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Die Pilgerin stiess den Taumelnden in die Zelle, er fasste einen Dolch, sie den andern, wollte den Streich gegen Fausten führen, der Teufel erhub ein Hohnlachen der Hölle, und Faust sah den Eremiten mit gezücktem Dolche an seiner Seite knien.

FAUST: Verdammter, der du unter der Larve der Frömmigkeit deine Gäste ermorden willst!

Der Eremit sank bebend zur Erde. Die Pilgerin, eine Gaukelei der Hölle, zeigte sich ihm in fürchterlicher Gestalt und verschwand.

Faust befahl dem Teufel, die Hütte anzustecken und sie mit dem Heuchler zu verbrennen. Der Teufel gehorchte frohlockend, und die Einsiedelei brannte auf. Den folgenden Morgen wehklagten die Bauern über den Tod des Gerechten, sammelten seine Knochen und verehrten sie als Reliquien des frommen Eremiten.

6.

Faust und der Teufel kamen morgens in Mainz an und stiegen bei Fausts wohnung ab. Sein junges Weib fiel ihm mit einem hellen Freudenschei um den Hals, herzte ihn und brach dann in wehmütige Tränen aus. Die Kinder hingen sich lärmend an seine Knie, durchsuchten begierig seine Taschen, ob er ihnen etwas mitgebracht. Der alte graue Vater nahte sich mit zitternden Knien und reichte dem Sohn traurig die Hand. Fausts Herz bewegte sich, er fühlte seine Augen nass, er bebte und sah zornig nach dem Teufel. Als er seine Frau fragte, warum sie weinte, antwortete sie schluchzend: "Ach sieh doch, Faust, wie die Hungrigen in deinen Taschen nach Brot suchen, wie kann ich dies ohne Tränen ansehen! sie haben lange nichts gegessen, wir waren so unglücklich, alle deine Freunde haben uns verlassen, aber nun ich dich wiedersehe, ist mir, als erblickte ich das Angesicht eines Engels. Ich und dein Vater haben noch mehr um dein- als um unsertwillen gelitten. Wir hatten so fürchterliche Träume und Erscheinungen; wenn sich meine von Tränen müden Augen schlossen, sah ich dich gewaltsam von uns gerissen und alles war so finster und schrekkend –"

FAUST: Dein Traum, Liebe, geht einesteils in Erfüllung. Sieh, dieser Herr will die Verdienste deines Mannes belohnen, den sein hartes Vaterland misskannte und verstiess. Ich habe mich ihm verbunden, eine lange und weite Reise mit ihm zu machen.

DER ALTE FAUST: Mein Sohn, bleibe im land und nähre dich redlich, sagt die Schrift.

FAUST: Und sterbe Hungers, ohne dass man sich deiner erbarmt, sagt die Erfahrung.

Die Mutter jammerte noch kläglicher, die Kleinen schrien um Brot. Faust winkte dem Teufel, der einen Diener heraufrief, welcher bald darauf einen schweren Kasten hereinschleppte. Faust öffnete den Kasten und warf einen schweren Sack voll Gold auf den Tisch. Da er den Sack aufmachte und das Gold schimmerte, verbreitete sich Heiterkeit auf die traurigen Gesichter. Hierauf zog er schöne Kleider und Kleinodien aus dem Kasten und übergab sie seinem weib. Die Tränen verschwanden, die Eitelkeit leckte sie weg wie die Sonnenhitze den Tau, und Munterkeit goss sich über das Angesicht des jungen Weibs. Der Teufel lächelte, und Faust murrte in seinen Bart: "O Zauber des Golds! Magie der Eitelkeit! ich kann nun wegreisen, ohne dass es andre Tränen als Tränen der Verstellung kosten wird. – Nun, Weib, sieh, dies sind die Früchte meiner Reise, sag, ist es nun besser, dass ich im land mit euch allen darbe?"

Die junge Frau hörte nichts, sie stunde mit den schönen Kleidern und Kleinodien vor dem Spiegel und versuchte alle die Herrlichkeiten. Die kleinen Mädchen hüpften um sie herum, bewunderten sie, nahmen die Putzstücke, die sie weglegte, und ahmten die Mutter nach. Indessen brachte ein Diener ein volles Frühstück, die Kleinen fielen darüber her, schrien und jauchzten. Die Mutter hatte den Hunger vergessen.

Fausts Vater sagte seinem Sohn leise: "Hast du dies alles auf eine redliche Art erworben, so lass uns Gott danken, mein Sohn, und des Bescherten geniessen. Ich habe seit einigen Nächten schreckliche Gesichter und Ahndungen gehabt, doch ich hoffe, sie kommen von unserm Kummer her."

Diese Anmerkung des Alten wollte tief in Fausts Seele sinken; aber die Freude, seine Kinder so gierig und vergnügt essen zu sehen, zu bemerken, wie freundlich und dankbar sein ältester Sohn und Liebling nach ihm blickte, der Gedanke, ihrem Elend abgeholfen zu haben, der Missmut über das Vergangene, der innere Zug nach Genuss dämpften die Aufwallung. Der Teufel legte noch eine Summe zu dem Golde, beschenkte die junge Frau mit einem edlen Halsschmuck, gab jedem der Kinder etwas und versicherte die Familie, er würde Fausten reich, gesund und glücklich zurückbringen.

7.

Faust ging hierauf mit dem Teufel zu einem Freund, den er in grosser Betrübnis antraf. Er fragte ihn um die Ursache seiner Traurigkeit, und er antwortete ihm, dass diesen Mittag der ihm bekannte Prozess abgeurteilt würde, und er wäre gewiss, ihn zu verlieren, so sehr auch das Recht auf seiner Seite sei. "Meister Faust", setzte er hinzu, "mir bleibt nichts übrig, als zu betteln oder mich in den Rhein zu stürzen, wo er am tiefsten ist."

FAUST: Wie könnt Ihr gewiss sein, dass Ihr den Prozess verliert, da das Gesetz für Euch ist?

FREUND: Aber die fünfhundert Goldgulden meines Widersachers sind gegen mich, und da ich ihn nicht überbieten kann, so muss ich zugrund gehen.

FAUST: Liegt's nur an dem? kommt und führt