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euer hartes Ohr nicht hört.

FAUST: Und diese Tat sollte der Fürst nicht rächen?

TEUFEL: Du sollst die Entwicklung mit eignen Augen sehen.

FAUST: Ich gebiete dir bei meinem Zorn, hier keinen deiner Streiche zu spielen.

TEUFEL: Brauchen die des Teufels, die ihn durch ihr Tun beschämen? Faust, wir fangen nur an, die Decke vor dem menschlichen Herzen aufzuheben; es ist mir aber doch lieb zu bemerken, dass auch ihr deutschen der Ausbildung fähig seid. Freilich borgt ihr sie von andern Völkern und verliert dadurch den Ruhm der Eigenheit, aber in der Hölle ist man darüber weg und hält sich an den guten Willen.

4.

Faust vertrieb sich die Zeit mit den Weibern, verführte die Hoffräuleins und Zofen, indessen das Drama des Günstlings sich der Entwicklung näherte. Er sass mit dem Baron H*** zusammen und teilte ihm den fein gesponnenen Entwurf mit. Dieser sollte das Werkzeug dazu sein, und da der Glanz des Goldes den Kitzel der langen Buhlerei mit der Frau des Ministers nicht mehr schärfen konnte, überdem die Tränen der unglücklichen Tochter, der Kummer des Vaters, die nahe Ankunft des Krüppels von Sohn seinem zarten Gewissen anfingen beschwerlich zu werden, so war er sehr geneigt, sich dieser Bürde auf eine oder die andre Art zu entledigen. Die Belohnung ging, wie unter Leuten, die sich kennen, natürlich voraus und bestund darin, dass der Graf über sich nahm, bei dem Fürsten auszuwürken, den Baron in einer wichtigen Angelegenheit an den Kaiserlichen Hof zu schicken. dafür verband sich der Baron, die Frau des Ministers durch eine Summe Gelds, die der Graf herschoss, dahin zu stimmen, ein gewisses Papier, das eins der wichtigsten Dokumente des fürstlichen Hauses entielt und dessen man soeben wegen einer Streitigkeit mit einem andern fürstlichen haus benötigt war, aus dem Kabinett des Ministers, dem es übergeben war, darüber zu arbeiten, auf eine unmerkliche Art zu entwenden. Der Graf hoffte dann die Sache so zu drehen, dass aller Schein gegen den Minister sei, als habe er dieses Dokument aus Not der Gegenpartei ausliefern wollen, und dass nur seine eigne Wachsamkeit das fürstliche Haus aus dieser Gefahr gerettet hätte. Die Gemahlin des Ministers glaubte, dass ein Mann, der zu ihren Torheiten kein Gold mehr auftreiben könnte, keine Schonung verdiente, und da sie sich immer schmeichelte, den Günstling mehr zu gewinnen, je gefälliger sie sich ihm erzeigte, so überlieferte sie ohne Bedenken das Papier.

5.

Der Minister ging seufzend und einsam in seinem Zimmer auf und ab. Das Gefühl der bevorstehenden Schande, der Druck peinlichen Kummers, die Gewissheit betrogner Liebe hatte auch seine Tochter, einst sein einziger Trost, von ihm entfernt. Sie weinte verschlossen und zehrte an einem Herzen, das eines bessern Schicksals würdig war, so dorrt die Lilie im einsamen Tale hin, die eine mutwillige Hand am zarten Stengel gedrückt hat. Seine Gemahlin unterbrach seine düstre Einsamkeit, um ihm sein Elend noch fühlbarer zu machen. Bald darauf trat der Baron herein und forderte kalt die Instruktion an den Kaiserlichen Hof. Da der Fürst Befehl dazu erteilt hatte, so ging der Minister in sein Kabinett, um sie zu holen. Indessen hatte seine Gemahlin Zeit, eine Szene der Verzweiflung mit ihrem Buhlen zu rasen. In dem Augenblick, da der Minister dem Baron die Instruktion übergab, kam ein Bote des Fürsten mit einem Handbillett, worin er ihm bedeutete, das Dokument und seine Ausarbeitung an Hof zu bringen, weil man beides dem Abgesandten der Gegenpartei vorlegen wollte. Der Minister suchte in seinem Kabinett, leerte alle Schränke aus, kalter Todesschweiss rann über sein Gesicht; er forschte alle Sekretärs und Schreiber aus, sein Weib, seine Tochter, umsonst, er musste sich entschliessen, sich dem fürchterlichen Sturm in der Unschuld seines Herzens auszusetzen. Er trat vor den Fürsten, der mit dem Grafen allein war, und kündigte ihm sein Unglück an, beteuerte seine Unschuld und unterwarf sich seinem Schicksal. Der Graf liess die erste Empfindung bei dem Fürsten würken, trat dann kalt näher, zog das Dokument aus der tasche, übergab es dem Fürsten mit einer tiefen Verbeugung, liess darauf hart in sich dringen, wie er dazu gekommen, liess sich sogar mit Ungnade bedrohen und gestund endlich mit dem äussersten Widerwillen den Vorgang der Sache nach seinem entworfnen Plane. Der Minister verstummte, der sprechende Beweis von Schuld verwirrte ihn so, dass selbst das Gefühl seiner Unschuld nicht durch die Finsternis dringen konnte, die diese unerwartete Wendung vor seine Sinne zog. Der Fürst sah ihn wütend an und sagte: "Lange konnte ich von Euch erwarten, dass Ihr endlich die Torheit Eurer Aufführung durch Verräterei an mir heilen würdet." Dieser Vorwurf zog die Decke von den Augen des Verstummten weg, das Gefühl seiner Redlichkeit wollte seine starre Zunge beleben, der Fürst befahl ihm zu schweigen, seine Stelle niederzulegen, nach haus zu gehen und sich nicht zu entfernen, bis ein Gericht über ihn gesprochen.

Der Unglückliche ging, dicke Tränen rollten in seinen Bart. Die Verzweiflung entriss seiner Tochter das Geheimnis ihrer Schande und der Mutter das Geständnis ihres Verbrechens. Die Kraft seines Geistes zersprang, seine Sinne verwirrten sich, und nur das schrecklichste Schicksal, das den Menschen treffen kann, Stumpfheit und Wahnsinn, zogen einen düstern Schleier vor das Erinnern des Vergangnen und heilten durch eine gänzliche Zerstörung sein Herz von den grausamen Wunden, die ihm seine nächsten geschlagen.

In diesem Augenblick führte der Teufel Fausten