1790_Moritz_074_11.txt

, und der wunderbare Knabe stand vor ihm, und horchte auf die göttlichen Lehren, die wie Honigtau von den Lippen träuften, und von des Knaben Seele aufgefasst, wie ein Kleinod in das Innerste seines Busens verschlossen wurden.

In der nächtlichen Stille erhub Elias seine stimme und sprach:

"Die unendliche Erde, die dich trägt verschmäht den Kuss deines Fusses nicht, denn deine Scheitel ist ihre Krone." –

Hier legte er seine Hand auf des Knaben Haupt, und liess sie an seinen Locken hinuntergleiten.

"Dein leisester Fusstritt bebt in ihre innersten Tiefen." –

"Sie lockt den steigenden Vogel, und den befiederten Pfeil mit sanftem zug an ihre Brust zurück. –

Aus ihr strömt Lebenskraft in deine Adern, wenn du aufrecht stehst, und wenn du wandelst. –

Sieh diesen Baum und jene wallenden Saaten. –

Sie gab deinem Körper die Biegsamkeit des Halmes, vereint mit der Stärke des Baumstammesund deine Fingerspitzen pflücken Blumen, die ihrem Schooss entspriessen.

Dein blick schauet himmelwärtssie aber heftet ihn wieder auf das Kraut und auf das Steinchen zu deinen Füssen. –

Sie ist die Allesernährende, Grosse, Geheimnissvolle. –

Wer sich an sie schmiegt, der sitzt im Rat der Götter. –

Sie hat mit dir geredet, und grüsst dich mit dem Kusse meines Mundes!"

Der Umweg.

Er fühlte sich angezogen und zurückgestossen, als er den Turm von Ribbeckenäuchen wieder vor sich sah. –

Die Strasse ging durch das Dorf, ein Fussweg ging vorbeisollte er die gerade Strasse oder den krummen Fussweg gehen?

Er ging die gerade Strasse nicht; denn sein Innerstes war mit sich selbst im Streit. –

Hier war es, wo seine Lebensbahn aus dem Gleise wichauf diesem Fusswege um das Dorf bildete sich im Kleinen ab, was Jahre hindurch ihn quälen würde. –

Für ihn war die breite Heerstrasse, welche vom Aufgange bis zum Niedergange die Länder durchschneidet, die von den Menschen nach ihren Zungen und Sprachen benannt sind. –

Der Fussweg um das Dorf aber vollendete und verlohr sich in sich selberund Hartknopf fühlte durch diese sanfte Krümmung sich unwillkührlich angezogen, von der andern Seite in das Dorf wieder zurückzukehren.

Die süsse Täuschung erhielt in seiner Seele die Oberhanddas häusliche stille Leben stellte sich ihm mit seinen reizendsten Farben dardas wirtbare Stübchen mit dem runden Tischgender grüne Kirchplatz, dem Fenster gegenüber, und die spielenden Knaben des Dorfs. –

Auf dem krummen Fusswege, der sich durch die grünen Saaten schlängelte, mahlte seine Phantasie, das in sich selbst vollendete ruhige Leben aus, das kein höher Ziel als sich selber kennt, und seinen schönen Kreislauf mit jedem kommenden Tage wiederholt.

So wie hier der Weg in die Krümmung sich verlohrverlohr sich seine Aussicht in das Leben im süssen Traum vom Erwachen zu frohen Tagen, vom Genuss des Lebens und der Gesundheit bei dem harmonischen Wechsel der Jahreszeiten.

Das Vermiedene stellte sich ihm nun so reihend dar, eben weil er es geflissentlich vermeiden wollteda rächte es sich an seiner Phantasie mit den Farben des Morgenrots, worin alle seine Gedanken und Bilder sich kleideten. –

Ob es gleich die schwüle Zukunftschwangere Mittagsstunde war, in welcher er gut dem einsamen Pfade um das Dorf ging. –

Dieser hohe Mittag lud ihn in den wirtbaren Schatten ein, wo sanfte Kühlung herrschte, wo schon die Blicke ihn willkommen hiessen, die ihn gestern so freundlich wiederzukommen baten.

Alles war so stille auf dem feld und im dorfnur die summende Fliege weckte das Ohr zu horchen, und leise Wünsche stahlen sich in die Seele des einsamen, der mit schnellern Schritten vorwärts ging, je näher er sich am Ziele sah. –

Am Ziele, das im Widerschein der Phantasie sich dicht vor seine Augen hingezaubert hatte, und bald, da er es fest zu umfassen glaubte, in die ungemessene Ferne plötzlich wieder zurückwich. –

Aber auch dieser Wirbel vermochte den Strom nicht in seinem Laufe zu hemmen, welcher Dämme durchbrach, und sich sein Bett durch Felsen wühlte. –

Die willkommene Tür des Pächter Heil eröfnete sich, und nahm den Wanderer ein. –

Sophie Erdmut sass in einer Ecke, und nähte, als Hartknopf in die stube tratsein erster blick fiel auf sieihn bewillkommend stand sie auf, und erwiderte durch einen sanften Händedruck seinen blick voll ernster Liebe.

Er ass bei dem Pächter Heil das Mittagsmahl, und als er über das Torfmoor nach Ribbeckenau wieder zu haus kehrte, ertönte ihm unterwegens folgende Sinfonie.

Die Sinfonie.

Am Abend kehren die Schritter heim vom feld, und schleppen ihre Sensen nach. –

Dem Hungrigen ist das Mahl, dem Müden die Lagerstatt bereitet. –

Sie grüssen das Dach der gewohnten Hütte, und das kleine Fenster in der leimernen Wand. –

Sie lagern sich ehe die Dämmerung kommt, und schlummern bis die Lerche erwacht. –

Dann hebt das neue Tagewerk anund immer wächst die Mühe je höher die Sonne steigt. –

Und wenn der Schweiss von der Stirne träust, so labt ein erquickender Trunk den Gaumen. –

Bis die Stunde des Mittagsmahls mit schwerem Schritt heranrückt. –

Nun lagern die Müden sich in den Schatten, verzehren hastig ihr Mahl, und eilen schnell wieder an ihr Werk, denn ein Gewitter steigt herauf. –

Die Donnerschwangere Wolke lähmt den Arm, die hände werden lass.

Aber siehe! von Abend her erhebt sich ein kühler Wind, die Wolken zerteilen sich