schon das Feuer das Fleisch abgefressen hatte. FAUST: Du legst es an mein Herz. (Er hüllte sein Gesicht in seinen Mantel und netzte ihn mit seinen Tränen.)
9.
Das Gefühl, die Tugend an den Lasterhaften rächen zu wollen, kühlte sich in Fausten etwas ab; endlich labte er seinen durch die letzte geschichte gepeinigten Geist mit dem Gedanken, den ihm der Teufel vorsätzlich hinwarf, der Säugling und die Mutter seien der Hölle entgangen. Auch erlaubten die Sinnlichkeit, das leichte Blut, das Streben nach Genuss, der Zug nach Veränderung, die Zweifel keiner Empfindung einen dauernden Eindruck in seinem Herzen. Da er alles mit lebhaftem Gefühl umfasste, so brannten seine Empfindungen wie Lichtkugeln auf, die einen Augenblick die Finsternis erleuchteten und dann zerplatzen. Er blickte endlich wieder unter seinem Mantel hervor, sah Leviatan auf etwas hören und lächeln. Er fragte ihn: "Worüber lächelst du, Würger, mich deucht, du horchst einem Redenden zu, und gleichwohl sehe ich keinen."
TEUFEL: Du irrst dich nicht. Soeben schwebte ein Geist einher, der sich mit ehebrecherischen Händeln abgibt, und erzählt mir einen Schwank, über den ich lachen muss, so ernstaft ich auch in deiner lästigen Gesellschaft geworden bin.
FAUST: Erzähle! ich bedarf des Lustigen.
TEUFEL: Soll er oder ich?
FAUST: Wer er? Ich sehe ihn nicht.
TEUFEL: Gleichwohl ist er nah bei dir. Soll er dir erscheinen oder willst du bloss seine stimme hören? Sie ist so sanft wie die stimme des Ehebrechers, der zum ersten Falle lockt.
FAUST: So sei's die stimme; ein Schwank aus der Luft erzählt, ist etwas Neues, und ich bedarf des Neuen, aber lustig muss der Schwank sein.
"Lustig und tragisch, Faust, wie's bei euch immer einander auf dem fuss folgt", sagte eine feine, hellklingende stimme, die gleich einer Lockpfeife alle Töne nachahmte.
Die stimme fuhr fort: "Ich komme soeben von Köln, das, wie Ihr wisst, mehr durch Kirchen und Reliquien berühmt ist als durch Genies. Doch Hahnreien gibt's dort mehr als Kirchen."
FAUST: Ein sehr moralischer Teufel! und die stimme hat viel gereist, denn sie fängt gleich mit Bemerkungen an. Narr von geist, von welchem Orte kann man dies nicht sagen?
stimme: Faust, die Wahrheit steht überall an ihrem rechten platz. – Ich hatte mich dort in die Rosenknospen der weissen runden Brust einer Betschwester einquartiert, ihr Mann war nach Holland gereist. Sie fühlte den schäkernden unruhigen Gast durch alle mit meinem lüsternen Sitze verbundne Nerven, klagte über den besonderen Umstand bei ihrem Beichtvater; es kam zu Erklärungen, und die Folge der Erklärungen war, dass er mich zufällig mit seinem Skapulier berührte. Mein Spuk war reif, und ich flog davon. Wie ich durch die Strassen dahinfuhr, sah ich einen Schlingel, ganz in dem scheusslichen Kostüme ausstaffiert, womit uns eure Mönche beehren. Roten Mantel, scheussliche Larve, ungeheure Hörner, einen Bocksfuss und langen Schwanz. Ich setzte mich zwischen die Hörner des Verwegenen und trabte mit ihm fort. Er schlich in das Haus des Junkers von Trossel. Der Kerl war mir von seinem ersten weib her bekannt und verdient, es Euch zu werden. Stellt Euch einen westfälischen Flegel von Edelmann, sechs Fuss hoch, vor, zwischen seinen breiten Schultern einen runden, feisten Kalbskopf, auf dessen Angesicht die natur mit grober Schrift den eigensinnigen Dummkopf, den Pfaffensklaven, den harterzigen, rauh prahlenden Barbaren, den Bürger- und Bauernschinder und den Hahnrei gezeichnet hat. Seine Erziehung gaben ihm die Buben, Knechte und Knappen des hochgebornen Vaters, in deren Schule er auch ein so fertiger und origineller Flucher ward, dass es kein Fuhrmann seines Vaterlands mit ihm aufzunehmen wagte. Der Kapellan lehrte ihn ein wenig lesen, stopfte ihm gleich das Gehirn voller Legenden und Zaubergeschichten, und da er so zum Edelmann qualifiziert war, gab man ihm ein Fähnlein volkes und schickte ihn dem Kaiser gegen die Türken zu hülfe. Wacker hieb er in den Feind, doch führte er lieber mit dem Freunde Krieg, raubte, erpresste und handelte, wie ein Kerl handelt, der kein ander Recht kennt als das Recht seiner Faust und seines Adels. Eine übermässige Ladung ungarischen Weins machte seinem Unwesen ein Ende und stürzte ihn vom Pferde; er verrenkte sich die Hüfte, ward in der Kur verpfuscht und setzte sich in Köln zur Ruhe. Hier legte er sich aus Missmut und Langerweile aufs Studieren, verschlang alle Legenden, Zauber- und Hexengeschichten, erhitzte, verwilderte seine leere Einbildungskraft und fasste aus Patriotismus (worin ihr deutschen alle Völker der Erde übertrefft) ganz natürlich eine besondre Vorliebe für die Reliquien und Legenden des Orts seines Aufentalts. Nichts übertraf nach seinem Sinne das Wunder der elftausend Jungfrauen (und darin hatte er nicht unrecht). Die Legende der heiligen drei Könige aus Morgenland wurde sein Labsal, und schon vor seiner ersten Ehe unternahm er, ihre geschichte zu schreiben, bisher ist er aber noch nicht mit ihnen nach Betlehem gekommen. Doch alle diese frommen Beschäftigungen bekehrten den Flucher nicht. Pfaff und Laie machten ihm Vorstellungen darüber, unter neuen, schrecklichern Flüchen versicherte er, er wolle sich das Fluchen abgewöhnen. Nehmt noch hinzu, dass dieses Tier vom vielen Sitzen hypochondrisch geworden ist, dass er sich erschrecklich vor dem Tod und noch mehr vor unsrer Brüderschaft fürchtet, die er gleichwohl ohne