einmal sein Geschäft darin bestehe, seine Lippen zu bewegen, und tönende Worte hervorzubringen, statt dass andere ihre arme zur Arbeit ausstreckten, um dem Schooss der Erde ihre Nahrung abzugewinnen, und die Frucht ihrer Mühe selbst mühsam einzuerndten.
Er stellte das nackte Wort, als den leeren Hauch der Luft, als das tönende Erz und die klingende Schelle dar, wenn Liebe es nicht beseelet. –
Liebe beseelte es aber, indem er sprach – denn er war gewilliget zu geben, wo seine Brüder nehmen; er wollte nicht für leeren Luftauch den Zehnten von allen reichhaltigen Früchen der Erde eintauschen – er wollte den Buchstaben des Worts erst tödten, damit der Geist lebendig mache. –
Als er nun zum erstemale das Wort Geist nannte, blickte die ganze Gemeine, als ob aller Augen sich verabredet hätten, auf einmal nach der leeren Stelle an der Decke über der Kanzel hin, wo die Abbildung des heiligen Geistes in Taubengestalt gewesen war. – Der grobe sinnliche Eindruck behielt von jetzt an auf einmal bis Oberhand – der erste Schrecken war nun vorüber – und wie von einem bösen Dämon angehaucht, verzog sich jede Mine zu einem hönischen schadenfrohen Lächeln – und die Herzen verschlossen sich auf immer. –
Die undurchdringliche Scheidewand zwischen Licht und Finsterniss war gezogen. – Das hämische Lächeln trat zwischen die redende Liebe und den aufmerksamen Gedanken – Hartknopf fühlte sich zum erstenmale von seiner nächsten Umgebung gedrückt – er fing während seiner Rede an, die Gesichter zu bemerken, und kein antwortender blick begegnete seinem spähenden Auge – eine unbekannte Macht schien die Worte von seinen Lippen zu verwehen, dass sie den Weg zum Herzen nicht fanden.
Unglücklicher Weise liess er sich noch auf die Worte ein: ich will euch den Tröster senden u.s.w. und alles blickte auf den Bauerknaben, neben welchem die Taubengestalt niederstürzte, und der ihr mit einer komischen Bewegung ausgewichen war.
In dieser Predigt, pflegte Hartknopf, nachher oft zu sagen, habe er den ganzen Druck empfunden, womit die grobe Sinnlichkeit auf dem zarten Gedanken, die unförmliche Masse auf dem Gebildeten ruht – wodurch der Sprössling im Keime zertreten, die Blume zerknickt wird – der Wurm an der aufblühenden Pflanze nagt – der Heldenmut des Starken in seiner Brust gehemmt wird, und der bildende Genius, indem er die Flügel entfaltet, von seinem umwölkten Jahrhundert darnieder gedrückt, in den Staub sinkt. –
So viel ist gewiss, dass die vielleicht schon verwesete Hand, welche die Taubengestalt an die Kanzeldekke mit nachlässigem Finger befestigte, Hartknopfs schöne Hofnungen, und sein ganzes Gebäude von Glückseligkeit an diesem Orte unwissend untergrub.
Denn dieser erste Eindruck blieb in der Folge seines Lehramts unauslöschlich – Und die ganze angebohrne Würde seines Wesens vermochte nichts gegen die komische Larve des mächtigen Zufalls.
Freilich war auch ein reudiges Schaaf unter dieser Heerde, welches die übrigen angesteckt hatte – diess war der spruchreiche Küster Ehrenpreiss mit der richterlichen Miene.
Während dass Hartknopf predigte, richteten seine Augenbraunen jeden Perioden, den er sagte, und brachen den Stab über ihm, so oft er das Wort, als die vierte person in der Gotteit erwähnte – Hartknopf meinte nämlich, weil man sich doch die Dreieinigkeit, als eins dächte, so könnte auch das Vierte der Einheit nicht schaden – und der Lehrbegrif leide nicht darunter, wenn man sich den alleserhaltenden Vater, den allesbeherrschenden Sohn, den allesbelebenden Geist, und das allesverknüpfende Wort, wie das ewig unveränderliche Feststehende – wie den unerschütterlichen Kubus dächte, der in sich selber ruhend, die rollenden Sphären trägt. –
Ehrenpreiss aber schrieb sich Hartknopfs Ketzereien in seine Schreibtafel auf – und so wie der Erklärer alter Autoren über eine neugefundene Leseart, der Chronickenschreiber über eine Jahrzahl, und der Conchylienliebhaber über ein Schneckenhaus, so freute sich der Küster Ehrenpreiss über jede Ketzerei, die er in irgend eines Menschen Worten oder Gebehrden auffinden konnte, weil diess nun auch einmal seine Liebhaberei war, die ihm ein besonderes Vergnügen machte.
Mit dem vorigen Prediger war er ein Herz und eine Seele gewesen – denn dieser bedurfte jemand, in dessen Busen er seinen Gift ausschütten konnte, und Ehrenpreiss war ein würdiges Gefäss dazu.
Oft brachten sie bis Mitternacht in vertraulichen Gesprächen zu – sie sassen da – in schwarzen Kleidern, auf Stühlen, und richteten die vergangenen und kommenden Geschlechter der Erde.
Diess taten sie im Fluge der hohen Begeisterung; dann aber beschränkten sie sich wieder auf ihre Nachbarschaft, auf die Prediger in dem Kirchensprengel, auf die Menschen welche still einher wandelten, und das Höchstverehrungswürdige im Geist und in der Wahrheit verehrten, auf die natürlichen Menschen, welche durch frohen Genuss der Gabe, dem Geber am besten zu danken glaubten. –
War nun über alle diese Menschen namentlich das Verdammungsurteil gesprochen, so machten sich beide den Spruch zu eigen: ihr seid über wenigem getreu gewesen; ich will euch über vieles setzen!
Damit nun aber auch Ehrenpreiss in diesem Werke geübter werden möchte, so trug sein Prediger ihm die ganze Polemik aus den Heften vor, die er ehemals in Halle eigenhändig nachgeschrieben hatte.
Und als das Kollegium geendigt war, schrieb sich Ehrenpreiss selbst die Hefte noch einmal ab, und trug sie einigen auserwählten Bauern bei verschlossnen Türen wieder vor, durch welche der edle Saamen dann weiter im dorf ausgestreuet wurde.
So war das ganze Dorf nach und nach polemisch geworden, und das Schimpfwort: Du Ketzer! welches man ehemals als eine scherzende Liebkosung brauchte, wurde jetzt mit einem finstern spanischem Ernst ausgesprochen, der nichts Gutes bedeutete.
Ein