in das Zimmer des Ministers, er hatte ihn vorher von der ganzen geschichte unterrichtet. Noch hatte die Zerstörung nicht alle Vorstellungskraft verdunkelt, alle Fibern des Gefühls gelöst, noch stammelte die Zunge die letzten Empfindungen über das erlittene Weh, noch träufelte der letzte Tau aus den Augen des Unglücklichen auf die elende Tochter, die seine Knie umfasste, die Verzweiflung, der peinlichste Schmerz entstellten. Er lächelte noch einmal, spielte mit ihren heruntergefallnen Haaren, lächelte noch einmal – sein Sohn trat herein und wollte freudig auf ihn zustürzen. Er sah ihn starr an, ein wilder Ton der Raserei, der die Nerven durchbebt, das Herz durchschaudert, drängte sich aus seiner Brust hervor, und der sanfte Dulder ward für immer ein Gegenstand des Schreckens und des peinlichsten Mitleids.
6.
Faust wütete und stiess fürchterliche Flüche aus. Er entschloss sich, dem Fürsten den ganzen Vorgang zu entdecken und den Betrüger zu entlarven. Der Teufel lächelte und riet ihm, leise zu Werke zu gehen, wenn es ihm darum zu tun wäre, diesen Fürsten, den er ihm als ein Muster menschlicher Tugend angepriesen hätte, genau kennenzulernen. Faust eilte so gestimmt nach hof, und sicher, durch diese Entdeckung den Fall des Günstlings zu bewürken, entüllte er dem Fürsten alles in kaltem, gesetztem Tone. Als er auf die Ursache kam, die den Grafen zu dieser scheusslichen Tat verleitet hätte, nämlich sich von der Verbindung mit der Tochter des Ministers zu befreien, heiterte sich das Gesicht des Fürsten auf, er liess den Grafen rufen, umarmte ihn bei dem Eintritt und sagte:
"Glücklich ist der Fürst, der einen Freund findet, der aus Gehorsam und Furcht, ihm zu missfallen, auch wohl einen Streich wagt, der die gewöhnlichen Regeln der Moral verletzt. Der Minister hat immer als ein Tor gehandelt, es ist mir lieb, dass ich seiner los bin, und du wirst seine Stelle klüger versehen."
Faust stunde einen Augenblick wie versteinert, endlich durchglühte edle Wärme sein Herz. Er malte mit schrecklichen Farben die Lage des Ministers, brach dann in Wut und Vorwürfe aus, vergass selbst der fürchterlichen Macht, der er gebot, entbrannte ganz im Gefühl eines Rächers der unterdrückten Menschheit, der einem kalten Tyrannen die Larve abreisst, seines Schicksals unbekümmert. Man entliess ihn als einen Wahnsinnigen. Der Teufel empfing ihn frohlokkend, er blieb stumm, knirschte in seinem Innersten und freute sich im giftigen Missmut, von den Menschen sich gerissen zu haben.
7.
Um Mitternacht liess der Graf den Teufel und Fausten aufheben und sie in ein enges, schreckliches Gefängnis werfen. Faust befahl dem Teufel, der Gewalt nachzugeben, weil er erfahren wollte, wie weit diese Heuchler ihre Bosheit treiben würden.
Er nagte an den peinvollen Zweifeln seiner Seele in dem dunklen Kerker. Die schreckliche Szene des tages malte sich immer düstrer vor seinen Augen, und es entsprangen grässliche Gedanken gegen den, der das Schicksal der Menschen leitet, aus diesen schwarzen Betrachtungen. Sein Inneres war in Aufruhr, endlich rief er hohnlachend aus: "Wo ist hier der Finger der Gotteit? Wo das Auge der Vorsehung, das über die Wege des Gerechten waltet? Wahnsinnig sehe ich den Redlichen, den belohnt, der ihn zerschlagen! Dem Tyrannen, der die Tugend heuchelt, entdeckt ich die Bosheit seines Günstlings, und er findet ihn seiner Freundschaft, der Belohnung nur würdiger! Und es wäre Zweck, Ordnung und Zusammenhang in der moralischen Welt? Nun, so sind sie auch in dem Gehirn dieses armen Zerrütteten, den sein Schöpfer ohne Schutz und Rache fallen liess!" – Er fuhr fort, und der Teufel horchte lächelnd. "Ist der Mensch durch die Kette der notwendigkeit gezwungen zu handeln, so muss man seine Handlungen und Taten dem höchsten Wesen selbst zuschreiben, und sie hören dadurch auf, strafbar zu sein. Kann von einem vollkommnen Wesen etwas anders als Gutes und Vollkommnes fliessen? Nun, so sind es unsre Handlungen, so scheusslich sie uns auch vorkommen mögen, und wir sind ihr Opfer, ohne abzusehen warum. Sind sie sträflich und das, was sie uns scheinen, so ist dieses Wesen ungerecht gegen uns, denn es straft Greuel an uns, deren Quelle es selbst ist. Teufel, löse mir diese Rätsel auf, ich will wissen, warum der Gerechte leidet und der Ruchlose belohnt wird."
TEUFEL: Faust, du hast zwei Fälle gesetzt, wie, wenn es noch einen dritten gäbe? Nämlich, dass ihr auf die Erde geworfen wärt wie Staub und das Gewürme, ohne Vorsicht und Unterschied. Einem dunklen Wirrwarr überlassen, den man euch wie einen verworrnen Knäuel übergeben hätte, ihn auseinanderzuzerren, und wenn euch das unmögliche Werk nicht gelänge, euch euer strenger Herr und Richter doch zur Rechenschaft dafür aufforderte? Wenn er nun, gleich einem Despoten, eurem Herzen darum solche zweideutige gesetz und widersprechende Neigungen eingedrückt hätte, um sich die Erklärung des dunklen Sinns derselben vorzubehalten und nach Gefallen zu strafen und zu belohnen?
FAUST: Bei welchem Philosophen bist du in die Schule gegangen, dass du mir ein Wenn nach dem andern auftischest? Ha, ich fühle es, der Mensch soll und muss in der Finsternis tappen, sein Herz durch die Erscheinungen zerreissen lassen, und wenn er's auch mit dem Teufel versucht, Licht und klarheit zu erringen. Wenn Laster und Torheit den gang der Welt befördern, so ist die Tugend Unsinn, da sie den nicht schützen kann, der