und des sinnlichen Genusses vor. Führte ihre Phantasie so rasch und unmerklich vom Geistigen zum Sinnlichen hinüber, dass sie die Schattierung kaum gewahr werden konnte. Wenn sie das Auge zurückziehen wollte, so verwandelte sich der anstössige Gegenstand in ein erhabenes Bild, das den widrigen Eindruck auslöschte und das Herz für das folgende zündbarer machte. Ihre Wangen glühten, sie glaubte vor einer bezauberten, unbekannten Welt zu stehen. In allen diesen Szenen liess der Tausendkünstler Fausts Gestalt erscheinen und versetzte sie immer in die anziehendsten Lagen. Sie sah ihn einen Schatten verfolgen, der ihr glich und um ihretwillen die grössten Taten unternahm, sich den schrecklichsten Gefahren unterwarf, und nachdem er ihre Aufmerksamkeit gänzlich gefesselt hatte und wahrnahm, dass die Neugierde die Verwicklung, worin Fausts Gestalt mit ihr verflochten war, aufzulösen wünschte, so verwandelte er die Szene und liess in schnellem Wirrwarr die schlüpfrigsten und üppigsten Erscheinungen der tierischen Liebe, mit den reizendsten Farben bekleidet, vor den Augen der unschuldigen Lauscherin gaukeln. Der Blitz erleuchtet nicht so schnell das Dunkel, der Wunsch nach Ehebruch entsteht nicht so schnell in dem Herzen des Wollüstlings als diese Erscheinungen vorüberflogen. Eine Sekunde ist Dauer dagegen. Kaum hatte die Unschuldige das Auge an den Kasten gelegt, als das Gift schon in ihr Herz geflossen war. Sie sah, bevor sie fliehen konnte. Nun deckte sie mit beiden Händen ihre Augen, floh nach ihrem Schlafzimmer und sank Fausten in die arme. Der Verwegne nutzte den Augenblick der gänzlichen Abwesenheit ihres Bewusstseins, fand in ihrem Sträuben, ihren Tränen, ihrem Seufzen neuen Reiz zur Sünde, und nie ist eine unschuldigere Seele, nie ein schönrer, unbefleckterer Körper von der frechen Hand der Verführung besudelt worden. Als sie ihren Fall wahrnahm, verhüllte sie ihr Haupt, stiess den Frechen zurück. Er legte kostbare Geschmeide zu ihren Füssen, sie zertrat sie und rief: "Wehe dir, die Hand des Rächers wird einst schwer auf dir liegen für diese Stunde!"
Der Wahnsinnige freute sich seines Siegs, ging ohne Reue zu dem Teufel, der die Szene belachte und sich der schaudervollen Folgen der Tat freute.
11.
Faust befand sich hier in seinem Elemente, die geistige Schwärmerei hatte den Zunder der Lust so nahe an die Herzen gelegt, dass er nur anzublasen brauchte, um sie in Flammen zu setzen. Er flog von Sieg zu Sieg, nutzte hierbei die Macht des Teufels wenig, desto mehr aber sein Gold und Juwelen, die auch die Frommen zu brauchen wissen. Angelika ward unsichtbar, und alles Bemühen Fausts war vergebens, ihr noch einmal zu nahen, er vergass sie auch bald in den neuen Berauschungen. Er las in der Zwischenzeit mit dem Teufel die Handschrift der Physiognomik, die ihm einer der Späher für eine grosse Summe verkauft hatte, und ärgerte sich grimmig an der Zuverlässigkeit, der Unwissenheit und dem dichterischen Schwulst des Verfassers. Der Teufel glühte vor Zorn, da er sogar sein eigenes Porträt in der Handschrift fand, das der junge Mönch mit der nur ihm eignen Verwegenheit beurteilt hatte. Es verdross ihn so heftig, dass er mit seiner hohen person sein Spiel getrieben, dass er dem Hang, sich zu rächen, nicht widerstehen konnte, und da Faust in keiner bessern Laune gegen den Mönch war, so machten sie sich auf, ihm einen Streich zu spielen. Sie gingen nach dem Kloster, und da sie beide stattlich gekleidet waren und Leute von Rang und Bedeutung zu sein schienen, so wurden sie von dem jungen Mönch sehr freundlich und herzlich empfangen. Aber kaum sah er den Teufel schärfer an, als er von seinem Angesichte so begeistert wurde, dass er alle Worte des Grusses vergass, ihm stark die Hand schüttelte, sich dann von ihm entfernte und ihn bald en face, bald en profil anstarrte. Hierauf rief er hochbegeistert:
"Ha, wer bist du, Übergrosser?
Ja, man kann, was man will.
Man will, was man kann! dies sagt mir dein Gesicht, und ich brauche dich nicht zu kennen und dies zu sagen. Nie hab ich die Gewissheit meiner Wissenschaft mehr gefühlt als in diesem Augenblick!
Wer kann ein solches menschliches Gesicht ohne Gefühl, ohne Hingerissenheit, ohne Interesse ansehen – da nicht in dieser Nase innre, tiefe, ungelernte Grösse und Urfestigkeit ahnden! Ein Gesicht voll blick, voll Drang und Kraft." Er befühlte Leviatans Stirne und fuhr fort. "Erlaube mir, mit meinem Stirnmesser die Wölbung deiner Stirne auszumessen. – Ja, eherner Mut ist so gewiss in der Stirne als in den Lippen wahre Freundschaft, Treue, Liebe zu Gott und den Menschen. In den Lippen, welch eine vorstrebende entgegenschmachtende Empfindung! Welch ein Adel im Ganzen.
Ja, dein Gesicht ist die Physiognomie eines ausserordentlichen Mannes, der schnell und tief sieht, festält, zurückstösst, würkt, fliegt – darstellt, wenig Menschen findet, auf denen er ruhen kann, aber sehr viele, die auf ihm ruhen wollen.
Ach, wenn ein gemeiner Mensch so eine Stirne, so eine Nase, so einen Mund, ja nur solch ein Haar haben kann, so steht's schlecht mit der Physiognomik.
Es ist vielleicht kein Mensch, den dein Anblick nicht wechselsweise anziehe und zurückstosse – o der kindlichen Einfalt und der Last von Heldengrösse! So gekannt und so misskannt werden wenige Sterbliche sein können.
Adler! Löwe! Zerbrecher! Reformator der Menschen! Steure zu und rufe die Sterblichen von ihrer Blindheit zurück, teile ihnen deine