1791_Klinger_059_45.txt

wahren Gestalt gesehen."

Hier zog der Teufel sein Inneres in der fürchterlichsten Maske der Hölle hervor, stellte sich vor Fausten, dass er ihn nicht beobachten konnte. Der Mönch sank zusammen, und der Teufel wandte sich zu Faust in seiner vorigen Gestalt, dann wieder zu dem bebenden Mönch.

TEUFEL: Nun sage, du hättest den Teufel gesehen, und male ihn, wenn du die Kraft dazu hast. Oft würdest du so zusammensinken, wenn du das wahre Innere derer sähest, die du als Engel gemalt hast.

FAUST: Sei ein Tor und zeuge Toren, mache dich und die Religion durch deine Schwärmerei den Verständigen zum Ekel, du kannst nicht kräftiger für die Hölle arbeiten. Auf der einen Seite erweckst du Verachtung, auf der andern Verzerrung. Gehab dich wohl.

Der Mönch ward vor Schrecken wahnsinnig, schrieb aber in seinem Wahnsinn immer fort, und die Leser merkten die Veränderung seines Zustandes nicht einmal, so sehr glichen seine neuen Bücher den alten.

Faust freute sich der Szene herzlich, und da er des Orts müde war, so machte er sich mit dem Teufel auf den Weg nach dem lachenden Frankreich.

Viertes Buch

1.

Frankreich war nun freilich in diesem Augenblick so lachend nicht, als es später geworden ist, denn noch hatte die Gewohnheit, sich von Tyrannen beherrschen zu lassen, nicht so tief in ihrem Herzen Wurzel gefasst, dass sie die Grausamkeiten ihrer Regenten und deren Vizirs wie ihre Torheiten in Gassenliedern besangen und dieses für gnügende Rache hielten. Als Faust und der Teufel den reichen Boden dieses Landes betraten, seufzte es unter dem Druck des feigsten und grausamsten Wüterichs, Ludwigs des Elften, der sich zum erstenmal den allerchristlichsten König nannte. Der Teufel hütete sich sehr, Fausten etwas von ihm vorher zu sagen, ihm war darum zu tun, sein Herz durch scheussliche Erfahrung Schlag auf Schlag zu zerknirschen und ihm den Himmel bei jedem Schritt im Leben immer verdächtiger zu machen, um ihm alsdann den fürchterlichsten Streich beizubringen, der je einen Menschen getroffen, der übermütig gegen die Grenzen seiner natur angestossen, die eine mächtige Hand vor seinen Horizont gestellt hat. Leider fand er in den Taten der Menschen Stoff genug dazu, und weisere Leute als Faust haben, ohne Gesellschaft des Teufels, an dieser gefährlichen Klippe gestrandet, wenn sie einmal vergassen, dass Ergebung in sein Schicksal die erste Forderung der natur an den Menschen sei, und wenn Güte und Nachsicht nicht den Grundstoff ihres Wesens ausmachten, deren milder Schimmer allein die schwarzen Gemälde der Welterfahrung aufheitern kann. Es gibt einen gewissen düstern, giftigen Ateismus des Gefühls, der beinahe unheilbar ist, weil es ihm nie an reell scheinenden Ursachen mangelt, weil er aus dem Herzen, und zwar aus einem Herzen entspringt, das sich durch seine Stimmung und Fühlart zu leicht von den widersprechenden Erscheinungen der moralischen und physischen Welt zerreissen lässt. Ein solches Herz zehrt durch seine Glut den Verstand ebenso auf wie das Fieber in einem durch eine starke Wunde Verletzten. Gegen diesen Ateismus ist der der Vernunft eine Schimäre; denn der Mann, der denkt, sucht Ursachen zu Wirkungen auf, und diese Beschäftigung, da sie ihn endlich zu den Grenzen des menschlichen Geists leiten muss, legt dem Kühnsten eine Fessel an, die ihn wenigstens so weit bändiget, dass er nie gänzlich in das dunkle, grosse Nichts verschleudert werden kann. Vergebens ist die Warnung: die moralische Welt hat ihre Aufrührer wie die politische und muss sie haben. Wenn jene von der aus Schatten gebauten brücke, die sie aus der Sinnenwelt in die intellektuelle zu ziehen streben, uns zur Lehre herunterstürzen, so ruft uns das Opfer dieser zu, unsern Menschenwert nicht in allzu träger Sicherheit zu verschlummern. Man verzeihe mir die Ausschweifung. – Faust wusste von Frankreichs König nichts, als dass er sich den Allerchristlichsten nennen liess, der erste sei, der die Vasallen seines Reichs gedemütigt und die Rechte der Krone gegen sie behauptet hätte, übrigens von allen andern Höfen gefürchtet würde, weil ihm jedes Mittel zu seinem Zwecke gleich sei und man kein Beispiel habe, dass er sein Wort gehalten hätte, wenn nichts dabei zu gewinnen war. Er sollte nun Zeuge der Mittel werden, die er zu seinen Zwecken anwendete.

Der Teufel hatte durch seine ausgesandten Kundschafter erfahren, dass der allerchristlichste König soeben einen Staatsstreich auszuführen gedächte, sich seines Bruders, des Herzogs von Berry, zu entledigen, um die ihm abgetretne Provinz der Krone einzuverleiben. Er versäumte nicht, Fausten zum Zuschauer dieser Szene zu machen. Sie ritten an einem Lustwald vorüber, der an ein Schloss stiess, und sahen in demselben einen Benediktinermönch, der sein Brevier zu beten schien. Der Teufel freute sich innig des Anblicks, denn er las auf der Stirne des Mönchs, dass er soeben die Mutter Gottes anflehte, ihm bei dem grossen Unternehmen, das ihm sein Abt aufgetragen, beizustehen und ihn nach glücklichem Erfolge aus der Gefahr zu erretten. Dieser Mönch war der Bruder Faver Vesois, Beichtvater des Bruders des Königs. Der Teufel überliess ihn seinen frommen Betrachtungen und ritt mit Fausten nach dem schloss, wo sie als Fremde von Stand, die gekommen waren, dem Prinzen ihre achtung zu bezeugen, gütig aufgenommen wurden. Der Prinz lebte auf diesem schloss mit seiner Geliebten Montserau in Ruhe und Vergnügen, dachte kein Arges und erwartete kein Arges. Faust wurde von seinem angenehmen Betragen sehr eingenommen und freute sich, einen königlichen Prinzen zu sehen, der als Mensch tat und redete, da er