Welt sagen, es sei ein Spiel des Erbfeinds der Menschen? Lasst dem Satan den schlechten Ruf und bleibt auf Eurem Stuhl, mit der herrschaft geschmückt, sitzen, die dem Himmel gefällt. Dieses rate ich Euch zu Eurem Besten, aus Freundschaft für Euch, und Ihr mögt es nun machen, wie Ihr wollt.
Die Äbtissin sass stumm da und betete in der Verwirrung leise ihren Rosenkranz herunter. – "Die Sünde des Fleisches soll retten – Ave Maria! – es ist Eingebung des Satans – Heilige Ursula, erleuchte mich!" – sie sah nach dem Bilde der Heiligen. – "Die Schande und Ärgernis für das Kloster werden gross sein – Ave Maria! – es wird auf die Rechnung des Teufels geschrieben werden – aber ich kann verdammt dadurch werden! – pater noster – soll ich nun eine Magd im Kloster werden und in meinen alten Tagen mich von Höhern quälen lassen, nachdem ich so lange die Nonnen gequält habe? – wir würden ihrer los, das sündliche geschöpf hatte ohnedies der ganzen Stadt Ärgernis gegeben. – Hm, ich soll nicht mehr die Nönnchen auskeifen; und wie würde sich diese und jene an mir rächen? Ave Maria! – ich will meine übrigen Tage als Äbtissin ausleben, dem Kloster zum Besten, es koste, was es wolle!"
Der Teufel feuerte zu, und der Anschlag ward gefasst. Beim Weggehen sagte der Teufel zu Faust:
"Was hab ich nun anders getan, als dass ich den Stolz dieser alten Vettel fragte, ob es besser sei, die gefürchtete Verdammnis zu wagen oder die tyrannische Gewalt über die armen Nonnen aufzugeben, die sie nur noch eine kurze Zeit auszuüben hat?"
So wohl Fausten der Spass gefiel, so sehr missfiel es ihm, dass der Teufel immer recht behielt. Abends führte ihn die Äbtissin unter der Vermummung des Dominikaners selbst in Klaras Zelle, während die Nonnen in der Vesper waren. Klärchen erschien, und nachdem sie sich der heiligen Ursula empfohlen, legte sie sich nieder. Ihre Einbildungskraft, die einmal auf gewisse Dinge gespitzt war, wiederholte oft in Träumen die vorige Erscheinung, sie lag eben in einer solchen Entzückung, als Faust zu ihr schlich, die Erscheinung zu verkörpern. Klärchen hielt wachend das Spiel für Traum, genoss seiner und fühlte die Sünde der Lust in all ihrem Reiz. Die Äbtissin gab sich indessen in ihrer Zelle die Disziplin und gelobte, jede Woche, um ihrer Seele willen, einmal zu fasten. Der Erfolg dieser Nacht endigte auf einmal den Krieg in Mainz, aber für das arme Klärchen war er schrecklich.
Faust nahm nun Abschied von seiner Familie. Es wurden wenig Tränen vergossen, und sein Vater gab ihm traurig heilsame Lehren.
11.
Als er mit dem Teufel über die Rheinbrücke ritt, sich an der nächtlichen Szene ergötzte und Glossen über die Äbtissin machte, sah er ferne einen Menschen im wasser, der dem Ersaufen nahe war und nur noch matt mit dem nahen Tod kämpfte. Er befahl dem Teufel, den Menschen zu retten. Dieser antwortete ihm mit bedeutendem Blicke:
"Faust, bedenke, was du forderst, es ist ein Jüngling, und vielleicht ist es besser für ihn und dich, dass er hier sein Leben endet."
FAUST: Teufel, nur zum Bösen bereit, willst du mich dahin bringen, dem Ruf der natur zu widerstehen? Eile und rette ihn.
TEUFEL: Du kannst wohl nicht schwimmen – gut! Die Folgen seien dein Gewinn; du wirst es bereuen.
Er eilte hin und rettete den Jüngling. Faust tröstete sich, durch eine gute Handlung die sündige Nacht versühnt zu haben, und der Teufel lachte des Trosts.
Drittes Buch
1.
Der Teufel hatte Fausten durch einige Abenteuer geführt, die nebst den vorhergehenden seinem Herzen bloss zur Vorbereitung auf die Stürme des Lebens, welche er vermöge seiner Menschenkenntnis vorsah, dienen sollten. Das, was Faust bisher gesehen hatte, erfüllte seinen Busen höchstens mit Hohn und Bitterkeit; aber die Szenen, die sich nun eröffnen, rissen nach und nach solche tiefe Wunden hinein, dass sein Verstand sie nicht mehr zu tragen und zu heilen fähig war. Und nur ein grosser der Erde oder, welches meistens einerlei ist, ein Schöpfer und Mitwürker des menschlichen Elends, kann sie gelassen ansehen.
Der Teufel und Faust ritten unter Gesprächen an der Fulda hin, als sie unter einem Eichbaum, nahe bei einem dorf, ein Bauernweib mit ihren Kindern sitzen sahen, die leblose Bilder des Schmerzes und der stumpfen Verzweiflung zu sein schienen. Faust, den die Tränen ebenso gut wie die Freude anzogen, nahte sich hastig und fragte die Elenden um die ursache ihrer Not. Das Weib sah ihn lange starr an. Nur nach und nach taute sein freundlicher blick ihr Herz so weit auf, dass sie ihm unter Tränen und Schluchzen folgendes mitteilen konnte:
"In der ganzen Welt ist niemand unglücklicher als ich und diese arme Kinder. Mein Mann war dem Fürstbischof seit drei Jahren die Gebühren schuldig. Das erste Jahr konnte er sie wegen Misswachs nicht bezahlen, das zweite frassen die wilden Schweine des Bischofs die Saat auf, und das dritte ging seine Jagd über unsre Felder und verwüstete die Ernte. Da der Amtmann meinen Mann beständig mit Pfändung bedrohte, so wollte er heute ein gemästetes Kalb mit dem letzten Paar Ochsen nach Frankfurt führen, sie zu verkaufen, um die Gebühren zu bezahlen. Als er aus dem hof fuhr, kam der Haushofmeister des Bischofs und