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noch. Dein Los ist geworfen, war geworfen, da du diesen Kreis betratst. Wer in mein Angesicht geblickt hat, kehrt umsonst zurück, und so verlass ich dich.

FAUST: Reden sollst du und die dunkle Decke wegreissen, die mir die Geisterwelt verbirgt. Was sehe ich in dir? ein Ding, wie ich es bin. Ich will des Menschen Bestimmung erfahren, die ursache des moralischen Übels in der Welt. Ich will wissen, warum der Gerechte leidet und der Lasterhafte glücklich ist. Ich will wissen, warum wir einen augenblicklichen Genuss durch Jahre voll Schmerzen und Leiden erkaufen müssen. Du sollst mir den Grund der Dinge, die geheime Springfeder der Erscheinungen der physischen und moralischen Welt eröffnen. Fasslich sollst du mir den machen, der alles geordnet hat, und wenn der flammende Blitz, der diesen Augenblick durch jene schwarze Wolke reisst, mein Haupt sengte und mich leblos in diesen Zirkel der Verdammnis hinstreckte. Glaubst du, ich habe dich um Gold und Wollust allein heraufgerufen? Jeder Elende mag seinen Bauch füllen und die Wollust des Fleisches stillen. – Du bebst? Hab ich mehr Mut als du? Welche zitternde Teufel speit die Hölle aus? Und du nennst dich Leviatan, der alles kann? – Weg mit dir, du bist kein Teufel, du bist ein elendes Ding wie ich.

TEUFEL: Kühner! du hast die Rache des Rächers noch nicht gefühlt wie ich. Die Ahndung davon würde dich in Staub verwandeln, und wenn du die Kraft des Menschengeschlechts vom ersten bis zum letzten Sünder in deiner Brust trügest. Dringe weiter nicht in mich.

FAUST: Ich will und bin bestimmt.

TEUFEL: Du flössest mir Ehrfurcht und Mitleid ein.

FAUST: Ich fordere nur Gehorsam.

TEUFEL: So hadere mit dem, der eine Fackel in dir angezündet hat, die dich aufbrennen muss, wenn sie die Furcht nicht ausbläst.

FAUST: Ich habe es getan, und umsonst. Ich habe ihn um Licht angefleht, er schwieg, ich habe ihn in finstrer Verzweiflung aufgefordert, er schwieg. Gebet und Grimm vermögen nichts bei dem, der blinden Gehorsam, sklavische Unterwerfung in Qual und Finsternis zum ewigen Gesetz gemacht zu haben scheint. Er peiniget uns eben durch den Verstand, den er uns gegeben hat. Wozu eine Fackel, wenn ihre dampfende Glut den Irrenden nur blendet? Sie leuchte mir einmal helle auf dem dunklen Wege und verbrenne mich dann, wenn es so sein muss. Gehorche, und schnell!

TEUFEL: Unzubefriedigender! Nun, so wisse, dass auch der Teufel seine Grenzen hat. Seitdem wir gefallen sind, haben wir die Vorbildung der erhabenen Geheimnisse bis auf die Sprache, sie zu bezeichnen, verloren. Nur die unbefleckten Geister jener Welt vermögen sie zu denken und zu besingen.

FAUST: Glaubst du mich durch eine listige Wendung in dem zu täuschen, wornach mein Gaumen so lüstern ist?

TEUFEL: Tor, um mich an dir zu rächen, wünscht ich dir mit den glänzenden Farben des himmels das zu schildern, was du verloren hast, und dich dann der Verzweiflung überlassen. Wüsst ich auch mehr, als ich weiss, kann die Zunge, aus Fleisch gebildet, dem Ohr, aus Fleisch gebildet, fasslich machen, was ausser den Grenzen der Sinne liegt und der körperlose Geist nur begreift?

FAUST: So sei ein Geist und rede! Schüttle diese Gestalt ab!

TEUFEL: Wirst du mich dann vernehmen?

FAUST: Schüttle diese Gestalt ab, ich will dich als Geist sehen.

TEUFEL: Du sprichst Unsinnnun, so sieh michich werde sein und dir nicht sein; ich werde reden, und du wirst mich nicht verstehen.

Nach diesen Worten zerfloss der Teufel Leviatan in helle Flamme und verschwand.

FAUST: Rede und entülle die Rätsel.

Wie der sanfte West über die beblümte Wiese hinstreicht und die sanften Blüten leise küsst, so säuselte es an der Stirne und den Ohren Fausts. Dann verwandelte sich das Säuseln in ein steigendes, anhaltendes, rauschendes Rasseln, das dem rollenden Donner, dem Zerschlagen der Wogen an der Brandung, dem Geheule und Gesause in den Felsenklüften glich. Faust sank in seinem Zauberkreis zusammen und erholte sich mühsam.

FAUST: Ha, ist dies die Sprache der Geister, so verschwindet mein Traum und ich bin getäuscht und muss knirschen in der Finsternis. So hätt ich nun meine Seele um die Sünde der H – i verkauft, denn dies wäre alles, was mir dieser kupplerische Geist noch leisten könnte. Eben das, warum ich die Ewigkeit aufs Spiel setzte! Erleuchtet, wie nie einer es war, gedacht ich unter die Menschen zu treten und sie mit meinem Glanze zu blenden wie die jung aufgehende Sonne. Der stolze Gedanke, ewig als der Grösste in den Herzen der Menschen zu leben, ist hin, und ich bin elender als ich war. Ich soll mit den übrigen Söhnen des Staubs in der Finsternis knirschen, an der Kette der notwendigkeit nagen und weder mich noch sie von dem eisernen Joche befreien. Ha, wo bist du, Gaukler, dass ich meine Wut an dir auslasse?

TEUFEL in seiner vorigen Gestalt: Hier bin ich. Ich sprach, und du vernahmst den Sinn meiner Worte nicht. Fühle nun, was du bist: zur Dunkelheit geboren, ein Spiel der Zweifel. Dir kann nicht werden, was dir nicht werden soll. Ziehe deinen Geist von dem Unmöglichen ab und halte dich an das Fassliche. Du