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folgende beiden Lieder sang und spielte, welche der Herr von G... in einer freilich noch etwas unpoetischen Sprache, aus dem Französischen übersetzt hatte.

Hartknopf kannte diese Lieder schon, und fand sie gerade aufgeschlagen auf dem Klavier liegen; das erste war das Wiegenlied selbst, und das andre noch eine Kadenz dazu.

Das Wiegenlied.

Ein Lied des heiligen Johannes vom Kreuz, dem

Buch, Aufsteigung des berges Karmel vorgesetzt.

Als die Aengsten mich umgaben,

Ganz entzündt in finstrer Nacht,

Ward die Lieb in mir erhaben,

Und ihr fester Bund gemacht.

O Glück! ich ging ohne Sehen

Aus der Selbsteit gänzlich aus,

Als ich frölich sah stehen,

Weine Ruh- und Friedenshaus.

Ich ging durch verborgne Stege,

Sicher in der Dunkelheit,

Taumelnd, ohne Furcht im Wege,

Ungestalt und ganz verkleidt;

Ja in Finsterniss verborgen,

Schritt ich aus mir selbsten aus!

Ach! o Glück! da ohne Sorgen,

Ich in Ruhe fand mein Haus.

Keiner konnte mich erkennen,

Noch die Seligkeit der Nacht:

Mein Herz hatte in sich brennen,

Ein verborgnes Licht und Tacht:

Doch verdeckt, und ohne Schauen;

Licht und Führer heimlich bleibt:

Und in dieser Nacht und Grauen,

War ich blind, und ganz betäubt.

Diese mir verborgne Leiter

Brachten mich in Sicherheit,

Führeten mich immer weiter,

Bis zum Tag der Ewigkeit,

Wo Gott selbsten Licht und Sonne,

Und das liebes-Feuer ist,

Friede, Freude, Ruh und Wonne,

Und mal, alles Leid vergisst.

Nacht, die lieblich führen täte:

Du bist schöner dunkle Nacht,

Als der Glanz der Morgenröte:

Denn du hast in Eins gebracht

Braut und Bräutigam vermählet:

Dieser hat nun inniglich

Seine Braut, die er erwählet,

Ueberformet ganz in sich.

Mein Geliebter, ohne Schmerzen,

Still und sanft regierete

Und entschlief in meinem Herzen,

Das in Liebe grünete:

Da die Cedern und die Rosen

Sich bewegten in der Lust

Sanfte tät ich ihm Liebkosen

Unter diesem süssen Duft.

Morgenrot, dein sanftes Wehen,

Hat zerstreut mein ganzes Heer,

Kein Begehren konnte bestehen,

Denn der Freund vertrieb es gar,

Da mir klarer Hand er drücket

Meinen Hals, den er verletzt,

Alle Sinnen sind entzücket,

Und ich aus mir selbst gesetzt.

Nunmehr hab ich ganz vergessen,

Wo das auge sonst hingericht,

Liebster, du hast mich besessen,

Auf dich leg ich mein Gesicht.

Ich hab alles gar verlassen,

Es verschwindt, und ist nicht mehr:

Ich mag nicht Gedanken fassen,

Sie sind bei dem Lilien-Heer.

Die Kadenz.

Als der Morgenröte Wunder

Glänzte vor der Sternenbahn,

Fiel ein Tröpflein Tau herunter

In den grossen Ocean:

Da der Tropfen nun die Weiten

Dieses Meeres sah hier,

Dessen Unermesslichkeiten,

Wie erstaunte er dafür!

Da er sich auch wollte setzen

In Vergleichung, sagte er:

Wie gering bin ich zu schätzen

Zu vergleichen mit dem Meer!

Wahrlich, wo das Meer zu sehen,

Der so grosse Ocean,

Muss ich mir ein Nichts gestehen,

Einen Schatten, Traum und Wahn!

Als er so ein Nichts sich sah,

Und das Meer, so weit, so gross,

War die Perlen-Muschel nahe,

Schloss ihn ein in ihren Schoss!

O wie wurde' er da verwandelt

Ja zur Perle nun gemacht,

Gross, veredelt, wohl behandelt,

Zur Vollkommenheit gebracht.

Auch der Himmel gab den Seegen

Dass der Perle hoher Preiss

Gar nichts wäre gleich zu wägen

Auf dem ganzen Erden-Kreiss;

Bis der König sie bekame,

Setzte sie in seine Kron,

Hoch berühmet wurde ihr Nahme.

Schauet hier der Demut Lohn!

Doktor Martin Luters Tischreden.

Während dass Hartknopf die Lieder spielte, ward der Tisch für vier Personen gedeckt, und die Frau St... mit ihrer Tochter traten herein.

Die Mutter mochte im fünfzigsten, die Tochter im dreissigsten Jahre sein. –

Hartknopf wurde von ihnen freundlich bewillkommet, und man setzte sich zu Tische, wo das Gespräch bald heiter und froh wurde, und auf allerlei weltliche Dinge fiel.

Hartknopf erzählte von Erfurt, von den drei Brunnen und vom Steigerwalde; und von seiner Art periodisch zu studiren, die dem Herrn von G... gar grosses Vergnügen machte.

Sie kamen nun auf das Universitätsleben zu sprechen, und der Herr von G.. erzählte von einem Duell, dass er in seiner Jugend gehabt hatte.

Nun kamen politische Gegenstände an die Reihe, worin der Herr von G.., der selbst einen beträchtlichen Gesandschaftsposten bekleidet hatte, reelle Kenntnisse besass.

Die Jungfer St.... würzte das Gespräch mit einem leichten spottenden Witze, womit sie den wichtigen Weltangelegenheiten wieder ein komisches spielendes Ansehen zu geben, und die Ueberwichtigkeit der Dinge immer wieder ins Gleichgewicht zu bringen wusste.

Die Frau St.... belebte die Einfälle ihrer Tochter durch einen launichten mütterlichen Ernst, womit sie ihr dieselben verwiess.

Die Jungfer St... fragte schalkhaft, ob Hartknopf die Bekanntschaft des Pächter Heil, eines sehr braven Mannes noch nicht gemacht habeund Hartknopf wäre über diese Frage beinahe in Verwirrung geraten, so wunderbar überraschte sie ihndurch den Ton und die Miene, womit die Jungfer St... diese Frage an ihn tat.

Denn der Pächter Heil und seine Schwerster standen wie zwei verschlungene Buchstaben in seinem Gedächtniss, deren Züge sich in einander verwickelten, und das Verwickelte zog die Verlegenheit nach sich. –

Hartknopf