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Gedanke der immerwährenden sich stets verjüngenden Menschheit durchbebte die Seele. –

Wir hatten die Wälle und Türme von Braunschweig schon im Angesichtwir alle waren einige Minuten stillder Knabe schmiegte sich gerührt an seinen Vaterund ein armer pohlnischer Jude, der mitfuhr, hub in hebräischer Sprache den Psalm an herzusagen.

"Wenn die hülfe aus Zion kommen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden."

"Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein."

"Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Grosses an ihnen getan;"

"Der Herr hat Grosses an uns getan; des sind wir frölich."

"Herr, wende unser gefängnis, wie du die wasser gegen Mittag trocknest."

"Die mit Tränen säen, werden mit Freuden erndten."

"Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Saamen, und kommen mit Freuden, und bringen ihre Garben."

Der Jude dachte nicht daran, ob ihn jemand verstand, oder nicht, da er den Psalm hersagte, und alles war aufmerksam und still im sympatetischen Mitgefühl der Menschheit, die sich sehnet, dem Druck entnommen zu sein, der auf ihr liegt, und in ihrer angestammten Grüsse wieder zu schimmern.

Der Grobschmidt Kersting stieg vor dem Tor vom Wagen ab, und liess uns in einem angenehmen Staunen zurück über den wunderbaren Mann, den wir in unsrer Mitte gehabt hatten.

Nie werde ich seine Gestalt und die Würde und Wahrheit in seinem blick vergessen, womit er die Gemüter beherrschtedenn damahls ruhte auch Hartknopfs Geist auf ihm, mit dem er nun bei Sonnenuntergange auf Ribbeckenau zuwanderte, und zum erstenmal die süssen Worte der Erkennung vom Anbeginn verwandter Seelen mit ihm wechselte.

Diese Erkennungsworte lösen sich immer wieder in einen einzigen hohen Begrif auf, der heisst:

Humanitas.

Der Küster Ehrenpreiss und die Bauern.

Als sie nahe am Dorfs waren, begegnete ihnen der Küster Ehrenpreiss mit einigen Bauern, und murmelte für sich die Worte:

par nobile fratrum!

Die Bauern fragten ihn, was das hiesse, und er sagte: ein paar saubere Brüder! Die werden schöne Dinge anrichten!

Der eine hat bei seiner ersten Predigt schon das Signal gegeben, und der andere stand in einem Winkel in der Kirche und horchte, was der neue Prophet sagen würde.

Die Bauern schüttelten bedenklich die Köpfe über den neuen Propheten, der mit dem Ateisten und Goldmacher Kersting in das Dorf zurückkehrte.

Und als sie nun gar sahen, dass Hartknopf den Kersting in sein Haus begleitete, und dieser dann die tür hinter sich zuschloss, so machten sie das Zeichen des Kreuzes, und gingen mit gegen Himmel emporgehobenen Augen auseinander.

Das Abendmahl.

"Brannte nicht unser Herz in uns, da er auf dem Wege

mit uns redete?"

Kersting. Beliebt noch eine Hälfte von der Taube.

Hartknopf. Ich habe genug von der Taube.

Kersting. Sie ist nicht hölzern.

Hartknopf. Ich mag nicht an die hölzerne erinnert sein.

Kersting. Nein, es wäre auch Schade darum, das schöne Bild so zu entstellen. – Mir ist die Taube im hohen lied das zarteste Sinnbild der Liebe, ohne welche das Leben leer ist. –

Hartknopf. Warum noch einmal auf denselben Punkt.

Kersting. Weil ich ins Herz treffen will. – Wir haben nur von der himmlischen Weisheit gesprochen, die muss sich notwendig in einem sterblichen leib zu den Sterblichen herabsenken, und heisst alsdann: Sophia Erdmut.

Hartknopf schwieg, und Kersting schenkte zwei Pokale voll Wein, die wurden schweigend ausgeleert. –

Und nun stimmten die allgemeinen Begriffe sich allmälig zur Individualität herab.

Man träumte sich ein süsses Lebensglück, das den Sterblichen so nahe läge, wenn sie es nur ergreifen wollten.

Die Gedanken verkehren sich in Scenen von häusslicher Glückseligkeit, von ruhigem Beieinandersein, und vergessen der weiten Welt umher.

Ein treuer Handschlag versiegelte das Freundschaftsbündniss. – Hartknopfs Entschluss ward tief in seinem Busen fest, und als ein verlobter Bräutigam verliess er noch diesen Abend die Schwelle seines Gastfreundes.

Mein Besuch bei Hartknopf in Ribbeckenau.

Ich fand ihn im Garten, wie er Bohnenstangen setzte, und er bewillkommnete mich unter den Bohnenstangen.

Er war nun der völlige Hauswirt geworden, denn er hatte auch Bienenkörbe, die er mir zeigte. –

Ich brachte ihm wieder Rettigsaamen mit, denn der, den ich schickte, hatte auf seinen Feldern noch nicht gedeihen wollen.

In seinem Antlitz glänzte eine heitere Freudeund dann zuweilen wieder ein tiefes Nachdenken.

Er hatte mir schon geschrieben, dass er verlobt sei. – Ich wünschte ihm Glück dazu, und er dankte mir bloss mit einem Händedruck. –

Nun war auf den nächsten Sonntag gerade eine grosse Feierlichkeit in Ribbeckenau, bei welcher ich mit zugegen war. –

Die Kirche in Ribbeckenau hatte nämlich hundert Jahre gestanden, und feierte nun ihr erstes Jubelfest, und Hartknopf hatte schon allerlei Veranstaltungen getroffen, um diese Feierlichkeit recht glänzend zu machen.

Ribbeckenau schien wirklich seine Welt geworden zu seiner hatte einen Zauberkreiss um sich her gezogen, der das, was er umschloss, in seinen Gedanken zu einem Elysium umschuf.

Das Jubelfest.

Der festliche Tag war nun da; man läutete die Glokkendie benachbarten Dorfschaften hatten sich versammletdie Menge der Zuhörer fand in der Kirche nicht Platz. –

Der Grobschmidt Kersting war bei diesem Jubelfeste verreisst. –

Musik und Rede sollten nun vereint auf die Zuhörer wirken.

Vokal- und Instrumentalmusik war