aber nahm er Abschied von dem Geschwisterpaar, da es hoch Mittag war, um den Herrn von G... zu besuchen; dieser wohnte drei Meilen weit von hier, bei dem Dorfs Nesselrode, wohin der Weg durch einen Fichtenwald führte, der eine Strecke hinter Ribbeckenäuchen seinen Anfang nahm, und unsern Wanderer auf seinem Wege vor den Strahlen, der Sonne schützte, welche schon anfiengen, den ausgetrockneten Boden zu sengen. –
Der Fichtenwald.
Hier war nun alles auf einmal so tot und einförmig – und Hartknopf wanderte ganz allein. –
Es war Ebbe in seiner Seele geworden – die angenehmen Bilder standen tief im Hintergründe. –
Er horchte auf den Tritt seiner Füsse, und stand zuweilen still, und machte mit seinem Stabe Figuren in den Sand. –
Mit dieser Handlung begannen die fürchterlichsten Stunden seines Lebens – diess war das Zeichen der gänzlichen Leerheit, der Selbstermangelung, des dumpfen Hinbrütens, der Teilnehmungelosigkeit an allem. –
Als er von dem Pächter Heil und seiner Schwerster Abschied nahm, da war seine Mine noch heiter und froh – sobald er aber aus der Tür getreten war, und niemand mehr um sich sah, seufzte er: Ach Elias! und seine Lippen schlossen sich wieder. –
Er eilte mit starken Schritten dem Fichtenwalde zu – und als er ihn erreicht hatte, und in sein heiliges Dunkel trat – fühlte er auf einmal seine Brust von einem grossen Gefühl erweitert, dass aber eben so plötzlich sich wieder verlohr, als es entstanden war. –
Es war die grosse leblose natur, welche er in diesem Augenblicke fest an sich schloss, und die sogleich wieder allen Reiz für ihn verlohr – weil das schimmernde zarte Gebildete das Grosse verdunkelte, und doch war das zarte Gebildete nicht stark genug, das Grosse in seinem Umfange festzuhalten, und es dem Liebenden zur Morgengabe zu bringen. –
Es entstand ein schrecklicher Kampf in Hartknopfs Seele – das Leere wollte die Fülle, das Chaos die Bildung verdrängen. – Nichts war der Mühe des Festaltens, nichts des Fliehens, und nichts der Anschliessung wert. –
Ohne Gedanken, ohne Empfindung, zog er noch immer Figuren im Staube, als sein guter Genius seine Hand leitete, und er auf einmal unwillkührlich den Nahmen Elias auf den Boden schrieb. –
Durch diese trostreichen Züge stärkte die Hand des Engels ihn, und der Kelch ging diessmal noch vor ihm vorüber. –
Er ging mit schnellen Schritten vorwärts, in der Kühle des Waldes. – Er hatte einen Punkt gefasst, an dem er sich wieder halten konnte, dem sich das übrige unterordnete. –
Seine Phantasie fand wieder freien Spielraum – er dachte sich in der stube des Pächter Heil mit der weichen Fussdecke, und den blauen senkrechten Streifen an den Wänden. –
Dann beschäftigten seine Gedanken sich mit dem Hrn. v.G..., den er nun persönlich sollte kennen lernen, nachdem er schon lange im Briefwechsel mit ihm gestanden. –
Der Herr von G...
Dieser Herr v.G.. war ein Greiss von achtzig Jahren, der Hartknopfs Vater gekannt hatte, und den Sohn zum Prediger berief. –
Er hatte schon lange seine Gattin und Kinder überlebt – so dass alle seine Gedanken den irrdischen Sorgen entrückt waren, und sich nun mit etwas jenseit beschäftigten, dass sie nicht fassen konnten. –
Nichts konnte sich wohl mehr entgegengesetzt scheinen, als die Meinungen Hartknopfs und des Herrn v.G...
Der Herr v.G.. war für das Leichte, Auf lodernde, Himmelanstrebende. –
Hartknopf für das Schwere, sich niedersenkende, in sich selbst ruhende. –
Der Herr v.G... liebte die Pyramidalform. –
Hartknopf den Kubus. –
Und doch trafen beide immer in gewissen Punkten zusammen. –
Dann war es, als ob sie sich über einem Abgründe die hände reichten. –
Der Hr. v.G.. hatte von seiner Jugend an mystische Schriften gelesen, und seine ganze Denkart hatte dadurch eine gleichsam zugespitzte Richtung bekommen, sie eilte immer zu früh dem Ende zu, ehe sie noch die Fülle gefasst hatte. – Das Fassende erhielt dadurch eine gewisse Einengung, worin Bäume, Pflanzen und Tiere nicht Platz finden konnten.
Das Körperliche blieb ausgeschlossen – das Geistige schwebte oben. –
Zwischem dem, was zusammen gehört, und sich nach einander sehnt, war eine Kluft befestiget, die der Hr. v.G.. nicht sähe, weil er selber in dieser Kluft stand. –
Hartknopf zog einen Brief des Hrn. v.G.. aus der tasche, den er ihm nach Erfurt geschrieben hatte, und las ihn noch in dem Fichtenwalde durch, da er sich, an einen Stamm gelehnt, ein paar Minuten ausruhte. –
Er wollte die gewohnten Züge seiner Hand erst wieder vor seinen Augen erneuern, eh' er den Mann persönlich sah. –
Die Buchstabenschrift des Hrn. v.G... flammete, wie sein Geist in die Höhe – wodurch aber der Nachteil entstand, dass die untere Zeile oft in die obere eingrif, und die Züge sich untereinander verwirrten.
Hartknopfs Buchstaben standen mehr senkrecht in dichtgeschlossener Reihe aneinander – so dass auch die Wörter sich fast zu nahe aneinander drängten, und oft eine ganze Zeile wie ein einziges Wort aussähe. –
Der Brief des Hrn. v.G.. an Hartknopf lautete also:
"Da mein bisheriger Prediger in Ribbeckenau am 8ten dieses gestorben ist, so lasse ich