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beisammen, denn aus dem nächsten Städchen waren die Chorschüler zu diesem fest geladen, und der adjungirte Kantor aus eben diesem Städtchen dirigirte die Musik.

Die Musik sollte sich mit einem vollstimmigen Hallelujah schliessen, und Hartknopfs Rede mit einem Hallelujah in die Musik einfallen.

Welcher Genius ihn auf diesen sonderbaren spielenden Einfall brachte, ist mir noch jetzt ein Rätsel.

Wie nun ein Unglück selten allein kommt, so war die alte Emporkirche, auf der die kleine Orgel stand, lange nicht so gedrückt und erschüttert worden, als jetzt durch die Bewegungen der Sänger und Saitenspieler, und vorzüglich durch den Fusstritt des adjungjrten Kantors, welcher den Takt trat.

Nun stand aber oben auf der Orgel, gerade der Kanzel gegen über, mit losen Füssen, wie schwebend, ein grosser vergoldeter Engel. – Dieser fing zuerst allmählich an zu nicken, so wie der Kantor mit dem Fuss auftratund nachdem er verschiedenemale vorwärts genickt hatte, stürzte er auf einmal mit gewaltigem Sturze mitten unter die Sänger, die ihm Platz machten, und unbeschädigt aber erstaunt und erschrocken um ihn her standen.

Der mächtige Fusstritt des Kantors machte, dass die Musik noch wieder in Takt kam.

Hartknopf trat auf die Kanzel, und das bedeutende Hallelujah, womit das Chor sich schliessen, und die Predigt sich anfangen sollte, wälzte sich nun erst durch eine Anzahl Fugen hindurchwo der Alt, nach einer Pause immer einfiel, mit Ha! – Ha! – so dass die letzte Silbe von Hallelujah, und dieses Ha! zusammen trafen, um den abgebrochenen Freudenschrei desto vollkommner nachzubilden; in welchen denn Hartknopfs Hallelujah von der Kanzel einfallen sollte.

Nun hatte der herabgestürzte Engel zwar einige Unordnung erregtaber alles ging doch noch gut, bis auf den Altisten, neben welchen er dicht niedergestürzt war, und der sich noch nicht von seinem Schreck erhohlet, und in der Angst unrecht pausirt hatte, so dass er nun auf einmal, da die ganze Musik vorbei war, mit seinem Ha! – Ha! aus vollem Halse nachkam, und dieses nachgebliebene Ha! Ha! mit Hartknopfs feierlichem Hallelujah von der Kanzel gerade zusammen traf, welches den lächerlichsten Kontrast machte, den man sich denken kann.

Die Jubelpredigt.

Schade um sie! – dass durch ein feindseliges Geschick ihr Eindruck gehemmt, ihre erschütternde Kraft gelähmt wurde!

Und doch auch nicht Schade um sie! denn sie wird eben so wie Hartknopfs Antrittspredigt ihren inneren Wert behalten, wenn gleich die Herzen und Sinnen der Bauern in Ribbeckenau da, durch nicht gerührt wurden.

Hartknopfs Predigten sind geschrieben, und sind ein heiliges Buch, worin für kommende zeiten Trost und Stärkung liegt.

Aber die Bauern in Ribbeckenau blickten nur nach den leeren Stellen an der Kanzel, und auf dem Orgelgesimse. –

Und ich selbst konnte mich des Lächelns kaum erwehren, wenn ich an das verunglückte Hallelujah dachte.

Alle diese Zufälligkeiten sind aber nun abgefallen, und Hartknopfs Worte glänzen wieder in ihrer ursprünglichen Reinheit und klarheit.

"Die zeiten rollen fort und kehren wiederes ist nichts neues unter der Sonne." –

"Steh still, o Wanderer, auf dem Pfade und blicke noch einmal zurück, bis dahin wo des himmels Wölbung auf der Nacht des Waldes ruht." –

"Du tratest aus dem Dunkel in das Freie, und was du sahst schien dir nicht unbekannt." –

"Dein Ohr vernahm die längstgewohnten Töne wiederund du warest schnell der Sprache dieses Landes kundig." –

"Du fügtest dich in Sitten und Gebräuche, als brächtest du sie selber mit herüber."

"Du sprachst von dem, was vor Jahrhunderten geschahe, wie von den Angelegenheiten deines Hauses." –

"Du wusstest dich so schnell in das verwickelte Labyrint, in das du kamst, zu finden, als wär' es deiner eigenen hände Werk." –

"Dir lächelte mit dem Strahlenhaupte, verjüngt aus Morgenwolken dein alter Freund entgegen." –

"Den hiess dein Auge mit seinem ersten Blicke willkommenund sieht sich nimmer satt." –

"Und nimmer hört dein Ohr sich sattdenn keine Zunge erschöpft, was in dem Innersten deines Busens in tiefe Nacht sich hüllt." –

Das Hallelujah.

Musste notwendig missglücken, weil es zu einer gesuchten, veranstalteten Scene bestimmt war, die, wenn sie geglückt wäre, einen unauslöschlichen Misslaut in Hartknopfs Leben gebracht hätte. –

Nur seine eingeengte Kraft konnte eine solche Krümmung in sich selber machen, die possirlich werden musste, sobald die veranstalteteScene misslang.

Aber die verborgene Federkraft in seinem Busen dehnte sich mit Macht, und zersprengte die Posse wieder.

Dies gekünstelte und gesuchte Hallelujah bestrafte sich selbst, und wurde durch das Ha! Ha! des Altisten von der Orgel in seiner Geburt ersticket.

Dies Ha! Ha! und der herabgestürzte Engel warfen über die ganze Feierlichkeit eine komische Larve, und was von dem Feierlichen nicht ächt war, das verwehte, wie Spreu vom Winde.

Warum sind die Anekdotenbücher so voll von komischen Predigergeschichten? Warum hat man nichts lieber als Erzählungen von Unschicklichkeiten und Lächerlichkeiten des Pfarrers auf der Kanzel?

kommt es nicht daher, weil man einen gewissen angenommenen feierlichen Ernst schon voraussetzt, mit dem das geringste Komische weit mehr, als im gemeinen Leben absticht?

Und würde diess wohl der Fall sein, wenn die Predigten sich mehr der vertraulichen Unterredung, so wie bei den ersten Christen, nähmen? – wenn der Predigtstuhl wenig erhaben wäre und der Prediger weniger stolz