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Wenn die regen Gefühle in ihrem zartesten Vereinigungspunkte mit einander uneins werden.

Das höchste Opfer.

gibt es noch wohl ein höheres, als wenn die Liebe sich selber dahin gibt, um ihrem gegenstand, den sie umfasst, die Freiheit zu schenken, wornach die Seele im inneren Kampfe mit sich selber schmachtet? –

Wenn der aufstrebende Geist durch zarte in sein Wesen verwebte Bande sich gefesselt fühlt, welche zu zerreissen seiner Empfindung selbst den Tod droht.

Wenn denn die mitleidsvolle Liebe selber die Bande lösst, um den Entfesselten frei und froh zu wissen; so hebt sie durch diess Opfer sich über sich selbst emporsie dehnt sich gleich dem milden Aeter aus, und wird durch leise Wünsche der Schutzgeist des Irrenden auf seinen Pfaden.

Die Trennung.

Sie ist das erste grosse Gesetz der natur. –

In ihr liegt der Keim zu allen Bildungen. –

Sie ist die Mutter der Schmerzen und die Gebährerin der Wonne.

Sie erneuert unaufhörlich die Gestalten und erhält das Ganze in ewiger Jugend. –

Da, wo die Schere den Faden zerschneidet, beginnet ein höherer Anfang. –

Das Grab der Liebe ist die Wiege der Weisheit, welche höher ist denn alle Vernunft, und welche eben deswegen sehr viel Vernunft voraussetzt, auf die sie sich stützen kann. –

Diese Weissheit findet einen Punkt, wo der Schmerz der Trennung aufhört, das bittere Scheiden süss, und jede Versagung leicht wird.

Wo alle Entbehrungen aufhören, und die Fülle des Daseins eintritt. –

Eine Lücke in Hartknopfs Geschichte1.

–––––––––––––––––––––––––––– – – – – – – – – – – – – – – – – Mit der Schärfe des Schwerdts war der Knoten nun durchgehauen. – Der Scheidebrief war da, und Sophie Erdmut küsste ihn mit tausend Tränen, und versiegelte mit diesem Kuss ihr grosses Opfer. –

Den Scheidebrief begleitete ein Schreiben an Hartknopf, worin ihm die gebetene Entlassung von seinem amt erteilt wurde.

Der Pächter Heil führte seine Schwester mit ihrem Knaben wieder in sein Hausund Kersting begleitete sie.

Der Küster Ehrenpreiss hatte Hartknopfen beim Konsistorium angeklagt, und die bauern aufgehetzt, dass sie ebenfalls gegen ihn eingekommen warennun schrieb er sich triumphirend Hartknopfs Schicksal zu.

Fussnoten

1 Diese Lücke wird sich aus Hartknopfs vertrautestem Briefwechsel ergänzen.

Täuschung und Würklichkeit.

Wenn die Wasserwage Das Unebne gleich macht, So ist es still in der Seele des WeisenEs ist nicht die Stille des Grabes, Sondern der hohen Mittagsstunde, Wenn die Arbeiter im feld ruhn, Kein Lüftchen sich bewegt, Und nur die summende Fliege Dem Ohre vernehmbar wird. Der Müde ruht im Schatten der Eiche, Und goldne Träume umgaukeln seine Stirn. Wie nächtliche Nebel rollen die Sorgen hinDie Sonne der Freuden glänztEs hüpfen goldne Wellen Auf sanftbewegter FlutUnd grüne Büsche spiegeln Sich in dem klaren SeeDer Träumer spricht: hier lasst uns Hütten baun! Sein Genius steht lächelnd neben ihm Und zieht den Vorhang mit Gebüsch und klarem See

hinweg

Nun ist die steile Felsenhöhe wieder da, Die schon so oft dem Aengstlichträumenden

erschien. –

Soll ich denn diese steile Höh' erklimmen? Soll ich des Lebens Weg denn stets Auf ungebahnten Steigen wandeln? – Mit Mut erfüllt des Träumers Busen Der Knab' im glänzenden GewandDem Schlummrer wird die Seele grösser Das Blut in seinen Adern, Eilt schnellerund der Fels sinkt einEin leichter Sprung bringt ihn ins WeiteDes Wandrers Schritt ist ungehemmt Und unbegrenzt sein blick. – –

Der Abschied.

Dank euch, ihr grossmütigen Seelen, dass ihr den Scheidenden sanft und gut entliesset. Ihr hattet ihn eine kleine Weile gefangen gehalten, und liesset ihn wieder in sein grosses Element entschlüpfen. – Am frühen Morgen brach Hartknopf auf. – Sophie Erdmut, an Kerstings Arm gelehnt, und der Pächter Heil begleiteten ihn vor das Dorf hinaus. – Er hatte Mut in ihre Seelen gesprochen, aber sie sahen ihm mit weinenden Augen nach. – Und Hartknopf nahm seinen Stab, und wanderte nach Osten zu. Der Küster Ehrenpreiss aber stand hinter einem Busch, und sagte triumphirend: den Hartknopf habe ich moralisch tot geschlagen!

Karl Philipp Moritz

Ästetische Schriften

Über den Begriff des in sich selbst Vollendeten

Erstdruck in: Berlinische Monatsschrift, 1785,

3. Stück.

Das Edelste in der natur

Erstdruck in: Denkwürdigkeiten, aufgezeichnet

zur Beförderung des edlen und Schönen (Ber

lin), 1786.

Das menschliche Elend

Erstdruck in: Denkwürdigkeiten (Berlin), 1786.

Über die bildende Nachahmung des Schönen

Erstdruck: Braunschweig 1788.

Die Signatur des Schönen

Erstdruck unter dem Titel "Inwiefern Kunst

werke beschrieben werden können" in: Mo

natsschrift der Akademie der Künste und me

chanischen Wissenschaften zu Berlin, 1788/89.