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eben entsagen wollte. "Es ist der Mangel, es ist mein Elend, das sie in Verzweiflung stürzt", schrie er wild und stampfte mit dem fuss auf den Boden. Sein stolzer Geist zürnte der Schwäche seines Herzens. Er drang abermals nach dem Kreise, der Sturm rasselte an seinen Fenstern, die Grundfeste des Hauses zitterte. Eine edle Gestalt trat vor ihn und rief ihm zu:

"Faust! Faust!"

FAUST: Wer bist du, der du mein kühnes Werk unterbrichst?

GESTALT: Ich bin der Genius der Menschheit und will dich retten, wenn du zu retten bist.

FAUST: Was kannst du mir geben, meinen Durst nach Wissen, meinen Drang nach Genuss und Freiheit zu stillen?

GESTALT: Demut, Unterwerfung im Leiden, Gnügsamkeit und hohes Gefühl deines Selbsts, sanften Tod und Licht nach diesem Leben.

FAUST: Verschwinde, Traumbild meiner erhitzten Phantasie, ich erkenne dich an der List, womit du die Elenden täuschest, die du der Gewalt unterworfen hast. Gaukele vor der Stirne des Bettlers, des zertretnen Sklaven, des Mönchs und aller derer, die ihr Herz durch unnatürliche Bande gefesselt haben und ihren Sinn durch Kunst hinaufschrauben, um der Klaue der Verzweiflung zu entwischen. Die Kräfte meines Herzens wollen Raum, und der verantworte für ihr Würken, der mir sie gegeben hat.

"Du wirst mich wiedersehen", seufzte der Genius und verschwand.

Faust rief: "Necken mich die Märchen der Amme noch am rand der Hölle? Sie sollen mich nicht abhalten, das Dunkel zu durchbrechen. Ich will wissen, was der düstre Vorhang verbirgt, den eine tyrannische Hand vor unsre Augen gezogen hat. Hab ich mich so gebildet, dass das Los der Beschränkteit meine Kraft empört? Hab ich die Flamme der leidenschaft in meinem Busen angeblasen? Hab ich den Trieb, immer zu wachsen und nie stille zu stehen, in mein Herz gelegt? Hab ich meinen Geist so gestimmt, dass er sich nicht unterwerfen und die Verachtung nicht ertragen kann? Wie, ich, der Topf, von fremder Hand gebildet, soll darum einst gewaltsam zerschlagen werden, weil er dem Werkmeister nicht nach seinem Sinn gelang, weil er dem niedrigen Gebrauch nicht entspricht, zu dem er ihn geformt zu haben scheint? Und immer nur Gefäss, immer nur Werkzeug, immer nur Unterwerfung; wozu denn dies widersprechende lautschreiende Gefühl von Freiheit und eigner Kraft dem Sklaven? Ewigkeit! Dauer! Schallt ein Sinn heraus? Was der Mensch fühlt, geniesst und fasst, nur das ist sein, alles übrige ist Erscheinung, die er nicht erklären kann. Der Stier nutzt die Kraft seiner Hörner und trotzt auf sie, der Hirsch seine Leichtigkeit, dem Jäger zu entfliehen; ist das, was den Menschen unterscheidet, weniger sein? Ich hab es lange genug mit den Menschen und allem dem, was sie ersonnen, versucht, sie haben mich in Staub getreten; Schatten habe ich für Wahrheit ergriffen, lass mich's nun mit dem Teufel versuchen!"

Hier sprang er wild begeistert in den Kreis hinein, und Klagegetön seines Weibes, seiner Kinder, seines Vaters erschollen in der Ferne: "Ach verloren! ewig verloren!"

4.

Satan, der Herrscher der Hölle, hatte durch schrecklichen Hörnerschall, der an der glühenden Scheibe der Sonne widertönte, allen gefallnen Geistern auf der Ober- und in der Unterwelt kundtun lassen, dass er heute ein grosses Freudenfest geben würde. Die höllischen Geister versammelten sich auf den mächtigen Ruf. Selbst seine Abgesandten beim päpstlichen Stuhl und den Herrschern Europas verliessen ihren Posten, denn die Einladung liess etwas Grosses und Wichtiges vermuten. Schon ertönte das ungeheure Gewölbe der Hölle von dem wilden Geschrei des Pöbels der Geister. Myriaden lagerten sich auf den verbrannten, unfruchtbaren Boden. Nun traten die Fürsten hervor und geboten Schweigen der Menge, damit Satan die Berichte seiner Abgesandten der Oberwelt vernehmen könnte. Die Teufel gehorchten, und eine schaudervolle Stille herrschte durch die dicke, düstre Finsternis, die nur das Gewinsel der Verdammten unterbrach. Die Sklaven der Teufel, Schatten, die weder der Seligkeit noch der Verdammnis wert sind, bereiteten die unzähligen Tische zum Schmaus, und sie verdienen dies Los der schändlichsten Knechtschaft. Als sie noch in Fleisch und Bein die Früchte der Erde assen, waren sie von jener zweideutigen Art, die aller Menschen Freund sind, ohne es von einem zu sein. Deren Zungen von den herrlichen Lehren der Tugend plappern, ohne dass ihr Herz sie fühlt. Die das Böse nur darum unterlassen, weil es Gefahr mit sich führt, und das Gute, weil es Mut und Verleugnung erfordert. Die mit der Religion wuchern und sie, wie der filzigte Jude sein Kapital, auf Zinsen legen, in der Meinung, ihren elenden Seelen ein gutes Behältnis zu sichern. Die Gott aus Furcht anbeten und vor ihm wie Sklaven zittern. Die Teufel, die wahrlich keine bessre Herren sind als die polnischen, ungarischen und livländischen Edelleute, reiten sie dafür in der Hölle wacker herum. Indessen schwitzten ihre Brüder in den höllischen Küchen, das Mahl für ihre strengen Herren zuzurüsten; ein schreckliches Geschäft für eine Seele, die einst einen menschlichen Körper durch Frass, Soff und Üppigkeit aufgerieben hat. Denn obgleich die Teufel weder essen noch trinken, so haben sie den Menschen doch den Gebrauch abgelernt, jede Feierlichkeit durch Fressen und Saufen merkwürdig zu machen, und bei solchen Gelegenheiten halten sie ein Seelenmahl. Der Anführer jeder Legion (denn die