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von einem solchen Rechte, wohl aber von einem Faustrecht gehört."

DOKTOR JURIS: Ein vortreffliches edelmännisches Recht, das leider etwas in Abnahme kommt.

Die Teufel wieherten und zischten.

DOKTOR JURIS: Wiehert nur, ihr Spötter, und schneidet mir Gesichter! die gnädige Miene, das Huldlächeln Satans versüssen mir euren Spott. Ha, wisst nur immer, ein Doktor Juris ist in Teutschland ein ganzer Kerl und wird ein Edelmann, sobald er promoviert hat. übrigens gibt ihm sein Diplom das Recht, das Gesindel von Menschen so gut nach seiner Art zu schinden wie der Edelmann. Denn hat bei uns der Edelmann das Faustrecht seiner hände, so hat der Gelehrte das weit gefährlichere Faustrecht des Verstandes. Und er nutzt dieses Recht sogar ohne Gefahr für seine hohe person, denn eben die gesetz, die er gegen oder für andere wendet und dreht, wie er will, werden ein Schild gegen jeden Angriff an seiner klugen Brust. Daraus seht ihr zugleich, was Gelehrsamkeit für ein Ding ist!

SATAN: Der Mann spricht ganz wie ein Mensch und macht mir viel Freude. Leviatan, hättest du dieses einem deutschen zugetraut? – Es lebe Teutschland und treibe viele deinesgleichen hervor! Es lebe das Feudalsystem!

DIE TEUFEL brüllten: Es lebe Teutschland! Es lebe das Feudalsystem! – Den ersten Freudenruf schrie Fürst Leviatan nicht mit.

SATAN: Doktor, hast du noch etwas zu sagen?

DOKTOR JURIS: Eure Majestät erlauben mir nun, dem Fürsten Leviatan auf seine besonderen Anklagen zu antworten.

Erstlich sagt er: Ja, wenn es noch ein heisser Spanier, ein rachsüchtiger, spitzbübischer Italiener oder ein verbuhlter Franzose wäre! Meint etwa der Herr, wir hätten keine hervorstechende Laster? Geh er doch in unsre Klöster und an die Höfe unsrer Fürsten oder lass ihn, Hochgebietender, nur einen kleinen Spazierritt durch die Hölle machen und meine brave Landsleute fragen, warum sie hier sind. Freilich nach mir muss er sie nicht beurteilen, ich hatte nicht Kraft genug, ein grosser, kühner Sünder zu werden; aber dies kam daher, dass ich meinen Vorteil mehr im Heucheln gewisser Tugenden fand und mich meine Frau zu tyrannisch beherrschte. Bloss darum bin ich nun ein Mittelding unter den Verdammten.

Zweitens sagt Fürst Leviatan, wir beugten uns sklavisch vor den Grossen und glaubten, unsre Fürsten seien von edlerm Stoffe wie wir. Warum denn nicht? Sind unsre Fürsten nicht vortreffliche Herren? Ein grosser Herr ist freilich ein andres Ding als unsereiner, denn er kann wohl- und wehtun. Sollen wir etwa nicht das Volk in diesem Wahn zu erhalten suchen, da wir feinern Leute unter ihren schützenden Flügeln unser Hühnchen ungestört rupfen? Ist ja doch überall Rangordnung, auf der Erde, hier in der Hölle und dem land, von dem ich ausgeschlossen bin!

Drittens sagt Fürst Leviatan, die deutschen glaubten ganze Kerle zu sein, wenn sie sich für ihre Fürsten totschlagen oder zum Totschlagen an andere verkaufen liessen. Auf das erste antworte ich nicht, denn dafür sind sie da, wie wir Juristen beweisen; aber warum sollte er sie nicht verkaufen? Verkauft nicht jeder sein Eigentum, es sei Ochs, Rind, Pferd, Kuh, Schwein oder Kalb? Und wenn ihm nun sein Land nicht Gold genug geben kann, es andern Fürsten in Pracht und Aufwand gleichzutun? Doch ich schäme mich, über eine so klare Sache vor einer so erleuchteten Versammlung, vor unsterblichen Geistern ein weiteres zu reden.

Viertens sagt Fürst Leviatan zu Seiner Majestät: Vernimmst du seit Jahrhunderten etwas von Empören gegen Tyrannei? Was will er mit diesem Worte sagen? Wir kennen keine Tyrannei, unsre Fürsten sind die besten Herren von der Welt, solang sie ihren Willen haben, das heisst, tun dürfen, was ihnen gefällt, und mich deucht, wenn man dies nicht kann, so ist es wohl nicht der Mühe wert, ein Fürst zu sein. Ausserdem macht es der Nation Ehre, einen Herrn zu haben, der alles vermag und dem niemand widersprechen darf. Und warum sollten sie sich empören? Was geht ihnen wohl ab? Sind sie nicht gekleidet, dürfen essen und trinken, was sie bezahlen können? Erlaubt man ihnen nicht alle übrige Freuden des Fleisches, wenn sie nur tun, was man ihnen befiehlt, und ihren Überfluss zu Ehre des Landes hergeben? Auch ist dem Fürsten das Wort schinden entfallen. Was soll es heissen? Das Schaf trägt Wolle, damit es geschoren werde, der Bürger und der Bauer haben darum hände, dass sie im Schweiss ihres Angesichts arbeiten, und die Gelehrten, die Geistlichen, die Grossen, der Adel und die Fürsten haben darum Verstand, für sie zu denken, zu wachen und den Gewinn ihres Schweisses zu verzehren. Dieses alles liegt in der natur, sehr edle Herren, und ist überall Sitte.

Was da fünftens Fürst Leviatan von der Eigenheit4 und ihrem diamantnen Schilde gesprochen hat und merken liess, als wenn uns diese fehlte, so würde ich darüber lachen, wenn es einem armen Schatten, wie ich bin, erlaubt wäre. Ei! sind doch unsre Privilegien unsre Eigenheit, und wer die antastet, der würde ebenso gut tun, einen schlafenden hungrigen Wolf bei den Ohren zu zupfen. Auch sprach der Fürst Leviatan etwas von dem Rechte der Menschheit. Darauf antworte ich nicht, denn ich habe in meinem Leben nichts davon gehört, und wenn ich, der ich alle alte und neue Bücher gelesen habe, nichts davon weiss, wenn mir,