traten, hörte man sie ausrufen: "Welch eine Nase! Welche Augen! Welch ein forschender blick! Welch eine liebliche sanfte Rundung des Kinns! Welche Kraft ohne Schwäche! Welche Intuition! Welche Durchdringlichkeit! Welche Helle und Bestimmteit im Umriss! Welch ein kraftvoller, bedeutender gang! Welches Rollen der Augen! Welch ein Wurf der Glieder! Wie einverstanden und harmonisch!" "Ich gäbe ich weiss nicht was darum, wenn ich die Handschrift der Herrn hätte", sagte ein Weber, "um den schnellen und leichten gang ihrer Denkkraft aus ihren Federzügen zu sehen." Sie zogen alle ihr Reissblei aus den Taschen und nahmen ihre Profile. Der Teufel verzerrte bei Anhörung dieser Fratzen das Gesicht, und einer der Späher schrie: "Der innre Löwe Kraft hat sich gegen eine äussre Versuchung oder einen schwächlichen Gedanken geschüttelt!"
Faust belächelte die Narrheit, als auf einmal ein englisches Gesicht aus einem nahen Fenster auf ihn blickte und in süsser Verwundrung rief: "Heilige Katerine! welch ein herrlicher Kopf! welch eine himmlische, liebevolle, sanfte Schwärmerei! Welche Gefühl und anhänglichkeit atmende Physiognomie!"
Diese Töne erklangen melodisch in dem Herzen Fausts. Er starrte nach dem Fenster, sie sah noch einen Augenblick auf ihn, zog sich zurück, und Faust sagte zu dem Teufel:
"Ich verlasse diesen Ort nicht, bis ich mit dieser Dirne gelegen habe. Die Wollust schimmert unter einem so frommen Glanze aus ihren Augen, als sollte er der Sinnlichkeit die wahre Würze mitteilen."
Sie wandten sich kaum nach einer Seitenstrasse, als einer der Späher zu ihnen trat und sie keck um die Physiognomie ihrer Handschrift bat, um, wie er sie versicherte, die Trägheit oder Fertigkeit ihrer hervorbringenden Kraft, die Gradheit, Standhaftigkeit, Reinheit oder Schiefheit ihres Charakters daraus zu entziffern. Er setzte hinzu, es habe ihm bisher kein Fremder diese gefälligkeit abgeschlagen und er hoffte von ihnen ein gleiches.
Hierauf zog er ein Taschenbuch, Feder und Tinte hervor und spitzte die Ohren voller Erwartung.
FAUST: Nicht so rasch, guter Freund, Dienst um Dienst: sagt mir vorerst, wer ist die Jungfrau in jenem haus, die ich eben am Fenster sah und deren Äusseres so englisch schön ist?
SPÄHER: O sie ist ein Engel in allem Verstand. Unser grosser Seher versichert von ihr, ihre Augen seien Spiegel der Reinheit und Keuschheit. Ihr holder Mund sei nur geschaffen, die hohe Begeistrung eines von himmlischen Dingen erfüllten Herzens auszudrücken. Ihre Stirne sei ein glänzender Schild der Tugend, an dem sich alle Versuchungen, alle irdische und sinnliche Gefühle zerschlügen. Ihre Nase wittere die Gefilde der Unsterblichen. Sie sei das Ideal der Schönheit und aller der Tugenden, die diese begleiten, wenn die Gotteit eine vollkommen schöne Seele dem Auge des Fleisches sichtbar machen wollte.
FAUST: Ihr malt wahrlich nicht mit Farben der Erde; aber sagt mir nun auch etwas von ihren irdischen Verhältnissen.
SPÄHER: Diese sind freilich nicht so glänzend wie die erstern, aber doch hinreichend, ihre Ausübung nicht zu stören.
FAUST: Und sie heisst?
SPÄHER: Angelika.
Sie schrieben Worte ohne Sinn auf ein Blatt, und der Späher verschwand vergnügt mit seinem Schatz.
FAUST: Teufel, wie meinst du, dass dem frommen kind beizukommen sei? Ich bin nun recht in der Laune, das Ideal dieses Sehers zu verpfuschen.
TEUFEL: Auf der graden Heerstrasse zu dem menschlichen Herzen, Faust, darauf wird sie dir gewiss begegnen; denn früh oder spät muss jeder dahin einlenken, seine Phantasie mag ihn noch so weit davon entfernt haben.
FAUST: Es muss ein reizender Genuss sein, eine solche zugespitzte Einbildungskraft mit Bildern der Wollust zu füllen.
TEUFEL: Der Mönch hat dir schon vorgearbeitet und ihre Sinnlichkeit so geschärft, ihr Seelchen mit so viel Eitelkeit und Selbstvertrauen angefüllt, ihre Frömmigkeit so sinnlich gemacht, dass es weiter nichts erfordert, als gehörig an dem Herzen anzuklopfen, um sich als würklichern Gegenstand der Schwärmerei hineinzunisten. Lass mich eine probe machen, zu was Schwärmerei die Weiber endlich führt.
FAUST: Und schnell! Ich habe bei Nonnen gelegen und sie wie andre Weiber gefunden, lass mich nun sehen, wie sich eine Schwärmerin dabei gebärdet.
10.
Dem Teufel war darum zu tun, eine solche Seele dem Himmel zu stehlen, Fausts Sündenmass schneller zu füllen, und stunde in einem Augenblick unter der Gestalt eines alten Mannes mit einem Guckkasten vor Faust, gab ihm einen Wink und schlich nach dem Markte. Hier schlug er seine Bude auf und rief den Pöbel zusammen, seine schöne Raritäten zu schauen. Das Volk drang hinzu, Mägde und Knechte, Jungfrauen und Witwen, Kinder und Greise. Der Teufel gaukelte ihnen allerlei Histörchen vor, die er mit frommen Erläuterungen und moralischen Sprüchen begleitete. Jedermann trat vergnügt von dem Guckkasten zurück und reizte die Zuschauer mit Erzählung der gesehnen Wunder. Die englische Angelika sah aus dem Fenster, und da sie den Teufel mit einem so frommen Tone die Vorspieglung seiner Histörchen ableiern hörte, fühlte sie eine unwiderstehliche Versuchung, die Wunder des Kastens zu sehen und dem frommen Greise ein Almosen zufliessen zu lassen. Der Teufel ward gerufen. Er fühlte sich selbst betroffen von ihrer wunderbaren Schönheit, ihrer Sanftmut und Güte und ward um so begieriger, ihre Sinne zu verwirren. Nun legte sie ihr schwärmerisches Auge an die Öffnung des Kastens, der Teufel leierte seine Alltagssprüche herunter und gaukelte ihr stufenweis die Szenen der Liebe bis zu den ausschweifendsten Vorspieglungen der Wollust