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TEUFEL: Tor, der Teufel freut sich des Mords des Sünders, was ich sage, geschicht bloss darum, mich gegen deine Vorwürfe in Zukunft zu sichern, damit dir keine Entschuldigung übrigbleibe. Die Folgen der Tat sind dein.

FAUST: Sie seien mein, ich lege sie gegen meine Sünden in die Waage. Eile und morde. Sei der Pfeil meiner Rache! Fasse den Günstling und schleudere ihn in den glühenden unfruchtbaren Sand des heissen Libyens, dass er langsam hinschmachte!

TEUFEL: Faust, ich gehorche, doch bedenke, Kühner, dass dir das Richteramt nicht gegeben ist.

FAUST: Ich bin der Elendeste der Erde; aber nicht in diesem Augenblick.

TEUFEL: Es ist Selbstrache, Verdruss, dich in ihm betrogen zu haben, die dich treiben.

FAUST: Geschwätziger Teufel, es ist der Rest des Unsinns meiner Jugend, der mich bei schlechten Taten oft zu Mordgedanken reizte. Hätte ich das Unrecht der Menschen sehen und dulden können, würde ich dich aus der Hölle gerufen haben? Eile und vollziehe!

Der Teufel erwürgte den Fürsten auf seinem weichen Lager, fasste den bebenden Günstling und schleuderte ihn den glühenden Sand Libyens, fuhr zu Faust zurück: "Die Tat ist vollbracht!" Sie setzten sich beide auf den schnellen Wind und segelten dem land hinaus.

Wie glücklich sind nun unsre Fürsten, dass es keinem mehr so leicht gelingt, den Teufel aus der Hölle zu rufen und ihn zum Werkzeug der Rache der Unterdrückten und Zertretnen zu machen. Wehe den Nabobs der Erde, wenn es einem gelänge!

8.

Faust sass düster auf seinem Pferde; denn da sie über die Grenzen waren, hatten sie auf des Teufels Vermittlung das Fuhrwerk verändert. Die letzte geschichte nagte noch immer an seinem Herzen; es verdross ihn, dem Teufel in Ansehung der Menschen gewisse Dinge zugestehen zu müssen, und seine Laune ward um so bittrer, da er selbst anfing, sie in einem andern Lichte zu betrachten. Doch tröstete ihn der Gedanke in seinem Missmut, den unglücklichen Minister an den Heuchlern gerächt zu haben. Der Stolz schwellte nach und nach sein Herz so auf, dass er beinahe anfing, seine Verbindung mit dem Teufel als das Wagstück eines Mannes anzusehen, der seine Seele für das Beste der Menschen opfert und dadurch alle Helden des Altertums, die nur ihr zeitliches Dasein dransetzten, übertrifft. Noch mehr, da diese um des Ruhms willen sich opferten und also aus Eigennutz handelten, auf den er vermöge seiner Verbindung keinen Anspruch machen konnte, so fiel vor seinen verblendeten Augen alle Vergleichung zwischen ihnen und ihm weg. Setze den Menschen in welche Lage du willst, sei unbesorgt und lass nur seine Eigenliebe würken; du siehst, sie weiss Fausten selbst die Aussicht in die Hölle zu vergulden. Er vergass in diesem stolzen Gefühl die Beweggründe seiner Verbindung mit dem Teufel, seinen Hang zur Wollust und Genuss und schwärmte sich auf seinem Rosse in gespannter Phantasie zum Ritter der Tugend, zum Rächer der Unschuld. Ja dieser Selbstbetrug ward sogar ein Balsam für seinen gekränkten Geist, und er sah gleichgültiger auf den peinlichen Gedanken, das nicht durch den Teufel entdeckt zu haben, was er so sehnlich zu wissen gewünscht hatte. Sein Herz schlief hierbei so ruhig an dem Abgrund der Hölle ein, als der Fromme in die arme des Todes sinkt, der ihn in die seligen Gefilde hinüberträgt. Der Teufel ritt neben ihm her und liess ihn ruhig seine Glossen machen. Er nur sah in jedem dieser vermeinten edlen Gefühle einen neuen Stoff zur künftigen Marter und Verzweiflung, und sein Hass nahm in dem Masse gegen Fausten zu, als sich dessen Aussicht aufheiterte und erweiterte. Er genoss der Stunde voraus, worin alle diese glänzende Lufterscheinungen zusammenstürzen, alle diese bunten Bilder der Phantasie sich in die Farbe der Hölle hüllen und des Kühnen Herz so zerreissen würden, wie nie eines Sterblichen Herz zerrissen ward. Nach langem Schweigen erhub endlich Faust die stimme:

"Sage mir, wie ist es nun mit dem falschen Günstling?"

TEUFEL: Er schmachtet auf dem glühenden Sande, streckt seine verdorrte Zunge aus dem brennenden Rachen, dass die Luft und der Tau sie erfrischen und befeuchten mögen; aber dort weht kein kühlender Wind, und in Jahrtausenden fällt kein erfrischender Tropfen vom Himmel. Sein Blut kocht wie glühendes Metall in den Adern, die Strahlen der Sonne fallen senkrecht auf sein nacktes Haupt. Schon rollt der Fluch gegen den Ewigen in seinem entflammten Gehirne, seine dürre Zunge vermag nicht, ihn auszusprechen, er arbeitet in dem heissen Sande wie ein Maulwurf, um die feuchte Erde zu lecken, und öffnet sich nur ein Grab. Ist deine Rache befriedigt?

FAUST: Rache? Warum nennst du Ausübung der Gerechtigkeit Rache? Sieh, kalter Schauder überlief meine Haut bei deinen Worten, aber ich sah ihn kalt lächeln, da ich ihm die Marter des edlen und der Verführten schilderte.

TEUFEL: Die Zeit, die nur langsam den Schleier hebt, mag es entwickeln. Der Bauer, Faust, säet den Hanf, arbeitet ihn zum Stricke, ohne zu ahnden, dass sein strenger Herr ihn einst damit wird geisseln lassen, wenn er die Gebühren und Frondienste nicht abträgt. Was wird aus dir werden, wenn du den Menschen in grösserm Wirkungskreise sehen wirst? Wir haben dem Ungeheuer nur die erste Haut abgezogen, was wird es dann sein, wenn wir ihm die Brust aufreissen? Schnell würde der, welcher die Rache sich vorbehalten hat, das Zeughaus des Donners ausleeren