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bei den deutschen Fürsten gewohnt war, nichts zu sehen als steifen Stolz und hölzernes Zeremoniell, das um so unerträglicher ist, da es jedem Verständigen ihre Kleinheit und Schwäche nur merklicher macht. Einige Tage verstrichen unter Jagd- und andern Ergötzlichkeiten, und der freundliche Prinz zog Fausten immer mehr an sich. Das einzige, was ihm missfiel, war die Neigung des Prinzen zu seinem Beichtvater, dem Benediktiner. Er überhäufte diesen mit so vieler Zärtlichkeit und Freundschaft, liess seinen Willen so gefällig von ihm lenken und der Mönch beantwortete alles mit so einer frömmelnden Miene, dass Faust nicht begreifen konnte, wie ein Mann von so offnem Betragen eine solche heuchlerische Maske liebkosen könnte. Der Teufel entüllte ihm bald das Rätsel durch das Verhältnis des Prinzen mit der Dame Montserau. Der Prinz hatte ebenso viel Liebe für sie als Furcht vor der Hölle, und weil ihr Gemahl noch lebte, so machte es seine Lage mit ihr bedenklich. Da er ihr also nicht entsagen und doch der Hölle gern entgehen wollte, so bediente er sich des bekannten Seitenwegs, den die Mönche neben der Religion her gegraben haben, um ihre Macht auf das Gewissen der Menschen zu gründen, und liess sich durch Absolution seiner Sünden die Zukunft sichern, wenn die Furcht vor der Hölle ihn zu stark überfiel. Musste er sich nicht dankbar gegen einen Menschen bezeigen, der ihn des Gegenwärtigen geniessen liess und ihn über die Zukunft beruhigte. "Du siehst, Faust", sagte der Teufel, "was die Menschen aus der Religion gemacht haben, und merke nur, dass sie bei jedem grossen Verbrechen, bei jedem scheusslichen Greuel entweder die Hauptrolle spielt oder doch die Spielenden über ihre Taten tröstet und beruhigt."

Dieser Umstand empfahl nun freilich den Verstand des Prinzen bei Fausten nicht, der mit seinem Gewissen so rasch geendigt hatte, die letzte Bemerkung des Teufels fiel tiefer in seine Seele; indessen liess er noch alles gehen und genoss, was er der flüchtigen Zeit nur entreissen konnte.

Man sass eines Abends sehr munter bei Tische, der Teufel ergötzte die Gesellschaft mit lustigen Schwänken, Faust warf sein Netz auf die künftige Nacht nach einer muntern Französin, sie beantwortete sein Spiel nach seinem Wunsche, alles war heiter, als auf einmal der fürchterliche Tod der Freude ein Ende machte. Der Benediktiner hatte eine Schüssel der schönsten und grössten Pfirsichen zum Geschenk erhalten, die er zum Nachtisch auftragen liess, und dem Prinzen die köstlichste mit einer lächelnden und frommen Miene hinreichte. Der Prinz teilte sie mit seiner Geliebten, und sie assen beide die Pfirsiche ohne Verdacht. Man stunde auf. Der Mönch sprach das gratias tibi mit Salbung und verschwand. Der Teufel wollte eben anfangen, eine neue Fratze zu erzählen, als die Dame Montserau einen Schrei des heftigsten Schmerzes ausstiess. Ihr schönes Gesicht verzerrte sich plötzlich. Ihre Lippen wurden blau, und die Blässe des Todes deckte ihre blühenden Wangen. Der Prinz wollte ihr zu hülfe eilen, das fürchterliche Gift würkte in demselben Augenblick in seinen Eingeweiden, er sank bei ihr nieder und rief zum Himmel: "Höre es! es ist die Hand meines Bruders, die mich durch diesen Verfluchten tötet! Er, der unsern Vater zwang, den Hungertod zu sterben, um nicht von ihm vergiftet zu werden, er hat diesen Mönch erkauft!"

Faust stürzte hinaus, um sich des Beichtvaters zu bemächtigen, er war entflohen, ein Haufen Reiter hatte ihn am Lustwald empfangen und ihn auf seiner Flucht begleitet. Faust kehrte zurück. Schon hatte der Tod seine Opfer verschlungen und lag auf ihnen in schaudervoller Gestalt. Faust und der Teufel überliessen ihm seine Beute und zogen weiter.

TEUFEL: Nun, Faust, braucht ihr des schwarzen Teufels, wie ihr ihn nennt, da er in Mönchskutten auf der Erde herumspukt? Wie gefällt dir der Streich dieses Benediktiners, den er im Namen des allerchristlichsten Königs hier ausgeführt hat?

FAUST: Ha, bald sollt ich glauben, unsre Leiber werden von den gefallnen Geistern der Hölle beseelt, und wir sind nur ihre Werkzeuge.

TEUFEL: Pfui des ekelhaften Loses für einen unsterblichen Geist, ein so zweideutiges, missgeschaffnes Ding zu beseelen! Glaube mir, ob ich gleich ein stolzer Teufel bin, so würde ich doch lieber in ein Schwein fahren, das sich im Kote besudelt, als in einen von euch, die sich in Lastern herumwälzen und stolz das Ebenbild des Höchsten nennen.

FAUST: Verfluchter! der du den Menschen herabwürdigest

TEUFEL: He, werde nicht zornig, Mensch! sage, würden wir nicht an eurem moralischen Wert erstikken? Kann der Teufel das Licht eurer Tugend vertragen? Ist dieser Mönch nicht ein frommer Mann? Sein Abt nicht ein frommer Mann, der ihm diese Tat aufgetragen hat? Ist der König nicht der allerchristlichste Monarch und ein sehr guter Bruder, der dem Abt den Wink dazu gegeben hat? Wie sollte der Teufel in solchen frommen Leuten seine Herberge aufschlagen können?

FAUST: Was konnte den Elenden reizen, den Spruch der Verdammnis auf sich zu ziehen?

TEUFEL: Die Verdammnis ist weit entfernt, die Absolution nahe, und noch näher die grossen Güter, der Lohn der Tat, die das Kloster des Abts zum mächtigsten und reichsten in der Provinz machen. Haben Mönche diesem Reiz je widerstanden, seitdem sie die uns furchtbare Religion so verpfuscht haben, dass die Hölle nun siegt, die einmal vor dem Ende ihrer herrschaft bebte?

Dieser Gedanke fuhr gleich einer Viper in den Busen Fausts. Er schwieg und verlor