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half sich so gut er konnte, und die Jungfer St... erbarmte sich seiner, und fing an, mit dem Herrn von G.... über Russland und Pohlen zu sprechen.

Die Jungfer St.... hatte bei einer blassen Gesichtsfarbe ein fast zu feuriges Auge, welches dem Auge des Hrn. von G.... oft mit einer Lebhaftigkeit begegnete, die mehr als Ehrfurcht bezeichnete, weil die Jungfer St... wirklich mehr als Ehrfurcht gegen den edlen Greis hegte, der ihrer ganzen Liebe wert war.

Sie war unter den Augen des Herrn von G.... in diesem haus aufgewachsen, in welches ihre Mutter im sechs und zwanzigsten Jahre schon als witwe in Dienste getreten war, um der Verwaltung des Hauswesens, noch bei Lebzeiten der Gemahlin des Herrn von G.... welche sehr kränklich war, vorzustehen.

Der Herr von G.... besass auch selbst in seinem Greisenalter noch eine gewisse jugendliche Lebhaftigkeit, die ihn und andre oft seiner Jahre vergessen machte.

So schien diesen Abend sein Puls schneller zu schlagen, sein Blut jugendlicher in seinen Adern zu fliessenund endlich erklangen auch vom Saft der edelsten Trauben angefüllt die Gläser. –

Das Gespräch lenkte sich noch einmal eigensinnig auf den Pächter Heil und auf die Liebe, und Hartknopf bewafnete sich diessmal mit Doktor Martin Luters Tischreden, die er aber in diesem Cirkel nicht nennen durfte, und sagte: indem die Jungfer St... ihr Glas mit dem seinigen anklang, folgende Losung:

Wein und Liebe, und Gesang!

Nun war schon vorher die Rede von dem treflichen Gesänge der Jungfer St... gewesen, welches Lob sie bescheiden von sich abgelehnt hatte, nun aber nicht ferner konnte, da sie auf Befehl des Herrn von G.... es bestätigen muste.

Sie sang und spielte also zum Beschluss der Mahlzeit folgendes kleine Lied, welches der Hr. von G... ebenfalls aus dem Französischen der Madam .... in seine Art Verse übersetzt hatte, und fast zu gern es immer wieder hörte:

Zu glauben, dass man grade geht,

Blind sein, und sich verirren;

So geht ein Narr voll Gravität,

Die Bücher ihn verwirren,

Und in seiner Gelehrsamkeit

Ist er blind, töricht jederzeit.

Hartknopf fing schon an, über diess Lied ein wenig verdriesslich zu werdendenn er konnte die Mystick wohl leiden, bis auf den Punkt hin, wo sie das menschliche Wissen ausschliesst, und für Torheit achtet. – Hartknopf hatte sehr viel achtung für alles menschliche Wissen, es mochte sich aufwärts oder abwärts erstrecken; am liebsten war es ihm aber, wann es von der Ceder bis zum Ysop reichteund weil diess so selten in diesem Leben der Fall ist, so mochte er gerne fremdes Wissen dem seinigen ansetzen, um sich allmählich eine Leiter zu bauen, auf der er ein wenig über die Erdfläche emporsteigen, und um sich her schauen konnte. –

Wer ihm da nun eine Stuffe unter den Füssen wegbrach, den musste er wie einen hämischen Feind betrachten, der ihm ein unschuldiges Vergnügen misgönnte, und beinahe so betrachtete er den Herrn von G... in dem Augenblick, da die Jungfer St... auf dessen Befehl das obige Lied sang.

Er lenkte, da es vorbei war, das Gespräch sobald wie möglich, auf Kenntnisse und Wissenschaften, und gestand ein, dass er sie zur Leiter brauche, weil er nicht fliegen könne; und derjenige, welcher fliegen könnte, doch immer sehr unrecht täte, wenn er dem, welcher es nicht könnte, noch dazu die Leiter wegrükken wollte.

Das wollte nun der Herr von G... wahrlich nicht, sondern es war eine ganz andre ursache, weswegen er das Lied gerne hörte, die aber Hartknopf nicht wusste; den es daher auch gar nicht gereuete, dass er den Herrn von G... durch seine harten und spitzigen Worte tief beleidigt hatte; denn ihm war es nur um die Sache zu tun, und er sah nur die Kluft vor sich, welche zwischen ihm, und dem Herrn von G.... lag, aus dessen Hand er in dem Augenblick die seinige zog. –

Der Herr von S... dachte sich nämlich bei dem Namen voll Gravität in dem lied, unter andern den verstorbenen Pfarrer in Ribbeckenau; welcher wirklich Gelehrsamkeit besass, und dem Herrn von G...., der sich anfänglich mit ihm eingelassen hatte, in seinem Leben manches Herzeleid verursachte.

In der Freude seines Herzens, da er nun seinen teuren Hartknopf mit dessen Vorgänger verglich, liess er die Jungfer St.... das Lied singen, und dachte nicht daran, dass es auf Hartknopf eine so widrige wirkung, tun könnte.

Freilich hatte der Herr von G... einen Widerwillen gegen den Stand der Prediger überhaupt, und trauete ihnen nicht viel zu, wie folgende Stelle in einem seiner Briefe beweisst, welcher mir zu Handen gekommen ist:

"Wie Herr Pastor Dannemann steht, so stehen die meisten Pastores, die wirklich Gott fürchten, aber bei ihren Lehrbegriffen stehen bleiben. Sie verstehen nicht, was mystische Schriften sind, indem sie keine Erfahrung davon haben. Es ist auch nicht gut, sich mit solchen, wenn sie nicht was tiefes erkennen, noch haben, allzubekannt zu machen, weil man leicht mit einem Heuchler könnte bekannt