den Traum, und in dieser Gestalt flog er in die Stadt. Man liess die Mutter Gottes so nackend stehen, wie sie war, bekümmerte sich nichts mehr darum, ob es die weissen Nonnen den schwarzen zuvor tun würden. Die Äbtissin machte sich auf den Weg, um die höllische geschichte auszubreiten, ihr folgte die Schaffnerin; die Pförtnerin hielt eine Versammlung an ihrem Pförtchen, und Klärchen beantwortete naiv die noch naiveren fragen der Schwestern. Die Trompeter des jüngsten Gerichts können einst in Mainz nicht mehr Schrecken und Verwirrung verbreiten als diese geschichte. Nur der Schrecken in den rheinischen Bistümern war grösser, als es sich die muntern Franzosen einfallen liessen, die schon bei dem ersten Zusammentreten in Gesellschaft verlerne Rechte der Menschheit hervorzusuchen. Und natürlich, man erinnerte sich hierbei des berühmten Sankt Veitstanzes, der einst ansteckend durch alle Provinzen und Reiche Europas sich ausbreitete und die Köpfe der Europäer, besonders der deutschen, so verwirrte und erhitzte, dass sich Ritter und Bauer, Graf und Trossknecht, Bischof und Dorfpfarrer, Edelfrau und Bettlerin, Gräfin und Kammerjungfer untereinander und durcheinander an den Händen fassten und in wilden, unsinnigen Kreisen von Dorf zu dorf, von Stadt zu Stadt herumtanzten, bis sie alle erschöpft und die Geschwächtesten von ihnen leblos niedersanken.
Da der Prior der Dominikaner diesen Vorfall erfuhr, rannte er nach dem versammelten Kapitul und gab durch diesen Bericht auf einmal der Sache eine neue Wendung. Der Erzbischof hätte nun gern den ganzen Handel unterdrückt; aber jetzt lag dem Kapitul dran, ihn auszubreiten, und alle Domherrn stimmten einmütig darauf, die bedenkliche Sache müsste dem Heiligen Vater in Rom vorgelegt werden. Man schrie, raste, tobte, drohte, und nur die Mittagsglocke konnte die Streitenden auseinanderbringen. Die offne Fehde verwandelte sich bald in eine feinere. Von hof aus fing man an zu bestechen, im Kapitul zu intrigieren, und ganz Mainz, Mönch und Laie, zerfiel auf einige Jahre in zwei Teile, so dass sie nichts sahen, hörten, von nichts sprachen und träumten als dem Teufel, der weissen Nonne und dem Pater Gebhardt. Auf den Katedern jeder Fakultät ward darüber disputiert; die Kasuisten, nachdem sie die Nonne und den Pater ad protocollum genommen und gegeneinander gestellt hatten, schrieben Foliobände über alle die möglichen sündigen und nicht sündigen Fälle der Träume. War dies eine Zeit für Fausten und seine Erfindung?
3.
In Frankfurt nun, dem stillen Sitz der Musen, dem Schutzort der Wissenschaften, hoffte Faust bessres Glück. Er bot dem erlauchten Rat seine Bibel für zweihundert Goldgulden an; da man aber vor einigen Wochen fünf Stück Fässer Rheinwein in den Ratskeller gekauft hatte, so fand sein Gesuch so leicht nicht statt. Er hofierte den Schöppen, dem Schulteiss, den Senatoren, vom stolzen Patrizier bis zu dem noch stolzern Ratsherrn der Schuhmacherzunft. Man versprach ihm überall Huld, Schutz und Gnade. Zuletzt hielt er sich vorzüglich an den regierenden Bürgermeister, wobei er aber bisher weiter nichts gewann, als dass die Frau Bürgermeisterin eine gewaltige Flamme in seinem leichtfangenden Busen anzündete. Eines Abends versicherte ihn der Bürgermeister, dass man ersten tages einen Ratsschluss fassen würde, vermöge welchem die gesamte Judenschaft gehalten sein sollte, Mann für Mann die Summe für die Bibel herzuschiessen. Da Faust bemerkt hatte, dass seine Kinder Hungers sterben könnten, bevor eine so aufgeklärte Versammlung einstimmig würde, so ging er ohne Hoffnung, voller Liebe und Grimm auf seine einsame stube. In diesem Missmut nahm er seine Zauberformeln vor. Der Gedanke, etwas Kühnes zu wagen und Unabhängigkeit von den Menschen durch die Verbindung mit dem Teufel zu suchen, schoss lebhafter als je durch sein Gehirn. Noch erschütterte ihn die Vorstellung davon. Mit heftigen Schritten, wütenden Gebärden, unter fürchterlichen Ausrufungen ging er in seinem Zimmer auf und ab und kämpfte mit seinen inneren, aufrührerischen Kräften. Kühn strebten diese, das Dunkel zu durchbrechen, das uns umhüllt, noch schaudert sein Geist vor dem Entschluss; aber nun wägt der Lüsterne die Befriedigung der unersättlichen Begierden seines Herzens, die längst gewünschte Genüsse der ganzen natur gegen die Vorurteile der Jugend, die Armut und die Verachtung der Menschen. Schon schwankt die Zunge der Waage. Die Glocke schlägt elf auf dem nahen Turme. Schwarze Nacht liegt auf der Erde. Der Sturm heult aus Norden, die Wolken verhüllen den vollen Mond, die natur ist im Aufruhr. Eine herrliche Nacht, die empörte Einbildungskraft zu verwildern. Noch schwankt die Zunge der Waage. In dieser Schale tanzen leicht Religion und ihre Stütze, die Furcht vor der Zukunft. Die Gegenschale schlägt sie hinauf; Durst nach Unabhängigkeit und Wissen, Stolz, Wollust, Groll und Bitterkeit füllen sie. Ewigkeit und Verdammnis schallen nur dumpf in seiner Seele. So strauchelt die Jungfrau, welche die glühenden Küsse des Geliebten auf dem Busen fühlt, zwischen den Lehren der Mutter und dem Zug der natur. So schwankt der Philosoph zwischen zwei Sätzen, dieser ist wahr, jener glänzend und führt zu dem Ruhme; welchen wird er wählen?
Nun zog Faust nach der Vorschrift der Magie den fürchterlichen Kreis, der ihn auf ewig der Ob- und Vorsicht des Höchsten und den süssen Banden der Menschheit entreissen sollte. Seine Augen glühten, sein Herz schlug, seine Haare stiegen auf seinem Haupt empor. In diesem Augenblick glaubte er seinen alten Vater, sein junges Weib und seine Kinder zu sehen, die in Verzweiflung die hände rangen. Dann sah er sie auf die Knie fallen und für ihn zu dem beten, dem er