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verlangte das Kalb für die fürstliche Tafel. Mein Mann stellte ihm seine Not vor, bat ihn, die Ungerechtigkeit zu bedenken, dass er das Kalb für nichts hingeben sollte, das man ihm in Frankfurt teuer bezahlen würde. Der Haushofmeister sagte, er wisse doch wohl, dass kein Bauer etwas über die Grenze führen dürfte, was ihm anstünde. Der Amtmann kam mit den Schergen dazu, anstatt meinem mann beizustehen, liess er die Ochsen ausspannen, der Haushofmeister nahm darauf das Kalb, mich trieben die Schergen mit den Kindern von Haus und Hof, und mein Mann schnitt sich in der Scheune aus Verzweiflung den Hals ab, während sie unser Hab und Gut wegführten. Da, seht den Unglücklichen unter diesem Tuche! Wir sitzen hier, seinen Leichnam zu bewachen, damit ihn die wilden Tiere nicht fressen, denn der Pfarrer will ihn nicht begraben."

Sie riss das weisse Tuch von der Leiche weg und sank zu Boden. Faust fuhr bei dem schrecklichen Anblick zurück. Dicke Tränen drängten sich aus seinen Augen, er rief: "Menschheit! Menschheit! ist dies dein Los?" zum Himmel. "Liessest du diesen Unglücklichen darum geboren werden, dass ihn ein Diener deiner Religion durch Verzweiflung zum Selbstmord treibe?" Er deckte den Unglücklichen zu, warf der Frau Gold hin und sagte: "Ich gehe zum Bischof, ich will ihm Eure unglückliche geschichte erzählen, er muss Euren Mann begraben, Euch das Eurige zurückgeben und die Bösewichter bestrafen."

Diese geschichte machte einen so starken Eindruck auf ihn, dass sie schon an dem bischöflichen schloss waren, bevor er seiner Empfindung Luft machen konnte. Man nahm sie sehr gut auf und lud sie zur Tafel. Der Fürstbischof war ein Mann in seinen besten Jahren und so ungeheuer dick, dass das Fett seine Nerven, sein Herz und seine Seele ganz überzogen zu haben schien. Er fühlte nirgends als bei Tische, hatte nur Sinn auf der Zunge und kannte kein andres Unglück, als wenn eine von ihm angeordnete Schüssel nicht geriet. Seine Tafel war so gut besetzt, dass Faust, dem der Teufel durch dienstbare Geister einigemal hatte auftischen lassen, gestehen musste, ein Bischof überträfe selbst diesen Tausendkünstler an feinem Geschmack. Auf der Mitte des Tisches stunde unter andern ein grosser fetter Kalbskopf, ein Lieblingsgericht des Bischofs. Er, der mit Leib und Seele bei Tische war, hatte noch nicht gesprochen. Auf einmal erhub Faust seine stimme:

"Gnädiger Herr, nehmt mir nicht übel, wenn ich Euch die Esslust verderben muss, aber es ist mir gar nicht möglich, diesen Kalbskopf da anzusehen, ohne Euch eine schreckliche geschichte zu erzählen, die sich heute ganz nahe bei Eurem Hoflager zugetragen hat. Auch hoffe ich von Eurer Gerechtigkeit und christlichen Milde, dass Ihr den Beleidigten Genugtuung verschaffen und in Zukunft dafür sorgen werdet, dass Eure Angehörigen die Menschheit nicht mehr auf eine so unerhörte Art verletzen."

Der Bischof sah verwundernd auf, blickte Fausten an und leerte seinen Becher aus.

Faust erzählte mit Wärme und Nachdruck die obige geschichte, keiner der Anwesenden schien darauf zu horchen, der Bischof ass fort.

FAUST: Mich dünkt doch, ich rede hier zu einem Bischof, einem Hirten seiner Herde, und sitze mit Lehrern und Predigern der Religion und christlichen Liebe zu Tische. Herr Bischof, seid Ihr es oder nicht?

Der Bischof sah ihn verdriesslich an, liess den Haushofmeister rufen und fragte ihn: "He, was ist denn das mit dem Bauern da, der sich wie ein Narr den Hals abgeschnitten hat?"

Der Haushofmeister lächelte, erzählte die geschichte wie Faust und setzte hinzu: "Ich habe ihm darum das fette Kalb genommen, weil es eine Zierde Eurer Tafel und für die Frankfurter, denen er's verkaufen wollte, zu gut ist. Der Amtmann hat ihn gepfändet, weil er immer ein schlechter Wirt war und seit drei Jahren seine Gebühren nicht bezahlt hat. So verhält sich's, gnädiger Herr, und wahrlich, kein Bauer soll mir etwas Gutes aus dem land führen!"

BISCHOF: Da hast du recht. – Zu Faust. Was wollt Ihr nun? Ihr seht doch, dass er wohlgetan hat, dem Bauer das Kalb zu nehmen; oder meint Ihr, die Frankfurter Bürger sollten die fetten Kälber meines Landes fressen, und ich die magern?

Faust wollte reden.

BISCHOF: Hört Ihr, esst, trinkt und schweigt. Ihr seid der erste, der an meiner Tafel von Bauern und solchem Gesindel spricht, und wenn Euch Euer Rock nicht zum Edelmann machte, so müsst ich denken, Ihr stammt von Bettlern her, weil Ihr ihnen so laut das Wort redet. Wisst, ein Bauer, der seine Gebühren nicht bezahlen kann, tut ebenso wohl, dass er sich den Hals abschneidet, als gewisse Leute tun würden zu schweigen, wenn sie einem die Esslust mit unnützem Gerede verderben. – Haushofmeister, dies ist ein vortrefflicher Kalbskopf

HAUSHOFMEISTER: Es ist eben der von Hans Ruprechts Kalbe.

BISCHOF: So! So! Gib ihn her und reiche mir die Würze. Ich will ihm ein Ohr herunterschneidener wird auch dem Schreier dort schmecken.

Der Haushofmeister stellte die Schüssel vor den Bischof. Faust raunte dem Teufel etwas ins Ohr, und in dem Augenblick, da der Bischof das Messer an den Kalbskopf setzte, verwandelte ihn der Teufel in den Kopf Ruprechts, der wild, grässlich und blutig dem Bischof in die Augen starrte