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werden, der sich gut zu sein stellen könnte, und alsdann könnte ein solcher einem leichtlich Verfolgung und allerlei Leiden erwecken."

Nun kamen aber noch mehrere Dinge zusammen, welche die Vorliebe des Herrn von G... zu dem obigen lied, wo nicht entschuldigen, doch erklären. –

Es war nämlich gerade damals eine Schrift wider die Schwärmerei erschienen, welche viel Aufsehens machte, deren Verfasser mit einer Selbstgenügsamkeit ohne Weichen, und mit einer bittern Unduldsamkeit alles in eins warf, was ihm freilich eins zu sein schien; welcher so wenig Sinn hatte, das Zarte von dem Groben zu unterscheiden, dass dies Buch freilich den Hrn. von G... empören musste, statt ihn aufmerksam zu machen.

Folgende Stelle schien ihm besonders hart, und er konnte sie nie ohne Unwillen lesen:

"Wer es auch sei, der euch von einem inneren Worte, von höhern Offenbarungen sprichthütet euch vor ihm, wie vor der Pest die im Finstern schleichter ist ein bübischer Gleissner, oder ein intoleranter Dummkopf und in dem einen Fall so gefährlich wie in dem andern."

Nun war der Herr von G... weder ein Gleissner noch ein Dumkopf, und sprach doch auch von einem inneren Worte, und von etwas, das er für höhere Offenbarungen hieltdie Stelle in dem buch würde ihm aber doch nicht so hart aufgefallen sein, wenn der ganze Geist des Buches wider die Schwärmerei ihn nicht schon gedrückt hätte. –

Denn es war ihm immer unerklärbar, dass es irgend jemanden möglich gewesen sei, so zu schreibenseine Zarteit des Denkens konnte jene Grobheit nicht übertragen, sondern erlag darunter. –

Nun hatte er aber bei aller Ertödtung der Eigenheit hoch immer noch so viel Selbstgefühl, dass er wohl wusste, eine Denkkraft, welche die Sachen fein zu nehmen vermag, sei mehr als eine solche, die diess nicht vermag.

Diess hob ihn selbst wieder in seinen Gedanken emporund nährte den kleinen mystischen Uebermut, der ihm zuweilen anwandelte. –

Der Narr voll Gravität stand dann vor ihm, der in seine Worte ein Gewicht legen wollte, dass seine Gedanken nicht hatten.

Diess war die sonderbarste Mischung von Ueberlegenheit und Schwäche, die man sich denken kannund eben daraus entstand das Disharmonische jenes unmerklichen Uebermutes bei dem Herrn von G... welchen Hartknopf nicht ertragen, und seinen Spott darüber nicht zurückhalten konnte.

Als ihm aber der Herr von G... die oben angeführte Stelle in dem buch zeigte, welches broschürt auf dem Klavier lag; so wurde die Miene des Spottenden allmälig wieder sanft und gut.

Ja, sagte Hartknopf, mir fällt immer jener lahme Schulmeister ein, der in seiner Schulstube sass, die Rute und den Stock ans Fenster gesteckt, und dazwischen durchsähe, wie die Jungens im Dorfs schwärmten. –

Ach, wie sie schwärmen! seufzte erwenn ich sie wieder habe, wie will ich sie züchtigen. –

Der Herr von G... lächelte und sagte: die schwärmende Biene saugt den Honig! Wohl! erwiderte Hartknopf, aber sie wohnet und bauet den Honig in ihrem Korbe! – Hiemit wünschte man sich einander gute Nacht. – Die Frau St... wiess Hartknopfen sein Lager anund ihre Tochter begleitete den Herrn von G...

Elias.

Die Züge dieses Namens schienen noch nicht ganz verweht zu sein, als Hartknopf am folgenden Tage, bei seiner Rückkehr von dem Herrn von G..., wieder auf denselben Fleck, in dem Fichtenwalde kam, wo er mit seinem Stabe Figuren in den Staub schrieb.

Eine süsse Ahndung kam in Hartknopfs Seelees war ihm noch aufbewahrt, unter dem Hochgerichte von Gellenhausen, den alten Rektor Emeritus wieder zu sehen, – denn dieser war sein Lehrer und Meistersein Ellas

Es war der einzige Freund seiner Jugend, an dessen Hand er zuerst den Felsen erstieg, an Abgründen wandelte, dem Wasserfalle horchte, dem kommenden Sturme entgegen ging, und in der einsamen Hütte sich vor dem Regen barg. –

Wenn schwarze Gewitterwolken hinter der Stadt sich auftürmten, wie ein Berg, und die Sonne mit ihrem Glanze dicht auf dieser Dunkelheit ruhteso eilten Hartknopf und sein Lehrer mit ein paar Schritten durch den Gärten hinaus ins Freie, und standen, wie das erste Menschenpaar, auf dem einsamen Erdkreise, vor der mächtigen Erscheinung, im dämmernden Lichte da. –

Dann war wie ein Traum in des Knaben Seele seine Kindheit, sein Beginnen, sein Wandeln an seines Führers Hand. – Es däuchte ihm Täuschung, und war doch wirklich. – Die süsse Täuschung währte, so lange das Licht die Nacht umsäumtewar aber die Sonne hinter dem Wolkenberge ganz versunken, so war auf einmal alles wieder so gewöhnlich: – auf dem Turme schlug der Seigerman eilte durch den Garten in die stubeda waren die weissen Wändedas Dintenfass und der Bücherschrankman setzte sich an den Tisch, und lernte Sprachen.

Wenn aber Himmel und Erde mit Macht in des Knaben Seele sich spiegelten, und die zarte aufschiessende Knospe auseinander drängten, so hieng sein schmachtendes Auge am Auge seines Lehrers, das ihn allein verstand. –

Wenn dann im Glanze des Vollmondes die kleine Stadt mit dem spitzen Turm vor ihnen lag, und Berg' und Täler rund umher, und das Entfernteste wie ein Gewölke sich am Horizonte gelagert hatte; so sass Elias auf dem abgehauenen Stamme der Elche