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sehe, nicht an Genie, und wenn sie nichts aus euch machen, so geb ich alle Hoffnung auf.

Unter Glossen und lachen über den Schwank ritten sie in das Tor der vor ihnen liegenden Stadt, und die gute Mahlzeit und die herrlichen Weine in der Stadt, wo sie nun angekommen waren, schlugen bald Fausts trübe Geister völlig nieder. Da eben in derselben Jahrmarkt war, so ging Faust mit dem Teufel nach Tische auf den Platz, um das Gewimmel zu sehen.

Es war ein sonderbares Land, worin sie sich nun befanden. In einem Kloster der Stadt lebte ein junger Mönch, dem es ohne viele Mühe gelungen war, einige wenige Funken von Verstand durch das Feuer seiner Einbildungskraft gänzlich aufzubrennen und sich so mächtig von der Kraft des religiösen Glaubens zu überzeugen, dass er hoffte, wenn einst seine Seele den wahren Schwung erhielte und der Geist Gottes ihn völlig durchsauste, es ihm ein leichtes sein würde, Berge zu versetzen und sich als ein neuer Apostel in Wundern und Taten zu zeigen. Überdem sog er, gleich einem trocknen Schwamme, die Torheiten und Scharlatanerien ein, die andre ausheckten, ein Umstand, wodurch sich die Schwärmer von den Philosophen gänzlich unterscheiden, denn diese hassen und verachten die Hypotesen eines andern, da jene allen Unrat des menschlichen Geistes annehmen und sich zu eigen machen. Da dieser junge Mönch wie jeder Schwärmer, der von seinem Gegenstand durchdrungen ist, ein feuriger Redner war, so zog er bald die Seelen der Männlein und vorzüglich der Weiber (die alles Leidenschaftliche so gern aufnehmen) an sich. Seine Einbildungskraft verschaffte ihm bald einen neuen Zauberstab; denn da er vermöge seiner innigen Verbindung mit dem höchsten Wesen eine hohe Meinung von den Menschen hatte, so fasste er in einer seiner glühenden Stunden den Entschluss, dieses Meisterwerk der Vorsehung, diesen Liebling des himmels, für den alles übrige gemacht ist, physiognomisch zu zergliedern und sein Inneres durch sein Äusseres zu bestimmen. Leute von seinem Schlage betrügen sich so oft selbst, dass man nicht mit Gewissheit sagen kann, ob ihm etwa ein verborgner Funken des Verstandes zugelispelt hat, diese Schwärmerei würde der alten einen neuen Firnis geben und die frommen Seelen, über deren Gesicht sich so viel herrliche Dinge sagen liessen, noch mehr an ihn ziehen. Da er nur die vier Wände seiner Zelle und Leute seiner Art gesehen hatte, übrigens in Ansehung der Menschen, der Welt und wahrer Wissenschaften so unwissend war, als es Leute von heisser Einbildungskraft gewöhnlich sind, die obendrein alle aufstossende Zweifel mit dem zerschmetternden Hammer des Glaubens zerschlagen, so lässt sich leicht schliessen, dass auch nur die Phantasie allein bei seinem Werke die Feder führte. Aber eben darum tat es eine erstaunende Würkung auf die Geister aller derer, die lieber verworren fühlen als klar denken. Dies ist der Fall des grössten Teils der Menschen, und da die Tage des Lebens unter dem angenehmen Kitzel des geliebten Selbsts so sanft dahinfliessen, so konnte es ihm nicht an Anbetern fehlen. Es tut so wohl, sich als ein vielgeliebtes, vorzüglich besorgtes Schosskind der Gotteit anzusehen und über die übrigen rohen Söhne der natur mit Verachtung und Mitleiden hinzusehen! Unser Mönch blieb aber nicht bei dem Menschen allein stehen, er stieg auch zu den andern unedlen Tieren der Erde herunter, bestimmte ihre Eigenschaften aus ihren Gesichtern, ihrem Baue und glaubte grosse Entdeckungen gemacht zu haben, wenn er aus den Klauen, den Zähnen, dem blick des Löwen und dem schwächlichen, leichten Baue des Hasens bewies, warum der Löwe kein Hase und der Hase kein Löwe sei. Es wunderte ihn gewaltig, dass es ihm gelungen, die bestimmten und unveränderlichen Merkzeichen der tierischen natur so klar beweisen und auf den Menschen anwenden zu können, ob gleich die Gesellschaft das Gesicht des letzteren zur Maske geschliffen hat und er nie einen in seinem ursprünglichen Zustand sah. Hierauf drang er selbst in das Reich der Toten, zog die Schädel aus den Gräbern, die Gebeine der Tiere aus den Gruben und zeigte den Lebenden, wie und warum die Toten so waren und wie sie vermöge dieser Knochen so und nicht anders sein konnten. Zu was für gefährlichen Schlüssen könnten diese Voraussetzungen einen Sophisten oder einen Menschen, der gern seine Schlechtigkeit von sich wälzen möchte, verleiten? Soll, kann der Mensch durch Kunst ersetzen, was durch natürliche Anlagen in ihm verhunzt ist?

Dem Teufel war dieser Spuk bekannt, und er merkte wohl, da sie im wirtshaus bei Tische sassen, dass einige Anwesende und selbst der Wirt ihn und Fausten mit besondrer Aufmerksamkeit betrachteten und sich leise ihre Beobachtungen mitteilten, während sie verstohlen ihre Profile zeichneten. Auch zu Faust war der Ruf dieses Wundermanns gedrungen, hatte ihn aber bisher so wenig interessiert, dass er auf dieses Geflüster nicht aufmerksam wurde. Da sie nun auf den Platz kamen, überraschte sie ein ganz neues Schauspiel. Dieses Gewimmel von Menschen war die echte Schule der Gesichtsspäher. Jeder konnte da seinen Mann fassen und sein Gesicht auf die Waage legen, die Kräfte seiner Seele abzuwägen. Einige stunden vor Müllereseln, Pferden, Ziegen, Schweinen, Hunden und Schafen, andre hielten Spinnen, Käfer, Ameisen und andre Insekten zwischen den Fingern, forschten mit scharfem blick nach ihrem inneren Charakter und suchten zu entwickeln, wie sich ihr Instinkt aus dem Äussern bestimmen liesse. Einige massen Schädel von Menschen und Tieren aus, beurteilten das Gewicht und die Schärfe ihrer Kinnladen und Zähne und rieten, welchem Tier sie zugehörten. Da aber Faust und der Teufel unter sie