an meinen lieben Andreas Hartknopf in Erfurt, folgende Anfrage ergehen: ob derselbe noch gewilligt ist, diese von mir ihm zugedachte, nunmehr erledigte Pfarrstelle, zu übernehmen? – Da ich hieran nicht zweifeln kann, so sehe ich mit Verlangen dem Augenblicke entgegen, wo unsre Worte und Gedanken sich unmittelbar einander begegnen können – dem, ich weiss doch, dass mein Andreas auch seine noch nie gesehenen Freunde liebt. – Ich möchte ihm noch die Hand geben, ehe ich scheide; denn ich stehe am rand und harre auf meine Auflösung – der aber, den ich hier zurücklasse, wird durch harte Prüfungen vollendet werden. – Ich lade ihn ein zu der Schule des Kreuzes; denn er soll nachfolgen seinem Herrn und Meister. –"
Die Kinderlehre.
Während dass Hartknopf durch seinen Fichtenwald auf Nesselrode zuwanderte, war der Küster Ehrenpreiss schon wieder über das Torfmoor nach Ribbeckenau zurückgekehrt, um dort den Nachmittagsgottesdienst zu halten. – Als nun die Kinder des Dorfs um dem Altar versammlet standen, faltete er seine hände und betete: "Erhalt uns o Herr die reine Lehre. Alle Irrgläubigen aber, welche dein Wort verdrehen, mache zu Schanden um deiner Liebe Willen!"
Nun war die erste Frage:
Ehrenpreiss. Als Lucifer oder der Teufel, von Gott abfiel; wer stiess ihn da vom Himmel hinunter? Die Rinder. Gott! Ehrenpreiss. Wie kam er also vom Himmel herunter? Ein Bauerknabe. Plötzlich! Ehrenpreiss. Aber wie oft soll ich euch noch sagen: ihr müsst auf das Vorhergehende merken! Ihr begreifts nicht! – wann ich euch frage: wie kam er vom Himmel herunter? so heisst ja die Antwort nach dem Vorhergehenden: Gott stiess ihn herunter? – merkt doch auf die Worte! es heisst ja: Gott stiess ihn herunter!
Wie kam er also vom Himmel?
Die Kinder. Gott stiess ihn herunter. –
Ehrenpreiss. Was ist durch den Teufel in die Welt gekommen?
Die Kinder. Die Sünde.
Ehrenpreiss. Durch wen sind wir von Sünden erlösst?
Die Kinder. Durch Christum!
Ehrenpreiss. Wen sandte Christus seinen Jüngern, da er gegen Himmel fuhr?
Die Kinder. Den Tröster!
Ehrenpreiss. Als aber der heilige Geist bei der Taufe Christi in Gestalt einer Taube vom Himmel herab kam, wer sandte, ihn da vom Himmel?
Die Kinder. Gott?
Ehrenpreiss. Wie kam also der heilige Geist vom Himmel herunter? (Hier horchte Ehrenpreiss sorgfältig auf die Antwort.)
Einige Kinder. Gott stiess ihn herunter. –
Ehrenpreiss. Nein Kinder (fiel er als wär' es abgeredet ein) Menschen stiessen ihn herunter, die den dreieinigen Gott nicht erkennen, und des Herrn Wort verdrehen, welche Sünde nicht vergeben werden soll, weder in dieser noch in jener Welt! –
Gehet hin in Frieden!
Hartknopfs Besuch bei dem Hrn. von G...
Die Sonne neigte sich zum Untergange, als Hartknopf aus dem Fichtenwalde trat. –
Das Dorf Nesselrode lag gerade vor ihm in einer fruchtbaren Ebene, und in einiger Entfernung zur Rechten das herrschaftliche Schloss, dessen Fenster im Glanze der Abendsonne schimmerten.
Der Pfad zum schloss des Hrn. von G.. führte vor Nesselrode vorbei über ein schönes Aehrenfeld. Der Fahrweg aber ging durch das Dorf, und war mit einer Allee von Weidenbäumen bepflanzt.
Da wo nun der Fahrweg und der Fussweg dem Schlosstore gegenüber zusammentraten, stand Hartknopf noch eine Weile still, und schaute durch den Torweg, über den Hof, bis an die Stuffen vor der Tür welche braun angestrichen war, und gegen die ganz weiss abgeputzte Vorderseite des Hauses auffallend abstach. –
Die braune Tür eröfnete sich, und Hartknopf blickte beim Strahl der Abendsonne zuerst in diess Heiligtum, das einen Geist umschloss, der in seiner sterblichen Hülle weit über die Erde emporragte, und doch in den Bezirk dieser Mauren, auf diesen einzelnen Fleck, seine bestimmte Wirksamkeit hingeheftet hatte; und gleichsam nur noch mit den Spitzen der Zehen diesen Punkt der rollenden Kugel berührte, die nun bald unter ihm weggewälzt, seinem spähenden Blicke in die ungemessene Ferne sich entziehen sollte.
Ein alter Diener des Herrn von G.., führte Hartknopf eine Treppe hinauf, in ein grün tapezirtes Zimmer, wo der Herr von G.. vor dem Spiegel stand, und sich den Bart eingeseift hatte, um sich zu halbieren, welches er, eine Stunde vor Sonnenuntergang selbst zu tun gewohnt war.
Er eilte mit dem eingeseiften Barte auf Hartknopfen zu, dieser aber bat ihn, er möchte sich nicht stöhren lassen, und setzte sich so lange auf einen Stuhl, bis der Herr von G.. sich den Bart abgenommen hatte. Dabei gab er auf seine Augen und hände Acht, wie die Schärfe des Scheermessers das Kinn des Greisen umwandelte – während dass in der ruhigen Mine ein schöner Zug nach dem andern sich entüllte, und endlich um die Lippen das jugendliche bewillkommende Lächeln sich verbreitete, womit der Herr von G..., nachdem er sich halbiert hatte, seinen langgewünschten Freund an seinen Busen brückte.
Die Empfindungen Hartknopfs und des Hrn. von G.... trafen in einem Punkte zusammen. – Beide suchten die Bewegung, welche in ihren Gemütern herrschte, erst wieder einzuwiegen, ehe sie sich einander mitteilten.
Daher fand es der Herr von G... ganz natürlich, dass Hartknopf, ohne weiter etwas zu sagen, sich an ein Klavier setzte, das in der stube stand, und