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auf die Gemeinde zu seinen Füssen herabsähe?

Bei der gewöhnlichen Unterredung fallen die Besonderheiten der Menschen nie so sehr auf, als wenn sie öffentlich auftreten und mit einer gewissen angenommenen Feierlichkeit reden; dann wird erst jede Kleinigkeit bemerkt, die vorher unbemerkt blieb, und der Lacher und Spötter findet reichen Stof.

Das gesuchte Feierliche war sonst so ganz und gar Hartknopfs Sache nicht, dass er diessmal gleichsam aus seinem Wesen hinweggedrängt schien, da er von der Kanzel in das Hallelujah von der Orgel einfiel. –

Aber er verkannte sich auch selbst in diesem Augenblickeer glaubte, er sei zum Prediger in Ribbekkenau gebohren, und brach darüber in ein falsches Hallelujah aus, dass sich augenblicklich selbst an seinem Urheber rächte.

Sophia Erdmut.

Ihre jungfräuliche Seele bildete sich unter dem Einfluss eines sanften Gestirns. –

Sie wuchs unter den Blumen, und mit den Bäumen in ihres Vaters Gatten auf. –

Sie schlug vor dem blendenden Glanze der Himmelswölbung bescheiden ihre Augen nieder, und bückte sich herab zu dem Veilchen, das mit gesenktem haupt auf der Wiese stand. –

Die liebende natur mit Morgenrot und Wies' und Wald war selbst die Freundin und Gespielin ihrer Jugend. –

Dem väterlichen haus entwachsen führte ihr Bruder sie in seine stille wohnung, wo sie mit ihm fünf goldene Jahre lebte.

Als Hartknopf über die Schwelle trat, veränderte sich der Lebensplan. –

Es war an einem schöngewählten Frühlingstage in der stillen Laube im Garten, als Hartknopf, welcher schon ihr Herz besass, um ihre Hand anhielt, die der Pächter Heil mit Bruderliebe in die seinige legte, und sagte: sie ist dein!

Schreiben des Herrn von G... an Hartknopf.

"Ich wünsche Sr. Wohlehrwürden, meinem lieben Andreas zu seiner Verbindung von Herzen Glück, in dem verstand nämlich, worin er und ich das Glück zu nehmen gewohnt sindnicht als ob wir es schon ergriffen hätten, oder ergreifen könnten, sondern als diejenigen, die da harren, bis ihre Auflösung kommt. – Bis dahin muss ja Leid und Freude übertragen, und eins ins andere gerechnet werden, weil man sonst auch bei den glücklichsten Evenements nicht auskömmt." –

"Die Jungfer Sophie Erdmut ist, so weit ich sie kenne, ein sehr sanftes und gutes Frauenzimmer, welche richtig urteilt. Sie wird einen Mann sehr glücklich machen, der von nun an in seinem Gleise fortwandelt, und sich weder zur Rechten noch zur Linken umsieht. – Da nun die Kreuzesschule, wozu ich meinen lieben Hartknopf eingeladen, durch diese Verbindung ein Paradiess für ihn zu werden scheint, so wünsche ich denn, dass diess Paradiess bald möge durch ihn bevölkert, und ich zum Zeugen des Erstgebohrnen mit gerufen werden, so lange ich von den begebenheiten auf dieser Erde noch ein Zeuge sein kann. Es ist sehr wahr, was er schreibt, dass die Sonne noch nicht aufgegangen sei, unter der wir leben und wirken können, dass wir und kommende Geschlechter noch in Zelten im Dunkel des Waldes übernachten, und harren müssen bis die Morgenröte anbricht – – und so kann ich es ihm auch wahrlich nicht verargen, dass er sich sein Zelt aufschlägt, und in der kalten Morgenlust nicht unter freiem Himmel liegen will."

"Damit er nun aber auch das Zelt mit Quasten und Franschen verzieren könne, bitte ich, Inliegendes als einen kleinen Beitrag zu seiner ersten Einrichtung anzunehmen. – Und so wollen wir denn in Geduld den Tag des Aufbruchs aus dem Lager erwarten, und uns bis dahin einrichten so gut wir können, aber ja die Stäbe nicht zu fest einschlagen, sondern die Erde umher locker lassen, damit wir nicht langsam erfunden werden, wenn es gilt, schnell zu sein. – Der innere Friede sei mit uns!"

Die Trauung.

Diese verrichtete der alte Superintendent Tanatos. –

Sein Urältervater hiess Tod, und nannte sich Tanatos, als er in Erfurt Magister wurde.

Der alte Superintendent Tanatos verrichtete die Trauung selber, weil er seinen Substituten die Gebühren nicht gönnte.

Er wusste nicht, dass dieser Trauungsakt sein letzter war.

Der weite Priesterrock hieng über der hagern Gestaltdie Augen lagen tief im Kopf. –

Die Knie wanktendas Haupt bebtedie Zähne schlotterten im mund. –

Mit beiden Händen fasste er das hundertiährige Formular, das eiserne Klammern hatte, und las die Flüche des alten Testaments dem neuen Ehepaare vor: Zu dem mann sagte er:

"Verflucht sei der Acker um deinetwillen. Dorn und Disteln soll er dir tragen und im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brodt essen, bis dass du wieder zur Erden werdest, von der du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zur Erden werden."

Und zum weib sprach er:

"Mit Schmerzen sollst du Kinder gebühren, und dein Wille soll deinem mann untertan sein, und er soll dein Herr sein."

Es kam an die Worte: "bis der bittere Tod euch scheidet!" –

In sich gekehrt und ernst stand das Brautpaar da. –

Die letzte entscheidende Frage wurde mit einem leisen Ja! beantwortetdie Ringe wurden gewechseltdas Band war geknüpft, und die furchtbare Ceremonie endigte sich mit der Gratulation des alten Superintendenten Tanatos, dessen Gesicht sich zu einem Lächeln verzog, womit er dem Brautpaare Glück wünschte, und Hartknopfen und Sophien die knöcherne Hand reichte.

Das Hochzeitkarmen.

Wurde von dem Kandidat Hund, einem Anverwandten des Pächter Heil, der kürzlich die Universität verlassen hatte, überreicht, und