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, so wie das trübe Auge dem trüben zu begegnen wünscht. –

Der Küster Ehrenpreiss fand sich verwaiset, als sein Pfarrer tot war; seine Klagen aber waren nicht sanft, oder vielmehr, es waren keine Klagen, sondern ein finstrer Unmut, eine verdriessliche Unbehaglichkeit, die er in seinem ganzen Wesen fühlte, und immer auf etwas anders, auf irgend eine Kleinigkeit schob, die ihm in den Weg kam. –

Wie konnten auch die Klagen über die Trennung sanft und edel sein, da die Verbindung selbst rauh und grob gewesen war, und auf Bitterkeit, Grobheit und Rauhigkeit sich gegründet hatte!

Demohngeachtet aber war es auch eine Verbindung und Gleichlaut, der, so lange er dauerte, in der Reihe der Töne sein Recht behauptete, und zwar in grobe Selbstzufriedenheit, aber doch auch, so wie das feinste und zarteste, in Selbstzufriedenheit einwiegte. –

Auch war es gar kein unangenehmes Schauspiel, zu sehen, wie die schwarzen Augenbraunen des Pfarrers und des Küsters Ehrenpreiss sich freundlich einander zunickten. –

Aber freilich zeichnete die Uebereinstimmung auf Stirn und Wange sich nicht so schön, wie bei dem Geschwisterpaar in Ribbeckenäuchen, das nun zum erstenmale Hartknopfs Predigt besuchte, und unter dem Turm mit Schindeln gedeckt, in einem grünausgeschlagenen Kirchenstuhle, gerade der Kanzel gegenüber, seinen Platz nahm.

Die Wiederholung.

Hartknopf hub nun aufs neue wieder seinen Spruch an: im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, u.s.w. als auf einmal aus dem Kirchenstuhle unter dem Turm, wie aus einem heiligen Dunkel, die freundlichen Blicke des Pächter Heil den seinigen begneten, während dass dessen Schwester ihre lebhaften Augen noch sanft niederschlug, und der weiblichen Neugier, die sich in ihrem Busen regte, mit zarter Tugend noch ein Weilchen widerstand. –

Sie war einfach und nicht ohne Geschmack gekleidet, ihr Haar hieng in ländlichen Locken herunter; ein Hütchen trat über ihre Stirne hervor, und verdeckte den Strahl, der aus ihren Augen schoss, so oft sie sich niederbückte.

Nicht lange aber, so schlug sie die Augen auf, um Hartknopf, den Prediger anzublicken, dessen stimme und laut der Worte sie schon irgendwo gehört zu haben glaubte, und sich doch auf keine Weise zu erinnern wusste, wo und wann? –

Es war, als ob sie in eine dunkle Ferne blickte; als würden Erinnerungen ist ihr aufgeweckt, an etwas, dass einen Augenblick vor ihrer Seele schwebte, und plötzlich wieder verschwunden war.

Sie hieng dem nicht mit ihren Gedanken nach, und in wenigen Minuten waren diese Regungen ganz verschwunden.

Hartknopfs Auge und Seele ruhte während, seiner Predigt auf dem Antlitz des Pächters Heil und seiner Schwester Sophie Erdmut. –

In diesen beiden Ovalen fand er die ruhige Stimmung seiner Seele, den harmonischen Kreislauf der Dinge, den heitern Himmel, die lachenden Fluren, und jeden Reitz dieser schönen Umgebung wieder, worin wir leben, weben und sind. –

Denn diese Umrisse waren bezeichnend, und bedeutenddie höhere Menschheit leuchtete aus diesen Zügen mit sanftem Schimmer hervor. –

Es war der Tagesanbruch, die ersten Streifen der dämmernden Morgenrüte.

Die übrigen Gesichter waren mehr oder weniger durch Brutalität entstelltes war eine chaotische Massedas wandernde Auge des Menschenforschers fand keinen Platz, auf dem es ruhen konnte. –

Es war, als wäre über die Bildungen eine Furche hingezogen, die sie alle gleich machte. –

Das Bezeichnende und Bedeutende war entstellt, zerrissen. –

Eine neue Schöpfung musste hier vorgehen, um diese erstorbene zur Erde gesunkene Masse zu beleben, und dann mit dem neubelebten Worte und Blicke zu wechseln. –

Die Taube flog aus und fand einen Oehlzweig, auf dem sie ruhen konnte. –

Hier aber schwebete keine Taubengestalt unglückbringend über Hartknopfs haupt. –

Kein hölzernes Schnitzwerk entstellte diese Kanzel, und diese Wände. –

Hier wiederholte Hartknopf seine erste Predigt beinahe von Wort zu Wort. –

Er höhlte gleichsam jedes verlohrne Wort, jeden verschwundenen Gedanken wiederwas auf der Kanzel in Ribbeckenau von seinen Lippen verwehet war, fand sich hier in schönerer Ordnung wieder zusammen. –

Denn die Höhe und Tiefe war einmal durch feste Punkte auf horizontalen Linien, und jeder Takt durch einen senkrechten Strich bezeichnet.

Das Ganze wiederhohlte sich daher, wie eine wohlgesetzte Musik, welche des Aufwands von Kunst und Mühe nicht wert wäre, wenn sie nur einmal tönen, und dann in die Luft verweht sein sollte. –

Durch wiederholte Schläge pflegte Hartknopf wie im Sprüchwort zu sagen, fällt der Baum unter der Axt, und das Eisen schmiegt sich unter dem Hammer. –

Was ist das Leben in der ganzen natur, der Wechsel der Jahreszeiten, was jeder Pulsschlag, jeder Atemzug, als eine immerwährende Wiederholung ihrer selbst? –

Die Wiederholung des Schönen erwecket nicht Ueberdruss, sondern vervielfältigten Reitz, für den, welcher anfangt seine Spur zu ahndenund so oft es ihm sich wieder darstellt, diese Spur verfolgt. –

So war Hartknopfs Antrittspredigt ein vollendetes unvergängliches Werk, dass in sich selber seinen Wert hatte, den kein Zufall ihm rauben konnte. –

Und obgleich die Gemeinde in Ribbeckenau sich einmal, und der Küster Ehrenpreiss sich zweimal daran ärgerte, so erreichte sie dennoch ihren Zweck, der in ihr selbst, in ihrem schönen Bau, und dem wohl abgemessenen verhältnis ihrer Teile lagwodurch das Ganze eine Kraft erhielt, alles Mangelhafte aufzudecken, und es in seiner Blösse darzustellen; wodurch die bauern in Ribbeckenau in ihrer Brutalität sich zeigen,