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Nervensaft, den Mechanismus des Körpers und der Würkung der Seele auf die Materie anzustellen.

Um ihrer Neugierde und ihrem Forschungsgeist Gnüge zu leisten, lockten sie unter allerlei Vorwand arme, unbedeutende Leute nach einem von der Stadt abgelegnen haus, dessen obern teil sie so eingerichtet hatten, dass man weder von aussen noch von innen wahrnehmen konnte, was darinnen vorging. Hier banden sie diese Unglücklichen mit Stricken auf einen langen Tisch, legten ihnen ein Querholz in den Mund, lösten ihnen eine Haut nach der andern ab, entblössten ihre Muskeln, Nerven, ihr Herz, Gehirn und zerlegten sie bei lebendigem leib mit eben der Kälte und Aufmerksamkeit, als man einen unempfindlichen Leichnam anatomiert. Um recht hinter das, was sie suchten, zu kommen, nährten sie diese Elenden gewaltsam mit stärkenden Brühen und liessen sie viele Tage lang unter Messerschnitten und langsamem Zerreissen der Bande des Lebens des peinlichsten Tods hinsterben. Der Teufel wusste, dass sie eben versammelt waren, und sagte zu Faust: "Du hast einen Wundarzt gesehen, der aus Menschenliebe oder Neigung für seine Wissenschaft den geräderten Mörder heilet; ich will dir nun Naturkündiger zeigen, die, um Geheimnisse zu erforschen, die ihr nie ergründen werdet, ihre Brüder lebendig schinden. Du scheinst zu zweifeln? Komm und überzeuge dich. Wir wollen zwei Doktoren vorstellen."

Er führte ihn in das entlegne Haus, sie traten in das gewölbte Arbeitszimmer, das kein Tageslicht erleuchtete. Hier sahen sie die Naturkündiger einen dieser Unglücklichen, dessen Fleisch unter ihren Händen zitterte und dessen aufgerissne Brust unter dem peinlichsten Schmerz sich hub, zerschneiden und hörten sie über ihre Entdeckungen reden und streiten, als wenn sie eine Blume zergliederten. Sie waren mit ihrem Gegenstand so beschäftigt, dass sie den Teufel und Fausten nicht einmal wahrnahmen. Faust fühlte Zuckungen in all seinen Nerven, er stürzte hinaus, schlug sich vor die Stirne und gebot dem Teufel, das Haus über die Köpfe dieser Ungeheuer zusammenzuwerfen, dass ihre Spur von der Erde vertilgt würde.

TEUFEL: Faust, warum rasest du? Fühlst du denn nicht, dass du eben auf die Weise in der moralischen Welt verfährst, wie diese in der physischen? Sie schneiden in das Fleisch der Lebenden, und du wütest durch meine zerstörende Hand in der ganzen Schöpfung

FAUST: Verworfner! denkst du, mein Herz sei schon Stein geworden? Gefällt dir das Metzeln dieser Unglücklichen? Auf! ich kann die Raserei, die in meiner Brust und in meinem Gehirne glüht, nur durch Rache kühlen. Mein ganzes Wesen löset sich vor der Vorstellung des Leidens dieser Unglücklichen auf. Die Qualen des ganzen Menschengeschlechts überfallen mich in diesem Augenblick. O ich fühle, dass es Unsinn ist, da ich ihre Tränen nicht trocknen, ihre Wunden nicht heilen kann; aber rächen will ich sie an diesen Ungeheuern. Auf, zerstöre, und schnell! dass nicht einer überbleibe! Eile oder ich wüte meinen Zorn an dir aus.

Der Teufel, der ihm mit Vergnügen gehorchte, erschütterte den Grund des Gebäudes, es stürzte krachend zusammen und zerschmetterte die Ungeheuer. Der empörte Faust eilte nach Paris zurück, ohne auf den Wink zu merken, den ihm der Teufel gegeben hatte.

6.

Faust hatte so viel von den Kefichen gehört, die der allerchristlichste König hatte verfertigen lassen, die ihm verdächtigen und gefährlichen Personen einzusperren, dass er dem Teufel befahl, Anstalt zu machen, damit er sie in Augenschein nehmen könnte. Dieses war ein Schauspiel, das ihm der Teufel gern verschaffte, und ob es gleich bei Todesstrafe verboten war, keinen hinzuzulassen, so öffnete doch die Beredsamkeit des Teufels, die so mächtig von seinen Fingern floss, das Kastell. Sie fanden dort Kefiche von Eisen, die rundum mit gleichen Stangen versehen waren und worin ein Mensch grade aufrecht stehen konnte.

An die Füsse der Elenden, denen diese traurige wohnung angewiesen war, hatte man schwere Ketten geschmiedet, an die eine grosse Kugel befestigt war. Der Aufseher vertraute ihnen, dass der König oft in gesunden Tagen in dieser Galerie herumspaziert sei, um sich an dem Gesang seiner Nachtigallen, wie er sie nannte, zu ergötzen. Faust fragte einige der Unglücklichen um die Ursache ihrer schmählichen Gefangenschaft und hörte Geschichten, die das Herz zerreissen. Unter andern tat er an einen ehrwürdigen Greis dieselbe Frage, und dieser antwortete in einem kläglichen Tone:

"Ach, wer Ihr auch seid, so lasst Euch mein grausames Schicksal zur Warnung dienen, nie Eure hände einem Tyrannen zu Grausamkeiten zu leihen. Ihr seht in mir den Bischof von Verden, jenen Unglücklichen, welcher zuerst dem grausamen König den Gedanken von diesen scheusslichen Kefichen beigebracht hat und der den ersten verfertigen liess, damit einer seiner Feinde hineingesperrt würde. Der König liess sogleich nach dem von mir gegebenen Muster zwei machen und wies mir, dem Erfinder, den ersten zur wohnung an. Hier büsse ich nun schon vierzehen Jahre für meine Sünde und flehe täglich den Tod, meiner Marter ein Ende zu machen."

FAUST: Ha! ha! Ew. Ehrwürden hat also als ein neuer Perillus auch seinen Phalaris gefunden. Ihr wisst doch die geschichte? – Ihr schüttelt den Kopfnun, zum Zeitvertreib will ich sie Euch erzählen.

Dieser Perillus, der nebenher weder ein Bischof noch ein Christ war, goss einen ehernen Ochsen, den er dem Tyrannen Phalaris als ein Meisterstück zeigte und ihn versicherte, er habe ihn so zugerichtet, dass, wenn Seine Majestät einen Menschen hineinstecken und ihn durch untergelegtes