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mehr als Speis und Trank; woher nehmt Ihr das?

EREMIT: Die Bauern bringen mir des kümmerlichen Lebens Unterhalt.

FAUST: Und was tut Ihr für sie?

EREMIT: Ich bete für sie.

FAUST: Gedeiht es ihnen?

EREMIT: Ich hoffe, und sie glauben es.

TEUFEL: Bruder, Ihr seid ein Schelm.

EREMIT: Beleidigungen der sündigen Welt sind dem Gerechten nötige Züchtigung.

TEUFEL: Warum seht Ihr nicht aufwärts? Warum errötet Ihr? Nun denkt einmal, ich verstünde die Kunst, auf des Menschen Angesicht zu lesen, was in seinem Herzen spukt.

EREMIT: Desto schlimmer für Euch, Ihr werdet Euch selten in Gesellschaft freuen.

TEUFEL: Ho! ho! wisst Ihr doch das? Er sah nach Faust.

EREMIT: Es ist eine sündige Welt, in der wir leben, und weh ihr, wenn Tausende nicht in die Einsamkeit eilten, ihr Leben dem Gebet weihten, um die Rache des erzürnten himmels von dem Haupt der Sünder abzuwenden.

FAUST: Guter Bruder, Ihr schlagt Euer Gebet ziemlich hoch an; und glaubt mir nur, es ist noch immer leichter zu beten als zu arbeiten.

TEUFEL: Hört doch, Ihr habt da einen Zug um den Mund, der Euch zum Heuchler stempelt, und Eure Augen, die in einem so engen Kreise herumlaufen und immer gegen den Boden gekehrt sind, sagen mir, dass sie überzeugt sind, sie würden zu Verrätern Eures Herzens, wenn sie aufblickten.

Der Eremit hub die Augen gegen Himmel, betete mit gefaltnen Händen und sprach: "So antwortet der Gerechte dem Spötter."

FAUST: Genug! kommt, Bruder, und lasst es Euch gut mit uns sein.

Der Eremit war nicht zu bewegen, Faust sah den Teufel höhnisch an, der es noch höhnischer erwiderte. Auf einmal öffnete sich schnell die tür, und eine junge Pilgerin fuhr atemlos herein. Als sie sich von ihrer Furcht und ihrem Schrecken erholt hatte, erzählte sie, wie sie ein Ritter verfolgt hätte, dem sie so glücklich gewesen zu entwischen und sich bei dem frommen Eremiten zu retten. Man bewillkommte sie freundlich und entdeckte eine blühende, wollüstig gebildete Schönheit in ihr, die dem heiligen Antonius selbst den Sieg über das Fleisch würde schwer gemacht haben. Sie setzte sich zu dem Teufel, nahm bescheiden teil an dem Mahl, und der Teufel nahm sich Freiheiten mit ihr heraus, die anfangs den Eremiten empörten, endlich verwirrten, und da der Teufel in einem Augenblick ihren milchweissen, vollen, schimmernden und hebenden Busen aufdeckte, ihre schwarze Haare darüber rollten, so fühlte er das glühende Feuer der Lust von diesem Busen so heiss in den seinen hinüberfliessen, dass er beinahe vergass, dagegen zu kämpfen. Die Pilgerin riss sich beschämt und zornig aus den Armen des Teufels, um Schutz bei dem Eremiten zu suchen, den er ihr vermöge seines Rocks nicht versagen konnte.

Der Teufel und Faust stellten sich trunken und zum Schlafe geneigt; ehe sie sich niederwarfen, steckte der Teufel vor des Eremiten Augen einen schweren Beutel voll Gold unter die Streu, legte seine und Fausts reiche Ringe in eine Schachtel, die letzterer zu sich nahm. Auf den Tisch legten sie ihre Schwerter und Dolche, warfen sich nieder und schnarchten.

Die Pilgerin nahte leise dem Tische, goss mit ihrer niedlichen und schneeweissen Hand einen Becher voll schäumenden Weins. Sie kostete den Rand mit ihrem reizenden, frischen mund und reichte ihn dem Eremiten dar. Er stunde da wie betäubt, und in der Verwirrung leerte er diesen und einige folgende aus und verschluckte gierig die Leckerbissen, die ihm die Zauberin, einen nach dem andern, in den Mund steckte. Hierauf zog sie ihn hinaus, bat ihn unter Tränen um Vergebung, dass sie gezwungen seine heilige Augen beleidigt hätte; tat dabei so wehmütig und untröstlich, fasste seine hände so warm, liess sich endlich vor ihm auf die Knie nieder, und da in diesem Augenblick ihre Brust sich öffnete und der silberne Mond ihren schimmernden Busen erleuchtete, der leise Wind ihre schwarzen Locken darauf hin und her bewegte, so erwachte das Gefühl der unterdrückten natur so stürmend in dem Eremiten, dass er an diesen blendenden Busen sank, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Die Pilgerin führte ihn unmerklich von einer Stufe der Lust zu der andern, und da er eben hoffte, sich seinem Wunsche zu nahen, so lispelte sie ihm leise ins Ohr, sie würde ewig die seinige sein, wenn er sie zuvor an diesen Frechen rächen und sich ihres Schatzes bemächtigen wollte, durch dessen Besitz sie beide ein seliges, wollüstiges Leben bis an ihr Ende führen könnten.

Der Eremit erwachte ein wenig aus seinem Taumel und fragte sie zitternd, wie sie das verstände und was sie an ihn forderte.

Unter üppigen Küssen, wollüstigen Seufzern lispelte sie ihm noch leiser ins Ohr, indem sie ihren heissen Busen gegen sein schlagendes Herz drückte: "Ihre Dolche liegen auf dem Tische, du ermordest den einen, ich den andern, kleidest dich in ihr Gewand, bemächtigest dich ihres Schatzes, wir stecken die Einsiedelei an und fliehen nach Frankreich."

Der fürchterliche Gedanke des Mords schauderte durch die Sinne des Eremiten, die Wollust raste in seinem Herzen, er strauchelte, wankte, blickte auf die Reize der Zauberin, fühlte sich in ihrem Besitz, sah, dass er sie und den Schatz ohne Gefahr erhalten könnte, alle vorige Empfindungen verschwanden, und er vergass den Himmel und seinen Beruf.