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der ich mit den Grossen mein ganzes Leben zugebracht habe, nichts davon zu Ohren gekommen ist, so muss wohl an dem ganzen Dinge nichts sein. Recht heisst von einer Seite befehlen, von der andern gehorchen, und dies prägt sich den rohen Sinnen stärker ein, wie mir einst der Fürstbischof

BEELZEBUB: Hmein Fürstbischof! Was doch die Menschen für widersprechende Dinge zusammensetzen.

DOKTOR JURIS: Nicht so widersprechend, wie es scheint, Fürst Beelzebub. Diese Begriffe hängen sich aneinander wie Herrschsucht und DemutFrömmigkeit und Heuchelei! –

SATAN: Steige herunter, Doktor, ich bin zufrieden mit dir. Mir gefällt dein Eifer. Auch mir liegt daran, dass das Feudalsystem erhalten werde, das seine Wurzel, so wie die Wissenschaften, in meinem Reiche hat. Du sollst suchen deine Meinung weiter unter den Menschen auszubreiten, und dazu will ich dir gelegenheit geben. Höre! ich befördere dich aus der Küche in das Kabinett und schicke dich mit meinem Gesandten als Sekretär an den nahen Reichstag, dass du dorten deine Grundsätze ausbreitest. Bringe sie geschwind zu Papier und blase sie einem Sohne des Staubs in das Gehirn!

Ja, das Feudalsystem ist eine herrliche Erfindung für die Hölle. Aus Verzweiflung fährt das Gesindel der Menschen herunter, wie der Doktor sie nennt, und die Ungerechtigkeit und Schwelgerei sendet ihnen ihre Unterdrücker nach.

Der Doktor Juris fiel hierauf dankbar auf den verbrannten Boden, küsste Satans Füsse und stunde triumphierend auf. Die Teufel fingen von neuem an zu lachen und zu toben, als zum zweitenmal Fausts gebieterischer Ruf ertönte.

Satan fuhr fort:

"Du hörst an seinem Ruf, dass er keiner der Schwächlinge ist. So wütend hat noch keiner an die Pforte der Hölle geschlagen, wahrlich, der Kerl ist ein Genie. Fahre schnell hinauf, denn wenn du zögerst, so möchte er an der Kraft seines Zaubers zweifeln und die Hölle verlöre die Früchte seines Frevels. Wisse, ein Mann wie er ist mehr Gewinn für uns als Tausende der Schufte, die täglich herunterfahren."

Zornig erwiderte der Teufel Leviatan:

"Ich schwöre bei dem glühenden, stinkenden Pfuhl der Verdammten, der Verwegne soll diese und die Stunde seiner Geburt verfluchen und den Ewigen einst lästern! Er soll es büssen, dass ich um seinetwillen das mir verhasste Teutschland betreten muss!"

Er fuhr in Dampf gehüllt hinaus, und die frohlokkende Hölle jauchzte ihm nach.

8.

Faust stunde in seinem Zauberkreise wild begeistert. Zum drittenmal rief er mit donnernder stimme die furchtbare Formel. Die tür fuhr plötzlich auf, ein dicker Dampf schwebte an dem rand des Kreises, er schlug mit seinem Zauberstab hinein und rief gebietend:

"Entülle dich, dunkles Gebilde!"

Der Dampf floss hinweg, und Faust sah eine lange Gestalt vor sich, die sich unter einem roten Mantel verbarg.

FAUST: Langweilige Mummerei für einen, der dich zu sehen wünscht! Entdecke dich dem, der dich nicht fürchtet, in welcher Gestalt du auch erscheinest!

Der Teufel schlug den Mantel zurück und stunde in erhabner, stattlicher, kühner und kraftvoller Gestalt vor dem Kreise. Feurige, gebietrische Augen leuchteten unter zwo schwarzen Braunen hervor, zwischen welchen Bitterkeit, Hass, Groll, Schmerz und Hohn dicke Falten zusammengerollt hatten. Diese Furchen verloren sich in einer glatten, hellen, hochgewölbten Stirne, die mit dem Merkzeichen der Hölle zwischen den Augen sehr abstach. Eine feingebildete Adlernase zog sich gegen einen Mund, der nur zu dem Genuss der Unsterblichen gebildet zu sein schien. Er hatte die Miene der gefallnen Engel, deren Angesichter einst von der Gotteit beleuchtet wurden und die nun ein düstrer Schleier deckt.

FAUST erstaunt: Ist der Mensch denn überall zu haus? – Wer bist du?

TEUFEL: Ich bin ein Fürst der Hölle und komme, weil dein mächtiger Ruf mich zwingt.

FAUST: Ein Fürst der Hölle unter dieser Maske? unter der Gestalt des Menschen? Ich wollte einen Teufel haben und keinen meines Geschlechts.

TEUFEL: Faust, vielleicht sind wir es dann ganz, wenn wir euch gleichen; wenigstens kleidet uns keine Maske besser. Ist es nicht eure Weise, das zu verbergen, was ihr seid, und das vorzugaukeln, was ihr nicht seid?

FAUST: Bitter genug, und wahrer noch als bitter, denn sähen wir von aussen so aus, wie wir in unserm inneren sind, so glichen wir dem, was wir uns unter euch denken; doch dachte ich dich fürchterlich und hoffte meinen Mut bei deiner Erscheinung zu prüfen.

TEUFEL: So denkt ihr euch alle Dinge anders als sie sind. Vermutlich hast du den Teufel mit den Hörnern und den Bocksfüssen erwartet, wie ihn euer furchtsames Zeitalter schildert. Seitdem ihr aufgehört habt, die Kräfte der natur anzubeten, haben sie euch verlassen, und ihr könnt nichts Grosses mehr denken. Wenn ich dir erschiene, wie ich bin, die Augen drohende Kometen, einherschwebend wie eine dunkle Wolke, die Blitze aus ihrem Bauche schleudert, das Schwert in der Hand, das ich einst gegen den Rächer zog, den ungeheuren Schild am Arm, den sein Donner durchlöchert hat, du würdest in deinem Kreise zu Asche werden.

FAUST: Nun, so hätte ich doch einmal etwas Grosses gesehen.

TEUFEL: Dein Mut würde mir gefallen; aber nie seid ihr lächerlicher, als wenn ihr erhaben zu fühlen glaubt, indem ihr das Kleine, das ihr umfassen könnt, mit dem Ungeheuren und Grossen, das ihr nicht übersehen könnt, zusammenstellt