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Karl Philipp Moritz

Andreas Hartknopfs Predigerjahre

Ribbeckenau.

Klang schon fatal in Hartknopfs Ohren, als er zum erstenmale diesen Nahmen hörte. –

Und da er ihn in seiner Vokation mit grossen verschlungenen Buchstaben geschrieben sah, ärgerte sich sein Auge daran.

Ribbeckenau war die Mutterkirche, und Ribbekkenäuchen das Filial davon, wozu der Weg über ein Torfmoor führte.

Hier war es, wo der Knäuel seines Lebens sich in labyrintische Knoten verwickelte, die nur die Schärfe des Schwerdts wieder lösen konnte.

Wo seine Kraft, die sonst freien Spielraum hatte, zum erstenmale in sich gedrängt, allerlei Sprünge und wunderbare Verzierungen in sich selber machte, weil sie sich selbst nicht kannte. –

Durch diese Klemme musste Hartknopfs Leben selbst noch durchgehen, ehe es ungehemmt in seinem vollen Glanze leuchten, und wohltätige Klahrheit um sich her verbreiten konnte.

Der, welcher die Nebel der Täuschung so oft verscheucht hatte, musste noch einmal durch Selbsttäuschung von der edelsten Art geprüftzu einem höhern Dasein vorbereitet, und jeder Keim einer unruhigen Wirksamkeit in ihm ausgerottet werden.

Mein Abschied von Hartknopf, als er aus Erfurt

ging.

Da sassen wir auf der grossen Treppe vor dem Dom, und sprachen von Ribbeckenau, wie weit es sei, und wie bald und wie oft ich ihn dort besuchen könnte? und von der Verschiedenheit der Rettiche, die in Erfurt vorzüglich gut sind, und eine von Hartknopfs Lieblingsspeisen waren, wobei er gewissermassen mit Leib und Seele genoss, wenn er die geheimnissvollen Salzkörner, auf die runden Scheiben streute, und dann auf seiner Zunge das innere Wesen dieser edlen Bestandteile in ihrer feinsten Auflösung schmeckte.

Seine Gedanken beschäftigten sich in diesem Augenblicke ganz mit der Anpflanzung von Erfurter Rettichen in Ribbeckenau, und ich versprach ihm heilig Rettigsaamen aus Erfurt zu schicken.

Wir gingen alsdann noch auf der Kirschlache spatziren, wo wir uns eine ganze Weile an ein Geländer stellten, und ins wasser sahen.

Ich begleitete ihn vors Tor hinaus, wo wir in einem wirtshaus einkehrten, hier setzte er sich mir gegenüber und sagte: Ich gehe nun nach Ribbeckenau (bei dem Nahmen erhielt seine Mine einen sehr verdriesslichen Zug) um das Evangelium zu predigen, und du bleibst in Erfurt, um das Evangelium noch eine Zeitlang predigen zu lernen. Du weisst nun den Hörsaal, wo man das lernt; und kennst den Mann, welcher diesen erhabenen Lehrstuhl bekleidethalte dich fest an ihn, und übe dich im fertigen Nachschreiben, suche ihm die Worte aus dem mund zu stehlen, noch ehe er sie ausgesprochen hat, und bediene dich der Abbreviaturen, die deiner Hand und deinem Gedächtnisse geläufig sind. – Schreibe auch die unterlaufenden Spässe mit auf, denn sie stehen nie am unrechten Orteund werden dir eine angenehme Erinnerung sein, wenn du die Vorlesung zum zweitenmale hören solltesthüte dich sehr Backelaureus oder Magister der Weltweisheit zu werdenund wenn du dich im Predigen übest, so stelle dich an einen rauschenden Wasserfall, wo keines Menschen Ohr den laut deiner Worte vernimmtfahre fort, fleissig Kirchengeschichte zu studiren, und nun lass uns noch einen Rettich zusammen essen.

Der Rettig wurde auf einem Teller gebrachtMit einer feierlichen Mine schälte Hartknopf ihn ab, schnitt runde Scheiben davon, und indem er langsam und nachdenkend die Salzkörner darauf streuete, und die erste Scheibe mir darreichte, blickte er mich ernstaft an, und sagte: so oft ihr solches tut, so tuts zu meinem Gedächtniss!

Als wir nun hinausgingen, gab ich ihm noch folgende Verse, die ich auf seinen Abschied gemacht hatte:

Du gehst nach Ribbeckenau

In Erfurt bleibt Dein Freund;

Die Ferne dämmert grau ...

Das trübe Auge weint ...

Doch ist nun über mir

Der Himmel wieder blau,

denke ich, er lächelt. Dir

Doch auch in Ribbeckenau.

Als ich diese Verse noch an Hartknopf übergeben hatte, steckte er sie, ohne sie zu lesen in die tasche, und sagte: ich möchte den Rettigsaamen nicht vergessen, er wünsche mir wohl zu leben, und ich möchte ihm nun die Liebe tun, und nach Erfurt zurückkehren, welches ich dann tat, und weil wir auf einer Anhöhe Abschied genommen hatten, ihn sogleich aus dem gesicht verlohr.

Hartknopfs Antrittspredigt.

Die kleine Kirche in Ribbeckenau war mit sehr vielem hölzernen Schnitzwerk und Zierraten versehen. Unter andern war auch vorne an der Decke über der Kanzel der heilige Geist in Gestalt einer Taube schwebend abgebildet. Die Arbeit war von Holz und bloss angeleimt.

Als Hartknopf die Kanzel bestieg, schwebte sein böser Genius über ihm.

Ganz in seinen Gegenstand vertieft, dachte er nicht an das, was über ihm war, und die Länge seines Körpers war Schuld, dass er mit der Stirne gerade gegen den einen Taubenflügel rannte, und auf die Weise die schwebende Gestalt des heiligen Geistes zum Schrekken der ganzen Gemeine herabstiess.

Da er sich nun aber diess, als einen Zufall, der weiter keine Folgen hatte, gar nichts anfechten liess, und mit der grössten Kaltblütigkeit seine Predigt anfieng, als ob gar nichts geschehen wäre, so erschrack die Gemeine noch weit mehr.

Er hub nun seinen Spruch an: im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. –

Also: im Anfang war das Wort, und das Wort war selbst der Anfang.

Diess deutete er nun auf den Anfang seines Lehramts: was bei ihm wohl anders der Anfang sein könne, als das blosse Wort, womit er anfienge? Da