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mich zu Eurem Richter. Ich habe hier einen Freund, der solchen Nöten gern abhilft.

Sie fanden in dem Richter einen aufgeblasnen stolzen Mann, der einen armen Klienten kaum eines Blicks würdigte. Faust kannte ihn längst für das, was er war. Der Richter fuhr Fausts Freund verdriesslich an: "Was quält Ihr mich, wisst Ihr doch, dass Tränen die Gerechtigkeit nie bestechen?"

Der gebeugte Freund sah demütig zur Erde.

FAUST: Gestrenger Herr, da habt Ihr recht, Tränen sind auch nur wasser und beissen nur das Auge dessen, der sie weint; aber doch wisst Ihr, dass mein Freund das Recht für sich hat.

RICHTER: Meister Faust, Ihr seid mir als ein Mann bekannt, der Hab und Fahrt verprasst und eine lose Zunge hat. Was kümmern seine Tränen die Gerechtigkeit? Recht und Gesetz sind zweierlei; hat Euer Freund das erste für sich, so hat er darum noch nicht das zweite.

FAUST: Ihr sagt, Recht und Gesetz sind zweierlei, ungefähr wie Richter und Gerechtigkeit, meint Ihr doch?

RICHTER: Meister Faust, ich sagte Euch, Ihr seid mir bekannt

FAUST: Wir betrügen uns vielleicht einer in dem andern, wohlweiser Herr; aber lohnt's doch der Mühe nicht, den Mohren weiss waschen zu wollen. Er machte die tür auf, der Teufel trat ein. Hier ist ein Freund, der Euch ein Dokument vorlegen wird, das, wie ich hoffe, der Sache meines Freundes eine bessre Wendung geben soll.

Als der Richter den reich gekleideten Teufel sah, nahm er eine freundlichere Miene an und bat sie alle, niederzusetzen.

FAUST: Wir können es im Stehen abtun. Zu dem Teufel. Zeigt doch das Dokument vor, das wir ausgefunden haben.

Der Teufel zählte bis zu fünfhundert Goldgulden, dann hielt er innen.

RICHTER: Das Dokument ist nicht übel, meine Herren; doch die Gegenpartei hat längst eins von gleichem Gewicht eingegeben.

FAUST: So müssen wir die Gründe für uns schwerer machen. Der Teufel zählte bis tausend, dann hielt er innen.

RICHTER: In der Tat, diesen Umstand hatte ich ganz übersehen, und solchen Beweisen ist nicht zu widerstehen.

Er raffte das Gold zusammen und verschloss es in seinen Schrank.

FAUST: Ich hoffe doch, Recht und Gesetz sind nun einverstanden.

RICHTER: Ihr versteht die Kunst, Meister Faust, die ärgsten Feinde auszusöhnen.

Faust, den die Schlechtigkeit des Richters ebenso sehr beleidigte wie seine Grobheit, lispelte dem Teufel beim Weggehen ins Ohr: "Räche die Gerechtigkeit an diesem Bösewicht!"

Hierauf trennte er sich von seinem Freunde, ohne seinen Dank abzuwarten, ging weiter mit dem Teufel, seine Schulden zu bezahlen. Besuchte dann seine übrigen Freunde, gab überall mit vollen Händen, selbst denen, die ihn im Unglück verlassen hatten, und fühlte sich glücklich, seiner angebornen Grossmut und Freigebigkeit ohne Mass und Einschränkung den Zügel schiessen lassen zu können. Der Teufel, der weitersah und bemerkte, wie er ohne alle Überlegung wegwarf, freute sich der Folgen.

8.

Sie kamen nach dem Gastofe. Faust, dem nun das Betragen seiner Frau wieder einfiel, war mürrisch und betroffen, er konnte es ihr nicht vergeben, dass ihr weiter keine Klagen über seine Entfernung entfahren seien, nachdem sie das Gold und die Kleinodien gesehen hatte. Er glaubte sich bisher mehr von ihr geliebt als alle Schätze der Erde und dachte, sie würde dieselben um seinetwillen fahren lassen. Diese Bemerkung über eine ihm so nahe person machte einen widrigen Eindruck auf sein Herz. So strenge richtet und schliesset nur der, den sein eigenes Herz verurteilt, als Faust diesen Augenblick in seinem inneren tat. Der Teufel merkte, wo es ihn drückte, liess ihn gern an diesen düstern Gedanken zerren, damit er das süsse Band, worin ihn die natur noch leise gefesselt hielt, ganz zerreissen möchte. Er sah mit innigem Genusse die schreckliche Qual, die einst daraus entspringen würde, wenn die Zukunft alle die Ungeheuer entüllen sollte, womit der verwegne Faust sie zu füllen auf dem Wege war.

Mittags speisten sie mit einigen Äbten und Professoren an der Wirtstafel, die zur Ergötzung des Teufels bald in einen heftigen Streit über die Nonne Klara gerieten. Noch war das Kriegsfeuer in aller Stärke, der Parteigeist raste in allen Häusern, und die Streiter am Tische gebärdeten sich so wütend, sagten über den bekannten Fall so tolle Sachen, dass Faust alle übele Laune vergass. Als aber ein Doktor der Teologie behauptete, es sei möglich, dass der Teufel sein Spiel so weit getrieben hätte, die Nonne durch den Traum in gewisse Umstände zu versetzen, brach der Teufel in ein brüllendes lachen aus, und Fausten fuhr der Gedanke durch den lüsternen Sinn, sich auf eine schreiende Art an dem Erzbischof zu rächen, der seiner Erfindung so wenig geachtet. Er hoffte dadurch den Gegenstand des teologischen und politischen Haders und Zweikampfs in Mainz so zu verwirren, dass kein menschlicher Geist dieses Chaos mehr auseinanderwickeln sollte. Er bedachte nicht, dass er ihm dadurch ein Ende machte. Nach Tische befahl er dem Teufel, ein Mittel auszusinnen, dass er diese Nacht unter der Gestalt des Dominikaners bei der Nonne Klara liegen könnte. Der Teufel erwiderte, es sei ein leichtes, und wenn es ihm gefiele, so sollte ihn die Äbtissin selbst iss die Zelle der Nonne führen. Faust spottete des Teufels, denn die Äbtissin war ihm als eine fromme, strenge und