so unpolemischer Prediger, als Hartknopf, war nun freilich keine sehr willkommene Gabe für solche polemische Bauern. –
Denn die Predigten des vorigen Pfarrers waren überdem gar nicht uninteressant gewesen: er belagerte eine Ketzerei, die er aufstellte, um sie zu bestreiten, gleichsam wie eine Festung, legte selbst Bollwerke umher, womit er sie sich eine Weile verteidigen liess, dann lief er plötzlich Sturm, durchbrach die Schanzen, und hieb alles mit der Schärfe des Schwerdts darnieder. Durch diess immerwährende Angreifen und Verteidigen, war den Bauern selbst der dogmatische Lehrbegrif so geläufig geworden, als er ihnen durch den blossen Vortrag nie hätte werden können. – Sie waren dadurch gewissermassen kompetente Richter über ihren künftigen Prediger geworden, der nun nie aus dem Gleise rücken durfte, ohne dass sie es merkten. – Der Geist des verstorbenen Pfarrers ruhte auf der ganzen Gemeine, auf dem Küster Ehrenpreiss aber ruhte er zwiefältig. –
Das Torfmoor.
Mit seinem Stabe in der Hand, und dem Küster Ehrenpreiss zur Seiten, wandelte Hartknopf nun zum erstenmal über das Torfmoor nach Ribeckenäuchen hin.
Zur rechten hatte er die Aussicht über das Torfmoor auf die Haide, zur linken auf den Küster Ehrenpreiss, und einen mit Haidekraut bewachsenen öden Berg, welcher der Kramberg hiess. – Hinter sich sah er den kleinen spitzigen Turm von Ribbeckenau, der mit Schiefer, und vor sich den von Ribbeckenäuchen, der mit Schindeln gedeckt war.
Geschähe das am grünen Holze, seufzte er bei sich selber, was wird am dürren werden?
Denn seine Hofnungen waren nun schon verwelkt, und die Gedanken welche er jetzt wieder in Worte kleiden sollte, hatten einmal schon ihren frischen Glanz verlohren.
Die ganze Gegend um ihn her lag schwarz und öde –
In dem ganzen Bezirk, den das Auge sah, war keine Furche gezogen – kein grünes Fleckchen schimmerte hervor. –
Das Spiel der Sensen erklang auf diesem Boden nie – nie hielten frohe Schnitter hier ihr Mahl. –
Die weidende Heerde fand hier keine Nahrung – der Wanderer keinen sichern Pfad – denn täuschende Wassergraben durchschnitten ablentalben das lockere Moor. –
Nichts Gebildetes sprosste auf diesem Boden hervor, der unfruchtbar und öde da lag, um selbst in kurzem zu Asche verbrannt zu werden. –
Der Himmel blickte trübe auf die verwaisste Scene herab – und mit schwerem Herzen ging Hartknopf seinen sauren Pfad. –
Er wusste nicht, dass unter dem Turme, der mit Schindeln gedeckt war, ein paar freundliche Gesichter auf ihn warteten, aus denen der Tag wieder in seine Seele lächeln würde, da er es am wenigsten vermutete. –
Die Geschwister.
In Ribbeckenäuchen war vor der Kirchtüre ein geringer Platz, mit Blumen bepflanzt, da spielten die Knaben im dorf. –
Gegenüber war ein bequemes Haus mit Garten und Zubehör. –
Der grüne Platz vor der Kirche mit dem artigen haus gegenüber gab dem Dörfchen, das nur aus wenigen Feuerstellen bestand, ein heiteres, lachendes Ansehn. –
Das Haus selbst aber, welches dem grünen Kirchhofe gegenüber lag, schloss zwei dem leib und geist nach verwandte Seelen ein, die hier ein stilles Glück genossen, weil ihre erste Tugend Genügsamkeit war.
Es war nämlich der Pächter in diesem dorf, der seit fünf Jahren mit seiner Schwester hier zusammen wohnte, welche zwanzig Jahr alt, zu ihm gezogen war, und seit der Zeit noch keine eigentlich missvergnügte Stunde zählte. –
Denn alles Unangenehme übertrug sich in den unnennbaren Reitz der Teilnahme des einen an des andern Ruhe, und lösste sich in den schönen Gleichlaut der Gemüter auf, in welchem dieses grosse Ganze, wie in seinem Mittelpunkte sich vollendet. –
Wo alle Stürme schweigen, das Toben der Elemente aufhört, und die Sonne im stillen See sich spiegelt. –
Wo das Getrennte, das Entfernte sich wiedererkennt und wiederfindet. –
Wo das Labyrint der Schicksale seinen Endpunkt erreicht, aus dem es sich mit einem Blicke durchschauen lässt, und entüllet vor unsern Augen liegt. –
Diese Gleichheit der Gemüter, welche verschwisterte Seelen an einander knüpft, schaft mit einem mächtigen Worte, auf jedem Fleck der Erde noch nie gekannte Freuden um sich her, lässt Blumen auf dürrem Boden wachsen; und wandelt den Krainberg, und das Torfmoor von Ribbeckenau, zu weinbekränzten Hügeln, und lachenden Fluren um.
Wo dieser Gleichlaut der Gemüter weilt, da drückt er unverkennbar speine Spur in auge' und Wange, und zeichnet sich auf der freien und unumwölkten Stirne. – Da wohnt der Unmut und die finstre sorge nicht – da fesselt kein Zwang den leisesten laut der Empfindung – da schämt das Wort sich des Gedanken, die Mine des Wortes, das Wort der Tat sich nicht.
Diess war nun zwar auch der Fall bei dem Küster Ehrenpreiss und dem verstorbenen Pfarrer in Ribbekkenau, bei denen sich auch das Wort des Gedanken, die Mine des Worts, und das Wort der Tat nicht schämte, wenn ihr düstrer richtender blick und ihre lispelnde, tödtende Zunge, über alle Ketzer und Irrgläubigen aus ihrer Nachbarschaft das unwiderrufliche Urteil sprach – und über manchem nicht nur in jener, sondern schon in dieser Welt, durch hämische Anklagen den Stab brach. –
Waren diess nicht auch verschwisterte, ineinandergeschlungene Seelen? – brachten sie nicht auch bis Mitternacht in vertraulichen Gesprächen zu? – Warum soll ihr Gleichlaut kein Wohlklang sein? –
Gehören nicht die gröbsten und dunkelsten Vibrationen der saiten, eben so, wie die feinsten und hellsten zu dem vollstimmigen Konzert?
Der frohe blick hält sich gern an dem frohen, der düstre an dem düstern fest