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gewissenhafte Frau bekannt.

TEUFEL: Faust, dein Weib erhub ein Zetergeschrei, als du ihr deine Reise ankündigtest; aber da der Schimmer des Goldes und des Putzes in ihre Augen strahlte, lachte das Herz des Kummers. Ich sage dir, die Äbtissin soll dich in die Zelle der Nonne führen, und ich will keine übernatürliche Mittel gebrauchen. Du selbst sollst Zeuge sein, wie die alte Vettel in die Angel beissen wird. Komm, wir wollen ihr unter der frommen Gestalt zweier Nonnen einen Besuch machen. Ich kenne die Lage der Klöster, die Gesinnungen der Nonnen und Mönche in Teutschland genau, um sie vorstellen zu können. Ich will die Äbtissin der schwarzen Nonnen vorstellen und du ihre Freundin, die Schwester Agate.

In diesem Augenblick kam Fausts Freund voller Freude, ihm die Nachricht von dem glücklichen Ausgang seines Prozesses zu überbringen. Er wollte Fausten und dem Teufel danken, Faust aber sagte: "Ich entlasse Euch alles Danks und empfehle Euch meine Familie in meiner Abwesenheit." Der Teufel lächelte über sein Zutrauen. Faust raunte diesem ins Ohr: "Es ist Zeit, denke des Richters!"

9.

Der Richter wollte nachmittags seinem geliebten weib die tausend Goldgulden des Teufels vorzählen, zog sehr hastig die Schublade heraus und fuhr bei ihrem Anblick bebend zurück. Die Goldstücke hatten sich in Mäuse und grosse Ratten verwandelt, die alle herausfuhren und wütend nach seinem Gesicht und seinen Händen sprangen. Der Richter, der von natur einen grossen Abscheu gegen diese Tiere hatte, floh aus der stube, sie ihm nach und hingen sich an seine Ferse. Er stürzte zu dem haus hinaus, lief durch die Strassen, das Ungeziefer verfolgte ihn. Er rannte aufs Feld, sie liessen nicht ab. So trieben sie den Angstvollen bis in den steinernen Mautturm im Rhein. Hier dachte er das Ende ihrer Verfolgung gefunden zu haben; aber Ratten und Mäuse aus der Hölle scheuen das wasser nicht. Sie schwammen hindurch, fielen über ihn her und frassen ihn lebendig auf. Von dieser Zeit an nennte man diesen Turm den Mäuseturm. Seine Frau erzählte in der Bestürzung die geschichte der Verwandlung der Goldstücke, wodurch sich ihr unglücklicher Mann hätte verblenden lassen, und seit diesem Vorfall hat man im ganzen Erzstift Mainz kein Beispiel erlebt, dass sich ein Richter oder Advokat hätte bestechen lassen. Der Teufel muss dieses nicht bedacht haben, sonst hätte er gewiss den Spuk bleiben lassen.

10.

Der Teufel und Faust stunden verwandelt und vermummt in dem Kreuzgang des Nonnenklosters. Die Pförtnerin lief voraus, was sie konnte, der Äbtissin den vornehmen Besuch anzukündigen. Die Äbtissin empfing sie mit allen den frömmelnden Klosterbegrüssungen, die der Teufel in gleichem Tone beantwortete. Man trug Zuckergebacknes und feine Getränke auf, schnatterte von Klostergeschichten, von der argen Welt, und der Teufel lenkte seufzend die Unterredung auf Klaras geschichte. Klärchen, die vermöge ihrer Verwandtschaft das Schosskind des Klosters war, stunde neben der Äbtissin und lächelte unter ihrem Schleier. Faust bemerkte das Lächeln, verschlang sie mit den Augen und freute sich des bevorstehenden Abenteuers, denn nie dünkte ihn, einen reizendern Schalk unter dem heiligen Schleier gesehen zu haben. Der Teufel gab dem gespräche eine ernste Wendung und liess die Äbtissin merken, er hätte ihr wichtige Sachen zu vertrauen.

ÄBTISSIN zu Klara: Lämmchen, Ihr könnt nun zu den Nonnen in Garten gehen und Euch ergötzen. Ich will Euch, des vornehmen Besuches der Äbtissin zu Ehren, Zuckergebacknes schicken, dass Ihr den Tag ihres Besuchs feiern mögt.

Klärchen sprang weg. Nach einigen Worten, wobei der Teufel sehr bedenklich und ängstlich tat, um die Äbtissin zu reizen, in ihn zu setzen, fing er an, seinem Zwecke näherzukommen.

TEUFEL: Ach, liebe Schwester, wie sehr bedaure ich Euch! Es ist wahr, und das kann Euch trösten, die ganze Stadt und das ganze Land sind von Eurer Heiligkeit, Eurer Frömmigkeit und Strenge überzeugt. Ihr seid ein lebendiges Muster der Bräute des himmels; aber leider! Welt ist Welt, und oft flösst der böse Feind den Weltmenschen böse Gedanken ein, um die durch sie zu stürzen, die ihm ein Dorn in den Augen sind. Er kann es nicht leiden, der hässliche Satan, dass Ihr Eure Schäfchen in aller Reinheit weidet. Wie gesagt, ich bedaure Euch herzlich, und noch mehr die armen Schäfchen, die Euch anvertraut sind; was wird aus ihnen werden, wenn sie Euch verlieren?

ÄBTISSIN: Liebe Schwester, seid darum unbesorgt; ob ich gleich alt bin, so bin ich doch, dem Himmel sei Dank, gesund und frisch, und die kleinen Ungemächlichkeiten, ach! eine Folge der Entaltsamkeit, des strengen Lebens und der Busse, sichern eher mein hinfälliges Leben, als dass sie es bedrohen. Wenigstens sagt mir dies immer der Arzt des Klosters, wenn ich mich beklage.

Der Teufel sah sie bedeutend an:

"Habt Ihr denn gar keine Ahndung von dem, was Euch bevorsteht? Kein warnendes Traumgesicht? Hat sich seit einiger Zeit gar nichts im Kloster zugetragen, das Euch aufmerksam auf die Zukunft macht? Es pflegt doch gewöhnlich zu geschehen, dass fromme Seelen durch gewisse Zeichen von dem unterrichtet werden, was ihnen bevorsteht."

ÄBTISSIN: Ihr erschreckt mich, dass ich am ganzen leib zittre. Lasst mich doch nachsinnenja, ja, nun erinnre ich michich schlafe sehr unruhigträume von Kirchhof und Leichenund vor einigen Tagen – o gewiss ist dies