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versagt ist, und die, wenn es ihnen misslingt, alles Wissen verlachen und den Genuss und die Wollust zu ihrem Gott machen. Fahr hinauf, Leviatan, bald wird ein Feuer in Teutschland ausbrechen, das ganz Europa umfassen wird. Schon schiesst der Keim des Wahnsinns auf Jahrhunderte auf, und das, was der Teutsche einmal gefasst hat, davon lässt er nicht ab. Die Teufel erstaunten über die Kühnheit des elenden Schatten, aber Satan, der wegen des Balletts und Fausts Erfindung bei guter Laune war, blickte ihn gnädig an und sagte:

"Wer bist du, dünne Gestalt?" "Ein teutscher Doktor Juris, hochgebietender Satan! Halte mir doch eure gestrenge Majestät zu Gnaden, wenn ich respektwidrig meine Empfindlichkeit über die Verspottung meines Vaterlands zeigte und zugleich merke liess, wie sehr mich das Lob Eurer Majestät ergötzte. Dürft ich es nur untertänigst wagen, Teutschlands Verteidigung gegen den grossen und furchtbaren Fürsten Leviatan zu übernehmen, ich bin gewiss, er würde es bald vor allen Ländern Europas zu seinem Aufentalt erwählen."

Satan lächelte und sagte: "Ich vergebe dir deine Kühnheit; steige auf das Teater und lass hören, was du zum Lobe deines Vaterlands vorzubringen hast. Es soll mir lieb sein, wenn du die deutschen bei dem Fürsten Leviatan in Gunst setzest."

Der Doktor Juris stieg keck auf die Bühne, sah sich um und erhub seine stimme:

"Vorerst, furchtbare Fürsten der Hölle, erlaubt mir, dass ich einen allgemeinen blick auf Teutschlands weise Verfassung werfe; gelingt mir dieses, wie ich mir schmeichele, so will ich dann versuchen, jede Anklage des Fürsten Leviatans Stück für Stück zu beantworten. Vergebt mir, wenn meine Beredsamkeit dem hohen Gegenstand nicht entspricht. Noch bin ich des Dampfes, Gebrauses und Geheuls der Hölle nicht ganz gewohnt, ich lebte auf Erden immer in der Stille der fürstlichen Gemächer, wo keiner laut zu schreien wagt, wenn auch selbst der Tod in der Gestalt einer peinigenden Kolik in seinen Eingeweiden wütete. Auch ist es schwer, vor einer so gefährlichen Gesellschaft ohne Zittern und aus dem Stegreife zu reden, doch Vaterlandsliebe besiegt selbst die Schrecken der Hölle. Aber nur in einem deutschen! Mögen es die Spötter merken!

Unser geliebtes Teutschland ist, wie alle Welt weiss, eine wahre fürstliche Republik, bestehend aus welt- und geistlichen Fürsten, Grafen, Baronen und des Heiligen Römischen Reichs Rittern, die sich alle unter dem erhabenen Glanze eines einzigen Oberhaupts vereinigen. Von welchem land kann man das sagen? Kühn fordere ich die ganze Hölle auf, alle grosse Geister, die sie in ihrem unendlichen Bezirk einschliesst, mir eine erhabnere Staatsverfassung zu zeigen? Gebt euch nur die Mühe, ihr Spötter, die ihr mich mit euren Grimassen verwirren möchtet, sie zu studieren, ihr werdet bald sehen, dass es selbst für einen Teufel ein ungeheures Unternehmen ist, das aber freilich die Mühe reichlich lohnt. Sagt mir, wo auf Erden glänzt das Feudalsystem3, das Meisterstück der Gewalt und des menschlichen Verstandes, in seiner ganzen Pracht als in Teutschland? Wo hat es sich so rein und vollkommen erhalten als in Teutschland? Darum auch ist kein Reich auf Erden glücklicher als mein geliebtes Vaterland. Fürsten- und Herrenrecht auf der einen Seite, auf der andern Gehorsam, wie es sein muss. Ich habe wohl ehedem Bücher über andre Staatsverfassungen gelesen, aber sie wollen eben nicht viel sagen. Sie sind vor Jahrtausenden geschrieben, d.i. zu einer Zeit, wo die Staatsleute noch so kindisch waren, ein langes und breites über das Volk und dessen Gerechtsame zu schwatzen. Wahrlich, es ist mir unbegreiflich, wie die Alten, die doch in manchen andern Stücken einen Anschein von Verstand haben, über diesen Punkt solchen Unsinn lehren konnten. Doch die Blinden kannten leider das Feudalsystem nicht! und Männer, die sie Barbaren schalten, haben dieses herrliche Gebäude auf den Trümmern des ihrigen aufgeführt. Es wäre nun einmal Zeit, dass man diese alten Bücher auf die Seite schaffte, denn unsere Staatsbücher entalten alles, was der Mensch zu wissen nötig hat. Ich schwöre euch, erhabene Fürsten der Hölle, wenn mir einer von euch ausser den Rechten benannter hoher Personen nur ein einzig Wort über das Recht des Gesindels der Menschen in einem unserer Staatsbüchern zeigen kann, so will ich mich zu einer brennenden Fackel drehen lassen und die Ehre haben, auf Seiner Majestät prächtiger Tafel zu leuchten. Sollte diese Strafe meiner Vermessenheit nicht hinreichend scheinen, so mag mich Seine hohe satanische Majestät zu dem Mönch, der das Pulver erfunden hat – (im Vorbeigehen gesagt, auch ein teutschermerkt es, ihr Spötter! – Der Ewige stürzte ihn in die Hölle, weil er, anstatt für die Erhaltung seiner Brüder zu beten, zu ihrer Zerstörung arbeitete –) so sag ich nunSeine Majestät soll mich, wenn ihr mir ein solches Recht aufweisen könnt, in den Mittelpunkt der glühenden Kugel keilen lassen, den sie besagtem Mönch zum eignen warmen Aufentalt anzuweisen geruhte, und mögen die gnädigen Herren mit besagter Kugel und unsern hineingekeilten Seelen zum hohen Zeitvertreib den Ball schlagen, so oft es ihnen gefällt. Ich hab an unsern Höfen gelernt, mit mir spielen zu lassen."

"Bravo", riefen die Teufel. "Ein wahrer Patriot! Nimm ihn beim Wort, Satan!"

Satan lächelte: "Fahr fort, Doktor, du wirst nicht zu dem Mönch in die glühende Kugel gekeilt werden, denn wir haben nie