermüdete er den Himmel mit Flehen um Gesundheit und Ruhe, vergebens suchte er ihn mit Geschenken an Heilige, Priester und Kirchen zu bestechen, umsonst behing er seinen siechen, kraftlosen Körper mit Reliquien aus allen Teilen der Erde; der Gedanke: Du musst sterben! nagte gleich einer giftigen Schlange in seinem geängsteten Busen. Kaum wagt er aus seinem Zimmer zu gehen, weil er fürchtet, in jedem, auf den er stösst, einen Mörder zu finden. Treibt ihn die Angst in die freie Luft, so bewaffnet er sich mit Dolch und Speer und hüllt sein zusammengeschrumpftes Gerippe in prächtige Kleider, um ihm einen gelognen Glanz zu geben, zeigt sich nur von weitem, damit das Auge der fern Stehenden nicht die Maskerade wahrnehme. Tag und Nacht blickt er angstvoll durch die Schiesslöcher des Turms, ob keine Feinde nahen, seinem traurigen Leben ein Ende zu machen. Vierhundert Trabanten wachen unaufhörlich um die düstre Höhle des abgelebten Wüterichs, der sein Dasein nur noch durch Grausamkeiten zu erkennen gibt. Ihr dumpfer Zuruf erschallt jede Stunde dreimal von Posten zu Posten durch die einsame Stille, und jeder Schrei erinnert den Tyrannen an seine schreckliche Lage. Das Feld um das Schloss ist mit Fussangeln bestreut, damit keine Reuterei nahen kann, es zu überfallen. An den inneren Mauern hängen Ketten, an welche grosse und schwere Kugeln geschmiedet sind, um seine gepeinigte Diener zu fesseln, wenn sie etwas verabsäumen. Rund um das Schloss sind Galgen aufgerichtet, und sein einziger wahrer Freund, der Henker Tristan, geht forschend umher, Opfer auszuspähen, um die Angst des Tyrannen durch ihre Hinrichtung zu mindern, denn in jedem Verurteilten sieht er einen Feind seines Lebens weniger. Zuzeiten schleicht er hinter die Scheidewand neben der Folterkammer, um die Bekenntnisse der Verdächtigen zu belauschen, ergötzt sich an ihren Qualen und findet Trost für die seinigen darinnen. Bedeckt mit Reliquien, an seinem Hut ein bleiernes Bild der Mutter Gottes, seiner vermeinten Beschützerin, trinkt er das Blut der ermordeten Säuglinge, lässt sich von seinem Arzt martern, dem er monatlich zehntausend Taler bezahlt, bestürmt den Himmel mit unablässigem Gebet, stirbt jeden Seigerschlag und vermehrt bei jedem seiner Gedanken die Schrecken des Todes, dessen Namen auszusprechen bei Strafe des Hochverrats verboten ist.
So zeigte der Teufel Fausten den gefürchteten Ludwig, und Fausts Herz ergötzte sich an der Blässe seiner Wangen, an den Furchen, die die Angst auf seine Stirne gegraben. Er weidete sich an seinem Todesschweiss, an seinem beklommnen Atem und sättigte sich an seiner Qual. Schon wollte er dem ekelhaften Aufentalt entfliehen, als ihm der Teufel ins Ohr raunte, den kommenden Tag abzuwarten, eine besondre Szene anzusehen. Der König hatte vernommen, dass in Kalabrien ein Eremit Martorillo lebte, den man in ganz Sizilien als einen Heiligen verehrte. Dieser Tor hatte von seinem vierzehenten bis zu seinem vierzigsten Jahr auf einem spitzen Felsen gelebt, seinen Körper durch Fasten gemartert und seinem geist alle Nahrung versagt; aber der Schein des Heiligen bedeckte den Dummkopf