diesen Winter nicht von seiner Burg, als wenn ihn die Jagd etwa in die benachbarten Wälder zog. Seine Waffengenossen besuchten ihn fleissig; neue von mir vorher nie gesehene Gesichter, deren Wildheit mich in die Einsamkeit meines Zimmers zurückscheuchte. Das Gebrüll ihrer schwelgerischen Freuden störte des Tages meine Ruhe und des Nachts meinen Schlaf, ich sehnte mich nach Erlösung aus diesem wüsten Leben, sehnte mich nach der Rückkehr der Zeit der Waffen, und noch vielmehr nach jener Zeit, da Ulrich seine heimlich Verlobte heimholen würde! der stille sanfte Ulrich, in dessen friedsamer Burg in einst Tage des himmels zu verleben hoffte!
Es war den Abend vor Dreikönigentag, als Konrad, der jetzt leichtsinnig genug war, die heiligen Abende mit seinen Schwelgereien zu beflecken, noch mit einer Schaar wüster Gesellen bei der Tafel sass und zechte. Ich, die meine Ulrichen geweihte Schönheit – ja Herrmann, ich war damals schön – zu heilig hielt um sie frechen Bliken auszustellen, kam nie bei meines Bruders Gelagen zum Vorschein. Ich hatte gesorgt, dass es den Zechern an nichts gebrach, und zog mich nun nebst meinen Dirnen auf den Altan über der Hinterpforte zurück, um dem wilden Getön, das alle Gewölber des Schlosses durchhallte, zu entfliehen, und die Stille einer hellen Winternacht zu geniessen. Immer war mir die natur schön auch in ihrem einfachsten Gewande. Der Sternhimmel funkelte auf die beschneite Gegend herab, meine Mädchen zitterten vor Frost und wurden zu Bette geschickt, aber mich wärmte die Liebe und das Andenken an Ulrich. Ich dachte mir die blühenden Lauben, in welchen ich mit ihm gesessen hatte, ich dachte mir den Blumenkranz, in welchem er mich nächstens zum Altare führen würde, und hinweg war Frost und alle Gefühle des Winters.
Ich war so ganz in meinen Träumereien verloren, dass ich es erst spät gewahr ward, dass sich aus dem benachbarten Gehölz ein paar menschliche Figuren hervortaten, und auf unser Schloss heran schlichen. Der Widerschein des Schnees bildete mir sie ganz schwarz, und ich, die ich nicht so verwegen war, wie etwa mein Bruder, die Erscheinungen der Geister der Finsterniss zu leugnen, hatte kaum Mut zum zweitenmal die Augen aufzuschlagen. Doch Neugier und gutes Gewissen machten mich beherzt. Ich stand auf und schaute hinab. Jetzt standen die Männer so dicht an der Pforte, dass ich sie von oben nicht sehen konnte. drei Schläge geschahen an das Tor, die tief in dem gewölbten Gange, den es verschloss, wiederhallten, und schnell entfernten sich die Urheber dieses grässlichen Getöses und verschwanden in dem nahen Gebüsch.
Augenblicklich ward Lärm im schloss. Der Wächter auf dem Turme fing an zu trommeten, in den Seitengemächern kamen Lichter zum Vorschein, unter mir dröhnte das Gewölbe von dem Fusstritt unserer Reisigen, die herbeieilten, die Hinterpforte zu öfnen. Zwanzig Stimmen liessen sich hören und verhinderten, dass ich keine einige deutlich vernahm. Bald darauf hörte ich auch meinen Bruder und seine Gäste. Konrad fluchte und die trunkenen Zecher lachten. Mein Herz pochte, ich ahndete etwas schreckliches; ich weckte meine Mädchen und schickte sie aus, Kundschaft einzuziehen; sie kamen zurück, mir zu sagen, dass die Zechgesellschaft schnell aus einander gestoben sei, und dass mein Bruder eben erscheinen würde, mir selbst zu berichten was ihm begegnet sei. – Die Dirnen weinten, und ich weinte mit ihnen vor Angst und banger Erwartung.
Konrad erschien, todenbleich vor Schrecken. Ich erfuhr, o Gott, konnte ich wohl etwas fürchterlicheres erfahren als dass mein Bruder vor den freien Stuhl zu Osnabrück geladen sei, Rechenschaft wegen gewisser Handlungen zu geben, welche ich schon so oft mit schwesterlicher Bescheidenheit an ihm geahndet hatte. Ich bebte, und doch konnte ich den ganzen Umfang unsers Unglücks nicht einsehen, mein Bruder brachte die halbe Nacht hin, mir alle Schrecknisse dieser heimlichen Gerichte zu schildern, und mir es begreiflich zu machen, dass er auf die Ladung, welche die Schöppen an das Schlosstor geschlagen hatten, nicht erscheinen könne noch dürfe. Ich behauptete das Gegenteil und wir schieden in halben Unwillen von einander.
Die nächsten Tage sahen mich in Tränen, in halber Verzweiflung. Ich warf mich meinem Bruder zu Füssen, ich flehte, er sollte erscheinen. Was verlangst du? rief er, meinen Tod? das was man in Osnabrück mein Verbrechen nennt, ist so gut als erwiesen, erscheine ich, so siehst du nie mich wieder, dahingegen im entgegengesetzten Falle Behutsamkeit, Flucht, oder Tapferkeit mich retten kann!
War eine solche Erklärung wohl im stand mich zu beruhigen? Sein Verbrechen erwiesen? Sein Tod gewiss? Flucht das einige Rettungsmittel? was für Worte! – Fast brachte mich der Kummer und das Bestreben, hier einen Ausweg zu ersinnen, um Verstand und Leben. Indessen ging mein Bruder frei und ruhig auf seiner Burg aus und ein, niemand beschimpfte oder tastete ihn an. Er ward sicher, die alten Beschäftigungen, die ehemaligen Gesellschaften kamen wieder zum Vorschein. Auch ich ward von seiner Sorglosigkeit angesteckt, und fast hatte ich die ganze Sache vergessen, als die nächtlichen Warner zum zweitenmal anklopften, und meine Gefühle bei ihrer ersten Erscheinung erneuerten.
Meine Empfindung der nahen Gefahr war diesmal heftig aber nicht daurend; ich bemerkte dass die Sonne uns eben so schön glänzte, natur und Menschen uns eben so freundlich lachten, als zuvor, der Besuch jener nächtlichen Schleicher, wie Konrad sie nennte, dünkte mir endlich Kleinigkeit zu sein, und ich erschrack kaum als mir meine Dirnen eines