1791_Klinger_059_17.txt

Patrizier ebenso sehr hasste wie ein Fürst die Republiken, pflegte bei jedem widrigen Vorfall laut zu sagen: "So geht es, wenn man Krämer zu Staatsleuten macht"), warf ihm schnell eine Tonne hin:

"Wahr, rühmlich und trefflich, wohlweise Herren, scheint mir alles, was unser staatskluger Schöppe soeben vorgebracht hat, würde auch ebenso gewiss zum Zweck führen als, im Vorbeigehen gesagt, der Handel einen Staat blühender und reicher macht wie ein fauler, stolzer Adel, wenn wir nur nicht alles durch einen einzigen Umstand verdorben hätten. Ich rühme mich nun freilich nicht des tiefen politischen Blicks des Schöppen, der jeden Sturm von weitem ausspäht; aber doch hätt ich diesen, es sei nun aus Zufall oder Überlegung, glücklich beschworen. Ihr werdet euch alle erinnern, dass ich euch bei jeder Ratssitzung zusetzte, diesen Faust nicht so schnöde zu behandeln und ihm seine lateinische Bibel für die kleine Summe abzunehmen. Ja sogar meine Frau, die doch nur ein Weib ist, wie es andre Weiber sind, hielt es für ratsam; denn ob wir gleich diese lateinische Bibel weder brauchen noch verstehen, so hätte man sie doch wegen der schöngemalten Anfangsbuchstaben und der sonderbaren Erfindung als ein Kleinod nach der Goldnen Bulle zeigen und die Fremden damit herbeilocken können. Auch ziemte es sich, dass ein freier und reicher Staat die Künste beschützt und ihnen fortilft; aber ich weiss wohl, was euch im Sinne gelegen, die Eifersucht und der Neid, ihr konntet es nicht ertragen, dass mein Name dadurch unsterblich würde. Es riss euch allen in den Bäuchen, dass die Nachkommenschaft einst in der Chronik lesen sollte: sub consulatu *** hat man Fausten von Mainz eine lateinische Bibel für zweihundert Goldgulden abgekauft. Nun mögt ihr auch austrinken, was ihr eingegossen habt, und man sagt nicht umsonst: Wie man bettet, so liegt man, wie man schmiert, so fährt man. Der Faust ist teufelmässig wild und scheint mir tückischer Gemütsart, ich sah es ihm gestern abend ab. Nun ist der Kaiserliche Gesandte bloss seinetwillen hierher gereist, gar bei ihm abgestiegen, findet in dem einen grossen Mann, den wir als einen Schuhputzer herumgehudelt habender wird's euch nun einbrocken beim Kaiserlichen Gesandtenja, ja, er wird ihm schon den Floh ins Ohr setzen, und all unser Hofieren und Grimassieren wird zu weiter nichts nützen, als uns vor den Bürgern zu Narren zu machen. Wer den Karren in Dreck geschoben, mag ihn auch wieder herausziehen, ich wasche meine hände wie Pilatus und bin unschuldig an Israels Verderben und Blindheit."

Es erfolgte ein tiefes Schweigen. Die blutige Schlacht bei Kanna, die Rom den Untergang drohte, hatte den römischen Senat nicht so erschreckt als diese kritische Lage den edlen Magistrat von Frankfurt. Schon siegte der Bürgermeister in stolzem Geist, schon glaubte er den Schöppen völlig aus dem Sattel gehoben zu haben, als dieser seine politische Weisheit und Heldenkraft sammelte, dem sinkenden Staat zu hülfe eilte, mit starker stimme ad majora rief und trotzig vorschlug:

Sogleich eine Gesandtschaft aus dem Rat nach der Herberge zu schicken, den vornehmen Gast zu bewillkommen und Fausten vierhundert Goldgulden für seine lateinische Bibel zu überbringen, um ihn dem staat günstig zu machen.

Der Bürgermeister spottete darüber, dass man nun vierhundert Goldgulden für ein Ding gäbe, das man gestern vielleicht für hundert hätte haben können; seine Spötterei diente zu nichts, der Vorteil des Vaterlands schlug sie nieder. "Salus populi suprema lex!" schrie der Schöppe und trug dem Bürgermeister mit Bewilligung des Rats auf, den Gesandten und Fausten auf Kosten des staates köstlich zu bewirten.

Dieser Umstand beruhigte den Bürgermeister, der gern seinen Pracht und Reichtum zeigte, ein wenig über seinen Fehlschuss auf den Schöppen, und der Zusatz "auf Kosten des staates" versetzte ihn in die beste Laune.

2.

Die jüngsten Ratsherren mit einem der vier Syndiken machten sich auf den Weg, und der Bürgermeister schickte nach haus, Anstalten zum Schmause zu machen. Der Teufel Leviatan war eben mit Fausten in einem tiefen gespräche verwickelt, als ihnen die Gesandtschaft angemeldet ward. Man liess sie ein. Sie bewillkommten im Namen des Senats in aller Demut den vornehmen Gast und gaben ihm durch eine feine Wendung zu verstehen, dass ihnen sowohl seine hohe person als seine wichtigen Aufträge bekannt wären, und versicherten ihn mit zierlichen Worten von ihrem Eifer für das Kaiserliche hohe Haus. Der Teufel verzerrte das Gesicht, wandte sich zu Fausten, fasste ihn an der Hand und versicherte die Redner, dass ihn nichts in ihre Mauern geführt hätte, als ihnen diesen grossen Mann zu entwenden, den sie, wie er nicht zweifle, zu schätzen wüssten. Die Abgesandten wurden etwas verwirrt, fassten sich aber bald wieder und fuhren fort:

Es freue sie höchlich, dass sie ihm auf der Stelle einen Beweis von der achtung des Magistrats für einen so grossen Mann geben könnten. Sie hätten den angenehmen Auftrag, Fausten vierhundert Goldgulden für seine lateinische Bibel auszuzahlen, bäten ihn, sie gefälligst anzunehmen und ihnen dieselbe als ein Kleinod zu übergeben. Auch würde sich der hochweise Magistrat für glücklich halten, ihn, wenn es ihm gefiele, unter ihre Bürger zählen zu können und ihm dadurch den Weg zum Ruhm und der Ehre zu öffnen.

Diesen letzten Umstand setzten sie aus eigner politischen Weisheit hinzu, ein Beweis, dass sie sich als geschickte Unterhändler der Umstände, die man nicht vorsieht, zu bedienen wussten.

Faust fuhr zornig auf,