sie zu beantworten. Sie kannte jetzt ihren Bruder genugsam offenherzig gegen ihn zu sein. Die Beschäftigung um sie hatte ihn ihr lieber gemacht. Sie gestand, dass Ulrich von Senden einen so grossen Anteil an ihrer geschichte habe, dass es ihr unmöglich sein würde, ihm das zu erklären, was er zu wissen verlange, ohne ihn gleich zum Vertrauten ihrer eigenen Angelegenheiten zu machen.
Bernd von Unna geruhte zu oft, in dem Zimmer seines kranken Bruders zu sein, und ihn mit fragen über die Höfe, welche er gesehen und den Ton, der daselbst herrschte, zu quälen, als dass es Alizen so leicht hätte werden sollen, die nötige Zeit zu ihrer Erzählung zu gewinnen, aber einsmahls beliebte es ihm nach Engelrading zu ziehen, wo die Herrn von Ravensberg und Meerveld ein Stechen angestellt hatten, und der erste ruhige Tag, den man dadurch bekam, ward so gleich auf die Art genutzt, wie meine Leser sehen werden.
Wie soll ich, fing die Frau von Unna ihre geschichte an, wie soll ich euch begebenheiten mitteilen, deren Erwähnung alle alte Wunden meines Herzens aufreissen, mich vielleicht euch in einem falschen Lichte darstellen wird? Doch wir sind allein, und ich weis, ihr verzeiht es der Schwachheit des weiblichen Herzens, wenn beim Andenken vergangener Dinge einige Tränen fliessen sollten. Ich versichere euch vor Gott, Ulrich ist mir nicht mehr das, was er mir ehemals war, ob ich ihn gleich nie ohne Erschütterung ansehen kann. Es ist eine eigene Empfindung, die mich bei seinem Anblicke überfällt, nicht bloss Ueberbleibsel ehemahliger Liebe, Entsetzen, Furcht, Mitleid, ein Gemisch der seltsamsten Gefühle – doch ihr sollt hören und urteilen.
Meine liebreiche Schwägerinn Katarine wird nicht ermangelt haben, euch zu sagen, dass ich aus dem seit vielen Jahren von der heimlichen Acht verfolgten haus von Langen bin. Die Händel meiner Väter mit den Bischöffen von Osnabrück gehören nicht hieher. Mein Vater ward ein Opfer derselben, auch meine Mutter war nicht mehr, der Gram hatte sie frühzeitig getödet, und ich lebte unter der Vormundschaft meines ältern Bruders.
Konrad liebte mich, sorgte für mich wie ein Vater, und sein Zutrauen zu mir war so unumschränkt, dass er mir volle Freiheit in meinen Handlungen liess; ich spielte auf seinem schloss die nehmliche Rolle wie hier, war nicht sein Mündel, nicht die jüngere Schwester des Besitzers, nein, Frau und Gebieterinn.
Konrad war, Gott weis in welchen Geschäften, oft Monate lang abwesend von seinem schloss, mich dünkt, er legte damahls den Grund zu dem Unglück, unter welchem er jetzt lebt, seine Handlungen waren oft rasch und unüberlegt, und der Schein, den seine Feinde denselben zu geben wussten, erhöhte ihre Strafbarkeit. Ich hielt es für Pflicht mit Gebet und guten Werken daheim dasjenige abzubüssen, was Konrad auswärts sündigte, und dadurch den göttlichen Zorn von unserm haus, das ohnedem genug gelitten hatte, abzuwenden. – Meine Uebungen mochten gut und löblich sein, Armut, Alter und Krankheit fanden Zuflucht, hülfe und Pflege auf Konrads schloss, aber offenbar dehnte ich meine Mildtätigkeit zu weit aus, und musste dafür leiden, sie ward der Grund des Verlusts meiner Ruhe!
Ulrich von Senden war nahe bei unserm schloss
in einem Zweikampf gefallen, seine Leute brachten ihn zu uns, und flehten um Zuflucht und Pflege für ihren Herrn. Der jungfräuliche Wohlstand hätte erfordert, die sorge für einen so jungen und schönen Ritter, wie Ulrich war, von mir zurückzuweisen, und ihn nach den Mönchen des benachbarten Klosters zu schicken, welche auch reich an guten Werken waren, aber ich erwog bei dem gegenstand der Mildtätigkeit, den man mir zeigte, nichts als die Gefahr seiner Wunden. Ulrich ward auf unser Schloss gebracht, ward schwesterlich von mir gepflegt, genass und – Mitleid und Dankbarkeit ward schnell bei uns zur Freundschaft, eben so schnell zur Liebe.
Wir waren glückliche Liebende, Unschuld und Hoffnung gingen uns zur Seite; o Tage des himmels, wohin seid ihr geschwunden!
Kurz war Ulrichs Aufentalt bei mir nach seiner Genesung, seine Geschäfte und der Wohlstand ruften ihn hinweg, aber wir hatten uns lang genug gesehen um den Grund zu einer Liebe zu legen, die, wie wir meinten, ewig dauren sollte. – Wir schwuren einander! Ulrich sollte noch einige Heerzüge tun um Ruhm und Ehre zu erwerben, und ich wollte indessen des Hauswesens meines Bruders warten, bis fräulein Beate von Meervel, seine Verlobte, das Regiment aus meinen Händen empfangen könnte, alsdenn sollte Ritter Ulrich erscheinen, und gebührlich um mich werben; mein Bruder konnte, durfte mich dem nicht versagen, den ich liebte, sein Herz musste es ihm verbieten, mein Glück war ihm zu teuer, mein Wille ihm zu heilig, auch hatte er Vermögen genug, das zu ersetzen, was Ulrichen etwa an zeitlichen Gütern abging.
Der Winter kam, der ritterlichen Uebungen wurden weniger. Mein Bruder Konrad kehrte in sein Schloss zurück, viele Wagen mit Beute beladen folgten ihm, und ich konnte mich nicht entbrechen zu fragen, ob all' dieses Gut mit Recht erworben sei. – Ein finsterer blick Konrads, vielleicht der erste, den ich in meinem Leben von ihm erhielt, beantwortete dieses. Weiber, sagte er, verstehen nichts von den Rechten des Schwerds, nichts von den Freiheiten des Adels, und müssen von solchen Dingen schweigen.
Ich schwieg dann, und hatte bald mehr gelegenheit mich im Schweigen zu üben. Konrad kam