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. Der Bischof liess das Messer fallen, sank rücklings in Ohnmacht, und die ganze Gesellschaft sass da in lebloser Lähmung des Schreckens.

FAUST: Herr Bischof und Ihr, geistliche Herren, lasst Euch nun diesen da christliche Milde vorpredigen!

Er brach mit dem Teufel auf.

2.

Die Unempfindlichkeit des Fürstbischofs und seiner Tischgenossen, die Faust bei der Erzählung dieser traurigen geschichte wahrnahm, die Art, wie dieser über das Schicksal dieses Unglücklichen entschied, legte den ersten Samen zum finstern Groll in sein Herz. Er lief in seinem geist seine vorige Erfahrung und das, was er, seitdem er mit dem Teufel herumzog, gesehen, durch und entdeckte, wohin er sich wandte, nichts als Härte, Betrug, Gewalttätigkeit und Bereitwilligkeit zu Lastern und Verbrechen, um des Golds, des Emporsteigens und der Wollust willen. Er seufzte tief in seinem Herzen und sah mit feuchtem Auge gegen Himmel: "Du hast allen, von dem grössten bis zu dem Kleinsten, den Anspruch von Glück und Genuss ins Herz gelegt! allen das Gefühl von Recht und Unrecht mitgeteilt. Hast sie alle gleich empfindlich für Schmerz und Freude gemacht! Warum kann und darf ein einziger diese anerkannten Ansprüche und Gefühle verletzen? Wie kann der Mensch vor deinem Angesicht gegen den Menschen wüten?" Noch wollte er die Ursache dazu in dem Menschen selbst suchen; aber sein unruhiger, zu Zweifeln geneigter Geist, seine Einbildungskraft, die so gern über die nähern Verhältnisse wegflog, sein erbittertes, heftig teilnehmendes Herz fingen schon jetzt an, in dunklen Gefühlen den Schöpfer der Menschen wo nicht zum Urheber, doch wenigstens durch seine Duldung zum Mitschuldigen alles dessen zu machen, was ihm Empörendes aufstiess. Diese dunkle Empfindungen brauchten nur einen stärkern Stoss, um seinen Verstand zu verwirren, und der Teufel freute sich darauf, die Veranlassung dazu in der Ferne wahrzunehmen. Faust hoffte sich bald an dem Hof des berühmten Fürsten von diesem Missmut zu heilen, und in diesem Wahn liess ihn sein Gefährte sehr gerne.

Sie kamen gegen Abend in eine Stadt, wo sie bei dem Einritt eine Menge volkes um einen Turm versammelt fanden, in welchem man die zum Tod Verurteilten die letzte Nacht ihres Lebens zu bewachen pflegte. Faust merkte, dass einige wild, andre gerührt hinaufsahen, und erkundigte sich um den Grund dieser Äusserungen. Das Volk schrie untereinander:

"Unser Vater, der Freund der Freiheit, der Beschützer des volkes, der Rächer der Unterdrückung, der Doktor Robertus sitzt da oben! der harte, tyrannische Minister, sein Freund, hat ihn zum Tod verdammt, und Morgen soll er hingerichtet werden, weil er uns gegen ihn so kühn verteidigt hat."

Diese Worte fielen in die Seele Fausts. Er fasste eine hohe Meinung von dem mann, der sich auf Gefahr seines Lebens zum Rächer der Menschen aufgeworfen; und da er soeben ein Augenzeuge der Folgen tyrannischer Gewalttätigkeit gewesen war, so forderte er den Teufel schnell auf, ihn zu diesem Doktor zu bringen. Der Teufel führte ihn seitwärts, schwang sich mit ihm auf den Turm und trat mit ihm in das Gefängnis des Rächers der Freiheit. Faust sah da einen Mann vor sich, dessen stolze, kühne, düstre Gesichtsbildung jeden andern als ihn zurückgestossen hätte; aber es tat eine ganz andre Würkung auf ihn, und da er ihn in diesem entscheidenden Augenblick ruhig und gelassen fand, so setzte seine rasche Einbildungskraft aus dem, was er gehört hatte und was er vor sich sah, beim ersten blick das Bild eines grossen Mannes zusammen. Der Doktor schien über ihre plötzliche Erscheinung gar nicht betroffen. Faust nahte sich ihm und sagte:

"Doktor Robertus, ich komme, Eure geschichte aus Eurem eignen mund zu hören, nicht als wenn ich daran zweifelte, denn Euer Anblick bestätigt das, was ich vernommen habe. Ich bin nun gewiss, dass Ihr als ein Opfer der Gewalt fallt, die das Menschengeschlecht unterjocht und die mich so wie Euch empört. Ich komme, Euch meine Dienste anzubieten, die Euch gegen allen Schein aus dieser traurigen Lage retten können."

Der Doktor sah ihn kalt an, liess sein Haupt in seine Hand fallen und anwortete:

"Wohl falle ich als ein Opfer der Gewalt und Tyrannei, und was mir das empfindlichste ist, durch die Hand eines falschen Freundes, der mich mehr seiner Furcht, seinem Neide, als seinen despotischen grundsätzen aufopfert. Ich weiss nicht, wer Ihr seid und ob Ihr mich retten könnt; aber es liegt mir daran, dass Männer von Eurem Ansehen den Doktor Robertus kennenlernen, der morgen für die Freiheit blutet. Von frühster Jugend lebte der Geist edler Unabhängigkeit, dem der Mensch allein das Grosse, dessen er fähig ist, zu danken hat, in meiner Brust. Früh empörten meine Seele die Gewalt und Unterdrückung, wovon ich Beweise sah und in der geschichte las, ja bis zur Wut entflammten sie mich, und oft vergoss ich glühende Tränen, dass ich mich unvermögend fühlte, die Leiden der Menschheit zu rächen; zu meiner Qual erfuhr ich aus der geschichte der edlen Griechen und Römer, welche grosse Ansprüche der Mensch auf Würde und achtung hat, wenn ihn die Tyrannen das sein lassen, wozu ihn die natur gemacht hat. Glaubt darum nicht, ich sei einer der Toren, welche die Freiheit dahinein setzen, dass jeder tun kann, was ihm gefällt. Wohl weiss ich, dass die Kräfte des Menschen verschieden sind und ihre Lage im bürgerlichen Leben bestimmen müssen, aber da ich